Magdeburg l In Magdeburg in der Agnetenstraße wurden am Mittwoch 69 Dezibel mit der Akustik-App gemessen. 40 Dezibel zeigte die App im Kirchfeldring in einem Garten in Halberstadt an und 57 Dezibel in Osterwieck an der Hauptstraße Rudolf-Breitscheid-Allee. Doch was bedeuten diese Zahlen? Ist es an diesen Orten besonders laut oder leise?

Der Flugverkehr ist aufgrund der Corona-Pandemie fast vollständig eingebrochen und weniger Autos fahren auf den Straßen. Doch zu langfristigen Effekten für die Gesundheit führt die kurzfristige Ruhe nicht. "Ein Großteil der Wirkungen von Lärm auf den Menschen entsteht durch eine Lärmbelastung über einen langen Zeitraum, über Monate oder Jahre", sagte Thomas Myck, Lärmexperte beim Umweltbundesamt, der Deutschen Presse-Agentur.

Straßenverkehr nimmt wieder zu

Mittlerweile wurden die Ausgangsbeschränkungen gelockert. Einige Arbeitnehmer fahren wieder ins Büro. Der Straßenverkehr nimmt erneut spürbar zu.

Doch woher weiß man, wie laut es in den einzelnen Städten tatsächlich ist? Matthias Hintzsche, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Fachgebiet Lärmminderung beim Umweltbundesamt in Dessau, erklärt, dass die EU-Kommission Ende der 90er Jahre festgestellt hat, dass die Autos immer leiser werden, die Menschen, jedoch nicht das Gefühl haben, dass es bei ihnen leiser werde. Da es bis dahin keinerlei Kartenmaterial über die Lautstärken in den einzelnen Regionen gab, wusste man nicht, wie laut ist es wirklich.

Lärmkarten als Bestandsaufnahme

Aus diesem Grund hat das Europäische Parlament im Juni 2002 die EU-Umgebungslärmrichtlinie verabschiedet. Diese fordert von den EU-Mitgliedstaaten, dass der Lärm an Hauptverkehrsstraßen, Haupteisenbahnstrecken, Großflughäfen sowie in Ballungsräumen gemessen und in sogenannte Lärmkarten eingetragen wird. Diese Karten dienen als Bestandsaufnahme des Lärms. Sie machen visuell deutlich, wo es besonders laut ist und ob etwas dagegen getan werden muss, erklärt Matthias Hintzsche.

Die Weltgesundheitsorganisation hat festgestellt, dass die Lärmbelastung durch Straßenverkehr tagsüber nicht über 53 Dezibel liegen sollte. Sind Menschen dauerhaft Werten über diesem Pegel ausgeliefert, könne dies bei ihnen zu Bluthochdruck, Lernverzögerung und Schlafstörungen führen, sagt der Wissenschaftler.

Computerprogramme berechnen Lärm

Der Straßenverkehrslärm in Sachsen-Anhalt wird in den Städten Magdeburg und Halle gemessen, da diese mehr als 100.000 Einwohner haben sowie an allen Hauptverkehrsstraßen auf denen jährlich mehr als drei Millionen Fahrzeuge im Jahr fahren. Die Gemeinden sind für das Messen und Erstellen der Lärmkarten für den Straßenverkehr zuständig. 

Mit Hilfe von Computerprogrammen wird die Lautstärke, die in der Maßeinheit Dezibel angegeben wird, auf den Straßen berechnet, erklärt Hintzsche. Wie viele Fahrzeuge fahren die Straße pro Stunde entlang, welche Autos nutzen diese, sind es PKWs, Traktoren oder LKWs. Auch welcher Belag sich auf den Straßen befindet, ist für die Lautstärke von Bedeutung und wird in das Programm eingetragen, berichtet der Wissenschaftler.

Gemeinden sind verantwortlich

Anhand dieser Karten kann dann gesehen werden, an welchem Ort, an welcher Straße es besonders laut ist. Wohnen in diesen Gegenden Menschen, wird ersichtlich, an welchen Stellen etwas gegen den Lärm getan werden muss. "Lärm ist erst einmal nicht schlimm, solange niemand betroffen ist", sagt Matthias Hintzsche.

Das Umweltministerim gibt für das Bundesland Sachsen-Anhalt die Empfehlung, Lärmaktionspläne zu erstellen, wenn Nachts die Lautstärke über 55 Dezibel liege beziehungsweise tagsüber über 65. Das bedeutet, zeigen die Lärmkarten Werte über dieser Dezibelzahl an, werde der Gemeinde empfohlen, etwas gegen den Lärm zu tun, erklärt Hintzsche.

Straßenverkehrslärm bei 46.000 Menschen

"Es wird hauptsächlich der Nachtindex geprüft", sagt der Wissenschaftler vom Bundesumweltamt, denn wenn dieser über 55 liege, könne davon ausgegangen werden, dass der Wert tagsüber ebenfalls über der kritischen Zahl liege, erklärt der Wissenschaftler vom Bundesumweltamt. In Sachsen-Anhalt waren im Jahr 2019 des nachts 46.100 Menschen von Straßenverkehrs-, 33.000 von Schienenverkehrslärm und 1.100 Menschen von Fluglärm betroffen. Hier lagen die Dezibelzahlen über 55.

Die Lärmaktionspläne erstellt die Gemeinde mit Hilfe der Bürger, sagt Arnold Fuss vom Landesumweltamt in Sachsen-Anhalt. Diese dürfen Vorschläge machen, was getan werden könne, um den Lärm an den Straßen zu mindern. Kann ein Tempo 30 Schild oder eine Lärmschutzwand die Lautstärke mindern oder könne sogar der Belag der Fahrbahn ausgewechselt werden.

Geld für andere Investitionen nutzen

Wie viele Menschen in welchen Orten von Lärm betroffen sind, kann auf der Homepage des Landesamt für Umweltschutz aufgerufen werden. Für die beiden Ballungsgebiete Magdeburg und Halle ist dies auf den jeweiligen Seiten der Städte einzusehen.

Arnold Fuss betont jedoch, dass die Gemeinde nicht verpflichtet ist, die Vorschläge umzusetzen. Manchmal ist es so, dass die Kommune andere Probleme habe. Dann werde das Geld in Investitionen gesteckt, die gerade wichtiger sind wie zum Beispiel die Sanierung der Schule.

Tag gegen Lärm abgesagt

Seit 1998 veranstaltet die Deutsche Gesellschaft für Akkustik einmal im Jahr, Ende April, den "Tag gegen Lärm". Die Gesellschaft möchte damit auf die Ursachen und Folgen des Lärms aufmerksam machen. Aufgrund der Corona-Krise fand dieser in diesem Jahr nicht statt. "Er wird jetzt nicht gebraucht. Es ist teilweise gespenstisch still in den Städten geworden", heißt es auf der Homepage.