Magdeburg l Wer will schon die Katze im Sack kaufen? Wer will schon auf den Brocken rauf-stapfen, wenn unklar ist, ob dort oben Sonne und Fernsicht oder Waschküche herrschen? Das Zauberwort namens Webcam wird heute um eine völlig neue Komponente ergänzt: Am Museum Brockenhaus – dem einstigen Sitz des DDR-Geheimdienstes, der Staatssicherheit, auf dem Gipfel und daher heute im Volksmund besser bekannt als Brockenmoschee – geht eine neue Kamera in Betrieb. Damit bekommen Wanderer und Touristen beste Bilder vom Brockengipfel via Internet frei Haus geliefert.

Betrieben wird die kleine Kamera, die mit minimalem Zeitversatz hoch aufgelöste Bilder ins Tal sendet, von der Wernigerode-Tourismus GmbH (WTG). Dabei erfasst die drehbar gelagerte Kamera ein Spektrum von rund 270 Grad auf dem 1141 Meter hohen Plateau. Sie macht Bilder vom Gipfelbahnhof der Brockenbahn über die Wetterwarte bis hin zum Brockenhotel.

Hohe Anforderungen an die Brocken-Webcam

Mit der Kamera – es ist nach der Diesterwegschule in Wernigerode mit Blick über die Dächer der Stadt und der Webcam am Parkhaus in Schierke die dritte der Tourist-Info – beschreiten die Macher Neuland. „Es ist die neueste Generation mit der höchsten Auflösung, und sie hat – nicht zuletzt wegen der Höhe – spezielle Zusatzkomponenten“, erklärt Axel Gebhardt, bei der WTG für Webcams zuständig. Weil der Brocken im Schnitt an 260 Tagen im Jahr in Wolken gehüllt ist, drohe gerade im Winter extreme Vereisung.

Bilder

Alles in allem, überschlägt Gebhardt, seien in die neue Kamera samt Technik rund 10.000 Euro geflossen.

Die Touristiker haben im Team des Nationalpark-Brockenmuseums einen Partner gefunden. Im Zuge der jüngsten Fassadensanierung fand die Webcam an der Eckseite der Moschee ihre perfekte Position. Die Zusammenarbeit bei der Standortsuche spiegelt sich in der Nutzung der gelieferten Bilder wider. „Das Material unserer drei Kameras wird nicht nur über unsere direkten Kanäle verbreitet, sondern auch bei ARD-Alpha sowie auf verschiedenen Internetseiten und Apps“, erklärt Gebhardt. Und – der Vollständigkeit halber – gehört noch eine vierte Kamera in Wernigerode dazu.

Vor allem im Winter sind bei Skifahrern auch die Bilder von der Piste im Zwölfmorgental gefragt. Stichwort Zusammenarbeit: Im Gegenzug finden sich auf der WTG-Internetseite auch Bilder von anderen Kamera-Betreibern. Das Ziel, Touristen anzulocken, eint eben.

Während andernorts wegen der strengen Datenschutzauflagen bereits Kameras abgeschaltet worden sind, sieht WTG-Geschäftsführerin Erdmute Clements diese Gefahr bei den vier Wernigeröder Webcams nicht. „Wir zeigen ja keine Bilder, bei denen Menschen im Detail klar zu erkennen sind, sondern ausschließlich Übersichtsaufnahmen, so dass wir hier keine Schwierigkeiten sehen.“ Das Ansinnen der WTG bringt sie so auf den Punkt: „Wir wollen gegenüber unseren Gästen und mit Blick auf das Wetter ehrlich agieren. Der Gast erwartet einen Vorausblick auf sein Urlaubsziel. Wir führen zwar keine Statistik über die Klickzahlen im Internet auf unsere Kameras, aber es gibt immer mehr Anfragen, ob und wo man sich über Urlaubsgebiete bei uns per Webcam informieren kann.“

Harz ist Vorreiter bei den Tourismus-Cams

Der Harz ist eine der Regionen in Sachsen-Anhalt, die fast jedes Tourismus-Highlight im Bild festhält. Die Tourismus GmbH betreibt allein vier Kameras – zwei in Wernigerode, eine auf dem Brocken und eine in Schierke. „Alle sind 360-Grad-schwenkbar. Allerdings wird diese Möglichkeit nicht in jedem Fall ausgeschöpft, weil in einigen Bereichen nichts Spektakuläres zu sehen ist.“ Die Aufnahmen seien live – allerdings etwa zehn Minuten zeitversetzt.

Auch Andreas Lehmberg, stellvertretender Geschäftsführer vom Harzer Tourismusverband e. V. mit Sitz in Goslar weiß, dass Tourismus-Regionen ohne die „Sehhilfen“ eigentlich kaum noch auskommen. „Wir betreiben zwar selbst keine Webcams, aber die Hitliste sind der Brocken, die Harzer Schmalspurbahn und Wernigerode.“

Vielen Harz-Gästen sei ein Blick im Vorfeld wichtig. „Zum Beispiel Brocken. Man will morgens starten und schaut schnell nach, ob sich eine Wanderung lohnt, ob vielleicht sogar die Sicht klar ist.“

Auch die Skigebiete würden im Winter oft angeklickt. „Dabei geht es zumeist um Schneehöhen und Befahrbarkeit der Pisten.“

Auch der Blick über die zwölf Quadratmeter große Fläche des Bernsteinsees im Wasser- und Landschaftspark Goitzsche (Bitterfeld-Wolfen) war ein Renner. Doch wer heute auf die Webcam klickt, liest den Hinweis: „Aufgrund der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) steht unsere Live-Webcam leider nicht mehr zur Verfügung.“

Heiko Kaden, Geschäftsführer der Stadtentwicklungs-GmbH Bitterfeld-Wolfen, sagt: „Schade, aber leider entsprach unsere Webcam nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Der Blick über den Jachthafen war zwar sehr schön, aber leider waren Menschen deutlich zu erkennen.“

Nun überlege man, sich eine datenschutzkonforme Kamera anzuschaffen. „Denn besonders die Bootsbesitzer, die einen Anlegeplatz in der Marina hatten, haben den Service oft genutzt, um zu sehen, ob ihre Boote noch an Ort und Stelle liegen.“ Es sei allerdings eine Geldfrage. Denn eine neue Webcam koste einige 1000 Euro.

Keine Webcam in Wittenberg

Auch, wer auf die Webcam der Lutherstadt Wittenberg klickt, muss (vorerst?) mit einem dreigeteilten und menschenleeren Standbild vorliebnehmen. Der Hinweis: „Die Web-Cam kann derzeit leider nicht bereitgestellt werden. Machen Sie sich stattdessen in unserer Bildergalerie einen ersten Eindruck von den vielfältigen Facetten der Lutherstadt Wittenberg.“

Kristin Ruske von der Tourist-Information der Stadt räumt ein: „Ein heißes Eisen. Wir selbst betreiben ja keine Kameras, aber unsere Dienstleister müssen die Webcams so aufstellen, dass sie der Rechtsgrundlage entsprechen.“

Tier-Webcams sehr beliebt

Die Investitions- und Marketing Gesellschaft (IMG), die für die touristische Vermarktung Sachsen-Anhalts den Hut auf hat, bietet unter dem Stichwort „Webcams Sachsen-Anhalt“ auf ihren Seiten 16 Ansichten von elf Orten an. Doch davon ist ein Großteil abgeschaltet. So auch die Darstellung von Freyburg: „Vom Weinberg aus können Sie den Blick über die Stadt Freyburg (Unstrut) schweifen lassen“, lautet der Text. Das Bild ist ein weißer Rahmen. Für Friderike Süssig-Jeschor von der IMG ist das kein Problem: „Die Webcam-Bilder im Internet werden kaum genutzt.“ Für die Tourismus-Werbung wirke sich das Abschalten kaum aus. Der Blick über den Markt in Halle hingegen läuft weiter. Ebenso die Cam auf dem Eisleber Rathaus mit Blick aus luftiger Höhe auf den Marktplatz und den Rücken des Luther-Denkmals.

Die Webcam-Motive im Netz sind vielfältig. So flattern auch Störche und wie im Falle vom Kaliwerk Zielitz Wanderfalken vor den Augen der Internetbesucher. Diese Aufnahmen haben den Charme, dass sie datenschutzrechtlich nicht anfechtbar sind.