Magdeburg l Einen ersten Anflug des politischen Klimawechsels in der ČSSR spürten Waltraut und Gerhard Zachhuber 1964. Der tschechische Philosoph Milan Machovec sprach damals an der Universität in Halle. Gerhard Zachhuber kann sich gut daran erinnern, dass Machovec in fließendem Deutsch einen Sozialismus mit Meinungstreit und Demokratie pries. „Der Gedanke war, dass der Sozialismus reformierbar sei“, sagt der frühere Theologe.

Zachhuber hörte auch deshalb genau zu, weil er als Deutscher auf dem Gebiet der Tschechoslowakei, in der slowakischen Metropole Bratislava, geboren wurde und als sechsjähriges Kind mit der Familie geflüchtet war. Er hatte dort noch Verwandte. Nicht von ungefähr führte Zachhubers ihre Hochzeitsreise 1966 in die ČSSR.

Als die Idee vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ Anfang 1968 Formen anzunehmen begann, lebte das Paar noch in Halle, zog aber im Laufe des Jahres nach Magdeburg, wo Gerhard Zachhuber evangelischer Studentenpfarrer werden sollte. Den Fortgang der Ereignisse verfolgten die beiden mangels Fernsehers am Rundfunkgerät: „Wir verfolgten jeden Abend die deutsche Sendung von Radio Prag“, erinnert sich Waltraut Zachhuber, die später als Dompredigerin in Magdeburg arbeitete.

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Rückzug der Partei

Was sie da hörten, klang für DDR-Verhältnisse ungeheuerlich: Die Kommunistische Partei wollte sich laut Aktionsprogramm vom April selbst die Alleinmacht nehmen, ein parlamentarisches Parteiensystem war geplant. Damit einhergehen sollte die Liberalisierung aller Bereiche der Gesellschaft, was Presse- und Meinungsfreiheit einschloss. In der Wirtschaft sollte die zentrale Planung zurückgefahren werden, Betriebe, die nominell in der Hand der Belegschaft waren, sollten miteinander konkurrieren. Der Wirtschaftsreformer Ota Sik nannte das „humane Wirtschaftsdemokratie“.

Im Frühjahr 1968 gelang es Gerhard Zachhuber unter Mühen, ein Visum für einen Familienbesuch in der Slowakei zu ergattern. Mit einem Onkel diskutierte er dort den Wandel. „Er hat aber sehr zurückhaltend reagiert, was die Erfolgsaussichten betrifft, obwohl Dubcek Slowake war“, erinnert sich Zachhuber. Die Benachteiligung der Slowakei hatte die Reformbewegung in der ČSSR mit ausgelöst.

Die DDR ging offiziell wie die anderen Ostblockstaaten immer mehr auf Distanz zur ČSSR-Führung. Vorwurf: Die Kommunistische Partei leiste der Konterrevolution Vorschub. Der Prager Frühling stand auf der Kippe, war Zachhubers wie vielen anderen Sympathisanten klar. „Das Seil wurde immer straffer gezogen. Hält es oder reißt es?, fragten wir uns“, sagt Gerhard Zachhuber.

Ging es doch in der ČSSR um Dinge, die die DDR, ihre Bürger, ihre Kirche direkt angingen. Künstler wie der Schriftsteller Reiner Kunze, selbst mit einer Tschechin verheiratet, reflektierten die Öffnungsprozesse beim Nachbarn. Die Verse des DDR-Dissidenten wurden unter der Hand vervielfältigt und verbreitet. Der ostdeutsche Fokus im großen Protestjahr 1968 war auf die Tschechoslowakei gerichtet, erinnert sich das Theologen-Paar.

Die Studentenunruhen im Westen seien natürlich auch verfolgt worden. Die DDR-Kirchen hatten Partnergemeinden in der Bundesrepublik, was den Austausch garantierte. Waltraut Zachuber erinnert sich an ein Treffen von evangelischen Christen aus Magdeburg mit westdeutschen Studenten.

Diese hätten die Verhältnisse bei sich radikal verändern wollen. „Sie waren“, so Waltraud Zachhuber, „so was von links, dass ich mir gesagt habe, eigentlich könntet ihr hierher kommen  ...“ Hoffen und Bangen waren jäh zu Ende, als am 21. August die Truppen der Sowjetarmee und anderer Warschauer Vertragsstaaten in die Tschechoslowakei einzogen. Nach 1953 in Ost-Berlin und 1956 in Budapest rettete die Sowjetführung wieder mit Panzern das System vor dem Untergang. Der letzte Versuch, den Sozialismus zu demokratisieren, war gescheitert.

Der Prager Frühling ist nicht vergessen. Seine Spätwirkung wurde den Zachhubers bewusst, als sie Ende 1989 einen Kuraufenthalt in Karlovy Vary (Karlsbad) verbrachten. Es war die Wendezeit – auch in der ČSSR.

Mit tschechischen Bekannten sahen sie die Übertragung eines Gottdienstes, bei der Bürgerrechtler und spätere Präsident Vaclav Havel aus der Bibel las. Waltraut Zachhuber berichtet bewegt: „Ich werde nie vergessen, wie ihnen die Tränen liefen.“