Magdeburg l Wer dieser Tage durch den Magdeburger Elbauenpark schlendert, der sollte die Augen offen halten: Vorsicht, fliegende Cricket-Bälle! Ein Schild, das auf dem 100 Hektar großen Parkgelände vor den „Geschossen“ warnt, gibt es noch nicht. Die durch die Luft zischenden, rund 160 Gramm schweren, lederbezogenen Kork-Bälle, die von den Cracks per Schläger auf bis zu 130 km/h beschleunigt werden können, jedoch schon.

Und wer hat‘s hier erfunden? Ein Inder. Natürlich – der Vielvölkerstaat ist bekanntlich verrückt nach Cricket. Name des Wegbereiters: Sasanka Potluri. 30 Jahre alt, seit 2012 Wahlmagdeburger und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Automatisierungstechnik (IFAT) an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

In Indien populär

Deren Sportclub, der USC, ist Heimstatt des Otto Cricket Clubs (OCC). Der hat aktuell 32 Mitglieder, allesamt ausländische Studenten, und ist in der jüngsten von insgesamt 28 Abteilungen des USC organisiert. Die Aufnahme des Cricket-Clubs am 26. Februar im Rahmen einer Mitgliederversammlung erfolgte auf Initiative von Sasanka Potluri. Und der berichtet mit einem Augenzwinkern, dass aller Anfang schwer war. Als er nämlich zum ersten Mal bei den etwas älteren Herren vom Vorstand des USC mit der Idee kam, ein Cricket-Team zu gründen, das am regulären Spielbetrieb teilnimmt, fragten die erstmal: „Cricket – was ist das denn?“

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Er sei erstaunt gewesen, wie wenig der Sport, der in seiner Heimat zig Millionen begeistert, hierzulande bekannt ist: „In Deutschland spielen die Kinder Fußball auf der Straße, bei uns Cricket.“ Die Inder lieben den Sport, er ist unheimlich populär. Zu den Spielen kommen bis zu 50.000 Zuschauer, und die Top-Spieler sind Stars. „Die Nationalmannschaft ist sehr erfolgreich, hat mehrfach den Worldcup gewonnen“, schwärmt Potluri von seine großen Passion.

20 Studenten aus Indien

Also versorgte der IT-Experte die Entscheidungsträger beim USC erst einmal mit Basiswissen, sammelte Informationen über Cricket in Deutschland, Sachsen-Anhalt und Magdeburg und stellte eine Präsentation zusammen. Parallel rührte der Inder die Werbetrommel und suchte unter der Studentenschaft Gleichgesinnte. Mit Erfolg, wie er berichtet: „Schnell hatten sich an die 20 Studenten aus Indien, Pakistan und Bangladesch gefunden, die in ihrer Heimat in der Jugend Cricket gespielt haben und heiß darauf waren, gemeinsam zu trainieren und als Mannschaft offizielle Punktspiele zu bestreiten.“

Mit Potluri als Zugpferd und Abteilungsleiter startete der OCC nach seiner Gründung durch – und das von Null auf Hundert in nur drei Monaten. „Ich war überrascht, wie schnell auf einmal alles ging und dass ich gleich so viele Unterstützer gefunden habe“, freut sich der Cricket-Enthusiast.

Integration durch Sport

Bei der Stadt, beim Landessportbund, beim Studentenrat oder dem Studentenwerk - überall klopfte er auf seiner Werbetour an. Das gesellschaftliche Thema „Integration durch Sport“ wurde zum Türöffner – und erschloss letztlich auch Geldquellen. „Was Sasanka in der Kürze der Zeit auf die Beine gestellt und an Geld zusammenbekommen hat, ist aller Ehren wert“, zollt USC-Vizepräsident Jörg Drebenstedt dem Engagement des Cricket-Wegbereiters Respekt. Durch die Unterstützung - allein der LSB förderte das Projekt mit 3000 Euro – kam gerade noch rechtzeitig das Startkapital zusammen, um den OCC für die im April startende Regionalliga Ost zu melden. 300 Euro kostete die Aufnahme in den Deutschen Cricket Bund, 100 Euro ging aufs Konto des Ostdeutschen Cricket Verbandes, der den Spielbetrieb in der Regionalliga organisiert. Das Gros des Geldes (3000 Euro) floss indes in die Ausrüstung der Spieler – Körperschutz, Schläger, Bälle, Wickets, Pitch sowie die Spielkleidung in Gelb-Rot.

Warum zur Grundausstattung auch ein Rasenmäher gehört, ist eine andere Geschichte. Drebenstedt muss lachen, während er sie erzählt: „In unserer Naivität dachten wir anfangs, dass wir den Cricket-Jungs unseren Sportkomplex am Bauarbeiterstadion zu Trainingszwecken und vor allem für die Punktspiele zur Verfügung stellen können. Aber beim Vor-Ort-Termin stellte sich heraus, dass der Platz zum Cricketspielen von der Größe her nie und nimmer ausreicht ...“

Kostenloses Bereitstellen der Flächen

Doch woher nehmen? Für Drebenstedt, Potluri & Co. lag das Gute nah: der Elbauenpark. Bei dessen Veranstaltungsleiterin Jana Erdmann wurden sie mit offenen Armen empfangen: „Wir haben geschaut, welche Flächen sich anbieten könnten, bei der Begehung haben sich zwei Plätze als geeignet herausgestellt – einer mit 120 x 120 Meter für die Heimspiele und ein kleinerer für das Training.“ Mit der für den Elbauenpark zuständigen Messe- und Veranstaltungsgesellschaft wurde ein Kooperationsvertrag ggeschlossen, der das kostenlose Bereitstellen der Flächen regelt. Einziger Haken: Der 6000 Quadratmeter große Trainingsplatz muss von den Studenten selbst gemäht werden. Drebenstedt: „Das bedeutete für den USC, dass wir neben der Anschubfinanzierung von 1500 Euro auch noch 350 Euro für einen Benzinrasenmäher vorhalten mussten.“

Investitionen, die sich schneller auszahlen, als gedacht. Denn der Neuling OCC, mit einem Altersschnitt von 25 Jahren jüngstes Team, mischt die Regionalliga Ost auf: Die ersten fünf Punktspiele, alle gegen zuvor favorisierte Teams, wurden gewonnen: „Die Jungs sind echt gut“, strahlt Potluri. „Aber dass es jeweils so klar war, hat selbst mich erstaunt.“ Die Tabellenführung motiviert ihn, sich weiter vor den Karren zu spannen, damit hierzulande schon bald keiner mehr fragt: Was ist Cricket, sondern: Kann ich bei euch mitmachen? „Unser Ziel ist der Aufstieg in die Division I der Regionalliga. Und dann wollen wir weiter durchmarschieren.“ Zudem hofft der Inder, dass Integration keine Einbahnstraße ist: „Ich würde mir wünschen, dass schon bald der eine oder andere deutsche Spieler die Mannschaft verstärkt. Wir sind offen für alle.“ Oder anders gesagt: Einheimische welcome!

 Infos zum "Otto Cricket Club" gibt es hier.