Das Atomauto kommt

Was selbst der Altmeister der Atomwissenschaft und Entdecker der Atomspaltung, Prof. Dr. Hahn, noch vor kurzem als unmöglich und utopisch abtat, ist auf dem Wege, eine handfeste Tatsache zu werden: Das Atomauto kommt!

Der sowjetische Atomwissenschaftler und Stalinpreisträger Professor Romadin berichtet von den geglückten Versuchen in dieser Richtung. Bekanntlich werden in der Sowjetunion große Mittel zur Förderung der friedlichen und industriellen Atomwissenschaft bereitgestellt. Umwälzende Erfolge auf den Gebieten der Botanik, Medizin, Bewässerungstechnik, Krafterzeugung usw. wurden bereits mit Hilfe "friedlicher Atome" erzielt. Das Atomauto ist ein weiterer Fortschritt auf diesem Wege.

Das Herzstück des Atomautos ist sein Atommotor, ja eigentlich ist es sonst "normal" gebaut. Dieser Atommotor ist eigentlich kein Motor im üblichen Sinne, sondern eher ein Atomofen, ähnlich den Uranmeilern im Atomkraftwerk. Bei der "glimmenden Explosion", dem langsamen Zerfall von Uranium oder Plutonium werden ungeheure Wärmemengen frei. Diese Hitze verflüssigt einen Wärmeübertrager, z. B. Blei. Das flüssige Blei wird in einem ständigen Kreislauf gehalten und erhitzt in einem Wärmeaustauscher Wasser. Das Wasser verdampft und treibt eine kleine Turbine an, die im Prinzip einer Dampfturbine im Kraftwerk gleicht.

Diese kleine Turbine treibt nun beim sowjetischen Atom-auto in üblicher Weise die Radachsen an, ersetzt also den Benzinmotor. Um nicht dauernd Wasser nachtanken zu müssen, wird der Dampf, der in der Turbine seine Arbeit geleistet hat, in einem Kühler wieder in Wasser übergeführt, kondensiert und tritt dann wieder seine Reise in den Wärmeaustauschern an. Der Kreislauf ist geschlossen. da im Atomofen rund zweieinhalbmillionenmal soviel Energien frei werden wie bei der Verbrennung von Benzin, könnte das Atomauto mit wenigen Gramm Uran wochenlang in Betrieb bleiben, ohne auch nur einmal nachtanken zu müssen.

Das größte Problem des Atom-autos ist nach Angabe der so-wjetischen Wissenschaftler der Schutz der Fahrgäste vor den tödlichen Gammastrahlen und Neutronen, die der Atomofen unaufhörlich ausschleudert. In den Atomfabriken stehen die Atomöfen hinter meterdicken Mauern aus Beton, Blei und Graphit, die alle Gammastrahlen und Neutronen entweder aufsaugen oder reflektieren. Es zeichnet sich aber bereits eine Lösung ab: Es ist den Sowjetwissenschaftlern gelungen, eine besondere Metallegierung zu entwickeln, die nicht nur leicht ist, sondern diese tödlichen Strahlen absorbiert und dann restlos bannt.

Mit der Lösung dieses Problems stehen und fallen weitere ungeahnte Anwendungsmöglichkeiten der "friedlichen Atome": als Antrieb von Schiffen, Flugzeugen und Lokomotiven. Auch daran arbeiten die sowjetischen Forscher bereits.

Volksstimme,

8. Februar 1955