Stiege l Ein wolkenverhangener Dezembertag, im Oberharz fallen erste Flocken: Für Dachdeckermeister Helmut Hoppe beginnt im kleinen Harz-Ort Stiege der Tag früh. Um 5 Uhr klingelt der Wecker. Auf dem Frühstückstisch des 82-Jährigen steht eine Schüssel mit Haferflockensuppe. Dazu gibt es eine Tasse schwarzen Tee. Dann kann es losgehen. Die Lebensgefährtin zur Arbeit gefahren, ab sieben Uhr erster Papierkram am Schreibtisch, Telefonate. Später fährt er raus zu einer Baustelle.

Aufs Dach steigt der Mann mit dem vollen weißen Haar freilich nicht mehr selbst, die Abläufe und vor allem die Zahlen seines kleinen Betriebes behält er hingegen noch immer im Blick. Hoppe ist eine Ausnahmeerscheinung in seiner Branche. In den meisterpflichtigen Gewerken sind in der Handwerkskammer Magdeburg zwar beachtliche 266 von 7663 Unternehmern älter als 67 Jahre. Mit 82 Jahren dürfte Hoppe in jedem Fall zu den ältesten Firmenchefs in Sachsen-Anhalt gehören.

Kürzlich war er zur Verleihung des Diamantenen Meisterbriefs in die Handwerkskammer geladen. Die geballte Erfahrung aus mehr als 60 Jahren als Meister tummelte sich in Magdeburg. Von der aktiven Ausübung ihres Berufs haben sich die meisten verabschiedet. Nicht so Hoppe: Sein Unternehmen möchte er frühestens im nächsten Jahr abgeben. „Vielleicht mache ich auch noch ein bisschen länger“, sagt er und schickt ein vielsagendes Lächeln hinterher.

Beruf hat sich verändert

Dann fängt der Dachdecker an, zu erzählen. Als er sich für den Beruf entscheidet, ist das Handwerk alles andere als ein Zuckerschlecken. Seine Ausbildung startet 1950. Mit dem Handwagen, darauf ein Teerfass und spärliches Werkzeug, zieht er von Auftrag zu Auftrag. Bald kann er einen Kleintransporter übernehmen. Einen Lift, um die Baumaterialien aufs Dach zu schaffen, gibt es da noch lange nicht. Handarbeit ist angesagt. Meister wird er acht Jahre später, 1959 meldet er sein erstes Gewerbe an. Eine kleine Dachdeckerei in Stiege. Doch die staatlichen Planauflagen machen ihm zu schaffen. Bis ins thüringische Nordhausen muss er fahren, um Baumaterialien in Empfang zu nehmen. Die immer gleiche Sorte Ziegel.

Der Sohn eines Landwirts kämpft sich durch und bildet sich weiter: Mit 24 entscheidet er sich für die Ingenieursschule, vier Jahre später hält er den Abschluss als Hochbauingenieur in Händen.

In seinem Büro in Stiege guckt Helmut Hoppe an diesem Punkt der Erzählung zum ersten Mal auf die Uhr. Er ist ja nicht nur Firmenchef, ein paar andere Aktivitäten hat er neben dem Beruf auch noch. Ortsbürgermeister ist er nun auch schon seit einigen Jahren. Früher, da hielt er der CDU die Treue. Früher. Heute heißt seine Partei: Wählergemeinschaft Heimat Stiege.

Bis Mitte nächsten Jahres bekleidet er das Amt noch. Voraussichtlich. „Wenn sich niemand anderes findet, mache ich auch da vielleicht noch etwas weiter.“ Hoppe hat noch sehr viel Energie. Und das Gefühl, gebraucht zu werden – das spielt natürlich ebenso eine Rolle. Deshalb ist er auch noch Vorsitzender des Rassegeflügelvereins und der Jagdgenossenschaft Stiege.

Und, nicht zu vergessen: Die Rettung der Stabkirche in Stiege. Das denkmalgeschütze, aber verfallende Baudenkmal soll bald in die Ortsmitte umgesetzt werden. Dem Verein zum Erhalt der Kirche steht er vor. Eine Herzensangelegenheit für den gebürtigen Stieger.

Dann erinnert sich Hoppe noch einmal an früher. Die Zeit nach der Wende sei nicht einfach gewesen. 100.000 Euro bringt er auf, um von der Treuhand den ehemaligen Forstwirtschaftsbetrieb in Stiege zu erwerben. Damit erweitert er die bestehende Firma.

Der Beruf ändert sich in den bald drei Jahrzehnten danach rasant. Neue Materialien halten Einzug, Solaranlagen und energetische Sanierung werden ein Thema. 38-seitige Gutachten für ein Baumaterial – heute keine Seltenheit mehr. Und dann dieses Bürokratie-Monster, die Datenschutz-Grundverordnung. Auf diesen Aufwand wird der Firmenchef gut und gern verzichten können.

Eines hingegen hat er nie gescheut: Sein Wissen wollte der Dachdecker immer auf den neuesten Stand bringen. Buchführung, Lohnabrechnung – das alles erledigt der 82-Jährige selbstverständlich am Computer. Nur das komplizierte Faxgerät bereitet ihm dann und wann Kopfzerbrechen. Wenn das lästige Papier mal wieder klemmt, springt ihm sein zukünftiger Nachfolger zur Seite. Sascha Magnus heißt er, ist 29. Und gehört zu den 26 Dachdeckerlehrlingen, denen Hoppe über die Jahre den Weg in den Beruf geebnet hat.

Aktivitäten in der „Rente“

Hoppes Sohn hat schon früh signalisiert, dass er andere berufliche Pläne als die Fortführung des Betriebes hat. Er ist heute Oberarzt am Klinikum Wernigerode. Auch die Tochter hatte andere Ziele.

Das Wichtigste ist nun aber: Der Fortbestand der Firma ist sicher. Auf seinen Nachfolger hält Hoppe große Stücke. Auch der 29-Jährige schwärmt vom Noch-Chef im fortgeschrittenen Rentenalter. „Er ist ein echtes Energiebündel“, sagt Sascha Magnus. „Mitunter aber sehr detailversessen“, ergänzt der zukünftige Firmenchef und schmunzelt.

Sorgenfalten breiten sich auf Hoppes Stirn indes aus, wenn er an die Zukunft seiner Branche denkt: Facharbeiter fehlen, die Unternehmen suchen. Bei der Arbeitsagentur waren im Monat November 60 freie Stellen für Dachdecker gemeldet. „Nicht mehr viele wollen sich den Beruf des Dachdeckers zumuten“, sagt Helmut Hoppe. Schwer ist die Arbeit, im Sommer ist es heiß auf dem Dach, in kalten Wintern schmerzt es empfindlich in den Fingern.

Sollte der 82-Jährige im kommenden Jahr seine Firma abgeben, dann mache er sich keine Sorgen, „in ein Loch zu fallen“. Andere Aktivitäten gibt es ja zuhauf. Zwei Enkel und zwei Urenkel warten. Worauf er sich freue? Einfach mal in Ruhe nachdenken zu können.

Vorerst geht es aber noch einige Wochen in die Vollen. Fünf Uhr aufstehen, auf die Baustellen, auch mal am Wochenende ins Büro. „Wenn ich etwas anpacke, dann bringe ich es auch zu Ende“, verkündet er gutgelaunt und verabschiedet sich – um zu Hause noch etwas zu arbeiten.