Magdeburg l In den Dörfern im Landesnorden bekommen Gäste es mit etwas Glück noch zu hören – das Plattdeutsch der Bewohner der Altmark: „Nu pass mol up min Jung, ick vertell dei wat“, heißt es dann irgendwo zwischen Osterburg und Stendal beim Plausch am Gartenzaun.

Insgesamt ist es um die Vielfalt der Mundarten im Land allerdings schon länger nicht zum Besten bestellt. Nach Zahlen der Uni Magdeburg beherrschten etwa in der Altmark zuletzt gerade noch 30 Prozent der Landbevölkerung die Sprache ihrer Vorfahren.

„Als Alltagssprache wird Platt immer seltener“, sagt Saskia Luther, Referentin der „Arbeitsstelle Niederdeutsch“ an der Uni Magdeburg und Sprecherin des Bundesrats für Niederdeutsch (BfN). Mit Kollegin Ursula Föllner erforscht sie seit langem die Mundarten Sachsen-Anhalts, speziell das Platt im Landesnorden. Anlass gibt es genug. Kaum ein anderes Bundesland hat in Bezug auf die Spielarten des Deutschen eine solche Vielfalt zu bieten.

Quer durch das Land verläuft eine harte Grenze, die den mitteldeutschen Süden vom niederdeutschen Norden trennt – das gibt es sonst fast nirgends, sagt Luther. Beginnend von Benneckenstein im Westen verläuft der alte Sprachen-Graben über Aschersleben, Brumby und Calbe/Saale bis nach Coswig und Wittenberg im Landesosten.

Plattdeutsch an der Saale

Oberhalb der Linie ist oft von „ick“ und „dat“ die Rede, südlich davon nur noch von „ich“. Hinzu kommen für Nordlichter merkwürdige Vokabeln, wie „Motschekiebchen“ für Marienkäfer. Kann die Verwirrung heute mit einer kurzen Erklärung aufgelöst werden, war das früher anders, sagt Ursula Föllner. „Ein Salzwedeler hätte sich im 15. Jahrhundert wohl nur schwer mit einem Weißenfelser verständigen können.“

Die Verwirrung perfekt macht die Tatsache, dass sich die Dialektgrenze in der Geschichte auch noch nach Norden verschoben hat. Noch im 13. Jahrhundert zählte selbst Halle zum niederdeutschen Sprachraum. Auch an der Saale wurde also einst Platt gesprochen. „Heute würden Hallenser darüber vermutlich die Nase rümpfen“, sagt Saskia Luther und lacht.

Auch innerhalb der beiden Sprachgebiete gibt es aber regionale Unterschiede. Allein das Platt unterteilt sich in vier Varianten: zwei altmärkische, die auf dem nordmärkischem Dialekt gründen, wie er auch in Brandenburg gesprochen wird. In Börde und Harz fußt das Platt dagegen auf dem ostfälischen Dialekt der niedersächsischen Sprache. Selbst die zur Börde gehörenden Landeshauptstadt hat ihre Eigenheiten: Den Menschen hier sagt man nach, das „G“ in fünf Varianten aussprechen zu können – nur nicht als „G“. So lauschen Alteingesessene im Frühling „jejebenenfalls dem Voreljesank in Machdeburch“.

Um die Vielfalt zu bewahren, haben sich seit der Wende zahllose Initiativen gegründet. Dazu zählen neben dem Landesheimatbund Plattschnacker-Vereine und Schauspielgruppen wie das altmärkische Dorftheater Gladigau.

Eine, die sich der plattdeutschen Sprache besonders verschrieben hat, ist Heike Kurtze, Lehrerin an der Grundschule Flessau bei Osterburg.

Zweisprachige Ortsschilder

Seit langen Jahren vermittelt die Altmärkerin Kindern in einer Schularbeitsgemeinschaft das ostaltmärkische Platt, das als moderner als die westaltmärkische Variante gilt. 20 Schüler lernen derzeit in ihrer AG. Mit Wortschatz und Satzbau liegt Ostaltmärkisch dabei nah am Englischen und gilt deshalb als relativ leicht zu erlernen.

Seit 2003 nimmt Kurtze mit ihren Schülern auch am landesweiten plattdeutschen Vorlesewettbewerb teil – mehrere erste Plätze haben ihre Schützlinge dort schon abgeräumt. Eine schöne Motivation zum Weiterlernen sei das, sagt Kurtze. Einige blieben so bis zur 9. Klasse am Ball. Immerhin 300 Kinder aus bis zu 40 Schulen hat der Wettbewerb zuletzt noch erreicht, erzählt Wettbewerbs-Mitinitiatorin Saskia Luther.

Dennoch sind die Zahlen rückläufig, auch weil die Schulen sich durch Kürzungen der Stundenzuweisung in den vergangenen Jahren verstärkt auf ihr Kerngeschäft, den Untericht, konzentrieren mussten. Weiteres Problem: Viele, die wie Heike Kurtze noch mit Platt aufgewachsen sind, gehen demnächst in die Rente. Kurtze selbst ist 59. „Um meine Nachfolge mache ich mir Sorgen“, sagt sie.

In Diesdorf bei Salzwedel führte der Ruhestand einer Lehrerin bereits vor Jahren zum Aus für die Platt-AG an der Grundschule im Ort.Die Forscherinnen Luther und Föllner glauben dennoch an die Zukunft der Mundart. „Schon vor 200 Jahren hat man dem Platt vorhergesagt, dass es verschwinden wird. Aber es ist immer noch da und es wird bleiben – wenn auch eher als Kulturgut als als Umgangssprache.“

Dazu beitragen könnte auch der Status des Niederdeutschen als Regionalsprache laut Europäischer Charta. Sachsen-Anhalt hat sich zum Schutz der Sprache verpflichtet. Gerade haben die Landesregierungen von Brandenburg und Sachsen-Anhalt beschlossen, enger zusammenzuarbeiten, um die Mundart lebendig zu erhalten. Eine Idee: Ortsschilder in Sachsen-Anhalt könnten nach dem Vorbild Brandenburgs zweisprachig beschriftet werden. „Salzwedel“ etwa könnte so theoretisch auch „Soltwedel“ auf dem Schild tragen.

Weitergehendes Engagement

Luther und Föllner würden sich allerdings ein noch weitergehendes Engagement wünschen – etwa die stärkere Berücksichtigung von Platt im Unterricht. Vorbild könnten Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein oder Hamburg sein. Sie haben die Sprache als Wahlpflichtfach eingeführt.