Halle l „Die Bereitschaft, eine Auseinandersetzung auf die Spitze zu treiben, nimmt immer mehr zu“, sagt Peter Köcher. Und er muss es wissen, trainiert er doch seit 2009 Mitarbeiter von Unternehmen und Ämtern – Schaffner der Deutschen Bahn ebenso, wie Straßenbahnfahrer, Bademeister der Stadtwerke und selbst Polizeibeamte. Sie sollen lernen, wie sie eine brenzlige Situation entschärfen können. Dabei erfährt Köcher, was im „Großstadt-Dschungel“ gehauen und gestochen ist.

Da passiere es schon mal, dass ein Kontrolleur sagt: Fahrkartenkontrolle, bitte halten sie ihre Tickets bereit. „Im selben Augenblick springt ein Fahrgast auf und schlägt wortlos zu.“

Sicherheits-Chef für das brasilianische Fußba

Der 41-Jährige kommt ursprünglich aus einer ganz anderen Ecke. Viereinhalb Jahre war er bei der Bundeswehr. Doch bei diesem Thema wird der gesprächige Hallenser wortkarg. Nur so viel: „Ich war mehr im Ausland, als zu Hause.“ Er sei mit Spezialaufgaben betraut worden, habe zwar Uniform getragen, aber keinen Dienstgrad gehabt. Der Rest gehöre in die Kategorie Verschwiegenheitspflicht, der er auch nach seinem Ausscheiden aus der Truppe unterliege. In solchen Fällen zögen Deeskalationsstrategien zwar nicht, aber in vielen anderen Situationen schon, sagt er.

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2003 wechselte der heutige Sicherheits-Coach ins private Leibwächtergewerbe. Er wurde Security-Chef der brasilianischen Fußballnationalmannschaft – mit solchen Kicker-Größen wie Kaká, Robinho und Ronaldinho.

„Mein Job war unter anderem die Voraufklärung von Örtlichkeiten, zum Beispiel der Hotels, wenn das Team unterwegs war, und der Fahrstrecke von der Unterkunft zum Stadion.“

Es gab nie Zwischenfälle

Ganz gleich, ob USA, Ghana, Tansania ... – „Es war schon etwas Besonderes, die Spieler bis auf den Rasen zu begleiten.“ Es habe nie Zwischenfälle gegeben, ist er stolz. „Anders, als bei meinen Auslandseinsätzen für den Bund“, fügt er an, gibt dem Gespräch jedoch sofort wieder eine andere Richtung.

Alles habe seine Zeit gehabt. „Als ich damals zurückgeschaut habe und mir klar wurde, dass ich meine Frau und mein Kind nur drei Wochen im Jahr gesehen hatte, habe ich gekündigt. Obwohl ich viel in der Welt herumgekommen war, hat mir die Lebensqualität gefehlt.“ Er sei nach Halle zurückgekehrt, „wo ich meine Familie und meine Freunde hatte.

Aus Saulus wurde Paulus. Hatte der Nahkampfausgebildete während der zurückliegenden Jahre oft mit Gewalt zu tun, setzte er beruflich nun darauf, Gewalt möglichst zu vermeiden.

Wird es laut im Nebenzimmer?

„Ich habe mich unter anderem in London mit Deeskalations-Strategien beschäftigt“, erzählt Köcher. Seinen ersten Job auf diesem Gebiet habe er bekommen, als Theaterpädagogen für Schüler in Halle Szenen nachspielen wollten, bei denen es darum ging, wie man sich als Gemobbter verhalten sollte. „Man hat mich gefragt, ob ich das Lernspiel mit fundierten Strategien untermauern kann. Das habe ich gern getan.“

Augen und Ohren überall zu haben und genau darauf zu achten, was um einen herum passiert, war eine wichtige Erfahrung, die er aus seinem vorherigen Berufsleben mitgebracht habe. „Das gehört zu den Dingen, die ich den Teilnehmern an meinen Schulungen vermitteln möchte.“

Beispiel Hallesche Wohnungsgesellschaft. „Dort kann beinahe jeder Mitarbeiter, der direkten Kontakt zu Mietern hat, ein Lied davon singen, wie aggressiv manche ihr Anliegen oder ihre Beschwerde vortragen. Wenn man weiß, dass wieder solch Kunde einen Termin hat, sollte man die Tür offen lassen und die Kollegen darum bitten, darauf zu achten, ob es vielleicht laut im Nachbar-Büro wird.“

Probleme der Neubürger

Neuerdings hätten Ämter auch immer mehr damit zu tun, dass ausländische Neubürger Probleme haben, wenn Frauen auf der anderen Seite des Schreibtischs sitzen. „Merkt man, dass der Gegenüber Argumente nicht akzeptiert, darf man nicht nach der Devise verfahren: Entweder machst du das so, wie ich es will, oder du fliegst raus.“ Deeskalierend sei der höfliche Hinweis: Ich glaube wir kommen so nicht weiter. Ich hole jemanden, der uns weiterhelfen kann. Kann dann ein Kollege die Sache übernehmen, ist die Situation zumeist entschärft.

Möglich sei auch zu deeskalieren, indem man sagt: „Ich denke über ihr Problem nach. Wir machen einen neuen Termin aus. Den wird dann ein männlicher Mitarbeiter wahrnehmen.“ Nicht zu unterschätzen sei auch die Anordnung der Möbel im Büro. „Immer einen Fluchtweg frei lassen. Und wenn es sich um bekanntermaßen leicht aufbrausende Zeitgenossen handelt, besser in Tornähe sitzen, als hinter dem Schreibtisch, um gegebenenfalls schnell das Büro verlassen zu können.“

Als großes Plus erweise sich eine selbstbewusste Körpersprache, so der Trainer. Nicht, wie ein ängstliches Häschen in der Ecke hocken, lehrt er. Und noch etwas sei enorm wichtig im Umgang: „Den Gegenüber aus der Anonymität herausholen, hinter der er sich versteckt. Immer mit Namen anreden, wenn die Situation zu eskalieren droht: Herr Müller, bedenken sie bitte die Konsequenzen, die ihr Auftritt nach sich ziehen kann.“

Ahndung von Verfehlungen dauert viel zu lange

In seinen Seminaren will Köcher das Sicherheitsgefühl der „Schüler“ stärken und spielt verschiedene praxisnahe Situationen durch. Letzteres mache den Unterschied zu ähnlich gelagerten Angeboten. „Viele Theoretiker versuchen die Praxis rüberzubringen. Bei mir ist es umgekehrt. Ich bin Praktiker und untersetze meine langjährigen Erfahrungen theoretisch.“

Und dass seine Schulungen gut ankommen und Früchte tragen, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Wohnungsgesellschaft seinen Seminarvertrag inzwischen verlängert hat.

Köcher hat eine Theorie, warum die Aggressionshemmschwelle immer niedriger wird. „Es dauert zu lange, bevor Beleidigungen oder Körperverletzungen geahndet werden. Wenn mein Kind etwas verbockt hat und ich lasse das durchgehen und verhänge ein Jahr später eine Woche Hausarrest, ist doch die erzieherische Wirkung völlig verpufft und ich werde noch gefragt: wofür?