Zur Person

Helga Rübsamen-Schaeff ist Chemikerin, Virologin und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina in Halle. Die Einrichtung berät die Landes- und Bundesregierung im Umgang mit der Pandemie. Rübsamen leitete in ihrer Karriere ein Institut der Grundlagenforschung, die Infektionsforschung bei Bayer und arbeitete unter anderem an HIV. Als Gründerin der Pharma-Firma „AiCuris“ entwickelte sie einen Wirkstoff gegen das Cytomegalie-Virus, das bei immunschwachen Patienten zum Tod führen kann. Für ihre Forschung wurde Rübsamen vielfach ausgezeichnet, u. a. 2018 mit dem Deutschen Zukunftspreis. (aw)

Volksstimme: Frau Dr. Rübsamen-Schaeff, die Politik in Sachsen-Anhalt hat beschlossen, die Kontaktbeschränkungen bis 19. April zu verlängern. War das nötig?

Helga Rübsamen-Schaeff: Wenn ich mir die bundesweiten Zahlen an Neu-Infizierten anschaue, definitiv. Angenommen, wir hätten täglich 50 neue Fälle, wie China sie derzeit angibt, könnte man über Lockerungen nachdenken. Bei aktuell mehr als 6000 Neu-Infizierten binnen 24 Stunden wäre das aber fahrlässig. Wir müssen alles tun, um die Überlastung der Kliniken durch zu viele Patienten zu verhindern.

Die Leopoldina hat gerade ein Papier vorgelegt, aus dem hervorgeht, dass erste Lockerungen unter Auflagen nach Ostern möglich wären ...

Ich persönlich halte das für ambitioniert. China hat die Beschränkungen zwei, drei Monate aufrechterhalten. Das ist die Größenordnung, in der auch wir denken sollten. Vielleicht bekommen wir die Situation durch viele Tests und gezielte Quarantäne Infizierter entschärft. Man sollte aber keine falschen Hoffnungen wecken, auch wenn Einschränkungen belastend sind. Gegen den Koller sollte man sich an frischer Luft bewegen. Das ist gerade jetzt enorm wichtig fürs Immunsystem.

Die Beschränkungen sind umstritten. CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet hält die Debatte über eine Exit-Strategie jetzt für angebracht ...

Über eine Strategie nachzudenken, wie man am besten die Beschränkungen wieder lockert, in welcher Reihenfolge und unter welchen Umständen, ist nie zu früh, damit dann auch eine geordnete Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens oder von Teilen davon möglich ist. Dazu gehört in meinen Augen aber auch eine flächendeckende Versorgung mit leistungsfähigen Masken und ersten Medikamenten für die, die es trotzdem trifft.

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Halten Sie eine Maskenpflicht, wie sie die Leopoldina vorgeschlagen hat, auch persönlich für richtig?

Ja, denn auch Stoffmasken können Tröpfchen im Atem infizierter Personen zurückhalten. Eine Maskenpflicht wäre daher zuerst eine Maßnahme der Rücksicht auf andere. Nicht-Infizierten bieten solche Masken indes keinen Schutz. Dafür braucht es mechanische Barrieren mit entsprechender Qualität. Das heißt: Eine sogenannte FFP-2-Maske, idealerweise ergänzt durch Brille, Handschuhe und natürlich Händewaschen und -desinfektion. Da es aber selbst Kliniken an FFP-2-Masken fehlt und das dort arbeitende Personal zuerst mit FFP-2-Masken versorgt werden muss, können Stoffmasken für weniger Gefährdete eine Übergangslösung sein. Sie sollten sobald wie möglich durch FFP-2-Masken ersetzt werden, wenn eine generelle Maskenpflicht eingeführt würde.

Weltweit forschen Institute an Wirkstoffen. Warum dauert es so lange, bis ein wirksames Medikament verfügbar ist?

Das liegt an den – gerechtfertigterweise – hohen Hürden für Neu-Zulassungen. Wenn Sie ein völlig neues Medikament auf den Markt bringen wollen, dauert das lange, um Wirksamkeit und Sicherheit solide zu belegen. Inklusive klinischer Studien reden wir da schnell von zehn Jahren. Deshalb arbeiten momentan gegen Corona alle Forscher vorrangig an Medikamenten, die schon existieren.

Welche sind die aussichtsreichsten Kandidaten?

Da ist zum Beispiel Favipiravir – ein Medikament, das in Japan ursprünglich gegen Grippe entwickelt wurde. Es ist in einer Studie in China an 340 Patienten getestet worden. Es senkte die Virus-Last bei Patienten, die in der Hochphase der Erkrankung waren. Es hat sich auch gezeigt, dass die Lungenwerte bei mehr Patienten unter Favipiravir besser wurden als unbehandelt. Das Medikament wird unter dem Namen Avigan gehandelt und ist in China bereits für Corona zugelassen. Daneben wäre Remdesivir zu nennen ...

Ein Mittel, das in den USA gegen Ebola entwickelt wurde ...

Genau. Es hat sich dafür aber nicht bewährt. Wie Favipiravir hemmt Remdesivir Eiweiß-Enzyme, die bei der Vermehrung der Virus-Erbinformation eine zentrale Rolle spielen. In China sind auch dazu Studien gemacht worden und die Hersteller-Firma Gilead hat weltweit Studien laufen, mit Schwerpunkt in den USA und leider kaum Zentren in Deutschland. Wir müssen noch auf definitive Daten warten. Aber auch Remdesivir könnte sich als wirksam erweisen. Dagegen wurden für Kaletra, ein HIV-Mittel, das ebenfalls als Mittel gegen Corona diskutiert wurde, keine positiven Wirkungen ermittelt.

Wie kommen unsere Kliniken an diese Medikamente?

Favipiravir wurde von der Bundesregierung bereits in großer Stückzahl beschafft und soll über die Krankenhaus-Apotheken verteilt werden. Remdesivir müsste vermutlich in den USA bei der Hersteller-Firma Gilead gekauft werden, sobald mehr Daten vorliegen. Dies dürfte aber in wenigen Wochen der Fall sein.

Müssen wir künftig häufiger mit Pandemien rechnen?

Definitiv! Ausbrüche neuartiger Virus-Erkrankungen beobachten wir verstärkt seit 40 Jahren. Es begann in den 1980er Jahren mit AIDS, das um die Welt ging, parallel dazu Hepatitis -Viren. Wir hatten 2002/2003 den Ausbruch des SARS-Coronavirus 1, 2012 das MERS-Coronavirus (Middle East respiratory syndrome coronavirus) und jetzt das Coronavirus SARS 2. Aber auch Grippe-Infektionen, wie die Vogelgrippe, machten von sich reden.

Was können wir tun?

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass solche Ausbrüche in der heutigen eng vernetzten Welt wahrscheinlich sind und man sich darauf vorbereiten muss. Dies ist zunächst ein Argument für eine schlagkräftige pharmazeutische Forschung, die leider oft wegen der Kosten kritisiert wird. Aber AIDS ist durch diese Forschung 24 Jahre nach Entdeckung des Virus von einem Todesurteil zu einer behandelbaren Erkrankung geworden und die Infektion mit dem Hepatitis-C- Virus, das zu Leber-Zirrhose und Leberkrebs führt, ist heute sogar heilbar. Der Staat kann sich vorbereiten, indem er Schutzmaterial oder Desinfektionsmittel lagert. Medikamente zu bunkern, ist dagegen nicht sinnvoll. Man weiß vorher nie, mit welchem Virus man es zu tun bekommt.