Holzwirtschaft

Die Revolution der Wald-Meister

Im Süden Sachsen-Anhalts arbeitet ein Netzwerk aus Unternehmern und Forschern an der Zukunft des Rohstoffs Holz.

Rottleberode l Nur wenige Kilometer von einem Wald entfernt liegt das Sägewerk Ante in Rottleberode. Bis zu einhundert Lastkraftwagen bringen täglich Baumstämme in die Lager des Betriebs, der seit 2008 am Fuße des „Alten Stolbergs“ Bretter für die Baustoffindustrie produziert. 50 Millionen Euro hat der Mittelständler aus dem Sauerland bislang in den Standort in der Gemeinde Südharz investiert. Geld, das Geschäftsführer Jürgen Ante unter anderem für ein wahres Ungetüm ausgegeben hat. In den Hallen in Rottleberode steht die schnellste Säge Europas.

Die Zeit, in der Holzarbeiter schweißtreibend Stämme sägten und Schreiner Holz zu Balken und Bretter verarbeiteten, ist bei Ante vorbei. Mal röchelnd, manchmal quietschend erledigt das digital gesteuerte Gerät diese Arbeit in Rekordzeit. Bis zu 30 fünf Meter lange Stämme werden pro Minute zersägt. Eine Maschine als höchste Evolutionsstufe des Holzarbeiters. Doch eine Redewendung gilt in dem Ante-Betrieb nach wie vor: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Die Holzabfälle werden gesammelt und im betriebseigenen Biomasse-Heizkraftwerk verbrannt.

„Das Verheizen ist die geringste Nutzung, die aus dem Rohstoff Holz zu erzielen ist“, sagt Matthias Zscheile, der in Rottleberode das Holzimpulszentrum gegründet hat. Zusammen mit dem Cluster BioEnergy arbeitet der Professor der Hochschule Rosenheim daran, das Abfallholz der Wertschöpfungskette wieder zuzuführen. An dem Netzwerk im Süden Sachsen-Anhalts sind sowohl Unternehmen als auch Forschungseinrichtungen beteiligt. „Wir wollen den Holzwirtschaftsstandort wieder aufbauen und hier einen starken holzindustriellen Kern schaffen. Unser Ziel ist, die Wertschöpfung des Rohstoffs Holz in der Region zu erhöhen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wir sind auf einem guten Weg“, so Zscheile.

Um diesen Enthusiasmus zu erklären, muss man die Vergangenheit des Hochschullehrers betrachten. Zscheile wurde in Rottleberode geboren, mit dem Holz in der Wiege. Mehr als 75 Jahre lang war das elterliche Laubholzsägewerk am Dorfausgang prägend für das Harz-Örtchen. Doch dann enteignete das DDR-Regime die Eltern von Matthias Zscheile.

Nach der Wende war nicht nur der sozialistische Staat Geschichte, auch das Laubholzsägewerk gab es nicht mehr. Heute ist Matthias Zscheile Professor für Holztechnik und Bau an der Hochschule Rosenheim in Bayern. Doch seine Heimat hat er nie aus den Augen verloren. Vor drei Jahren gründete er das Holzimpulszentrum in Rottleberode. Zudem ist er Vorsitzender des Clusters BioEconomy.

Zscheile gibt die Richtung vor, macht Unternehmer aus verschiedenen Branchen miteinander bekannt und hat auch die Industrie in den Chemieparks Leuna und Schkopau für den Rohstoff Holz begeistert.

Die branchenübergreifende Zusammenarbeit trägt Früchte. Auch im Ante-Sägewerk. Jürgen Ante hat mit dem Gipsplatten-Hersteller Knauf und dem Dämmstoff-Spezialisten Homatherm ein Holzbausystem entwickelt. Damit wollen die Unternehmen den Hausbau revolutionieren. Die verwendeten Bauteile bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen. „Mit dem Holzbausystem lässt sich leichter und schneller bauen als mit Stahl oder Metall. Mit Fertighausproduzenten gibt es erste Gespräche. Doch die Berührungsangst mit neuen Werkstoffen ist groß“, erklärt Jürgen Ante. Auch der verwendete Dämmstoff ist aus Naturfasern auf Buchenholzbasis. „Der Naturfaserdämmstoff hat das Potenzial, Dämmungen, die auf fossilen Stoffen basieren, zu ersetzen“, sagt der Unternehmer. In das Projekt sind bislang rund 4,6 Millionen Euro geflossen.

Der Wissenschaftler Norman Kübler forscht am Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik in Halle an Einsatzmöglichkeiten für nachwachsende Rohstoffe auf dem Bau. Kübler sagt: „Schon in naher Zukunft können Häuser aus nachwachsenden Rohstoffen entstehen.“ Wie bei dem Bausystem aus Rottleberode werden auch in Küblers Labor die Rohstoffe zu dünnen Platten gepresst. Der Fraunhofer-Wissenschaftler nutzt dafür unter anderem Holzspäne. Der Hausbau aus den Sandwich-Elementen funktioniert: Vor dem Institut auf dem Hallenser Weinbergcampus stehen bereits heute zwei Häuser aus Naturstoffen.

Im Fraunhofer-Pilotanlagenzentrum für Polymersynthese und -verarbeitung (kurz: PAZ) im Chemiepark Schkopau sind die Forscher bereits auf der Vorstufe zur industriellen Produktion. Zusammen mit Partnern aus der Automobilindustrie arbeiten die Wissenschaftler daran, Holzabfälle im Fahrzeugbau einzusetzen. Eine Maschine produziert aus Holzspan und weiteren Holzabfällen sogenannte Polymer-Granulate, die später zu Verkleidungsteilen weiterverarbeitet werden können. „Wir versuchen, Materialien einzusetzen, die über lange Zeit und bei hohen Temperaturen stabil bleiben. Die speziellen Polyamid-Mischungen mit Holzfasern haben das Potenzial, Glas- und auch Kohlefasern zu ersetzen“, erklärt Wissenschaftler André Rapthel.

Mit den Autobauern Volkswagen und Porsche sitzt Rapthel häufig an einem Tisch. Die Unternehmen sind interessiert daran, nachwachsende Rohstoffe in ihrer Fertigung einzusetzen. Allerdings nicht um jeden Preis. „Wir kämpfen wirtschaftlich immer gegen optimierte Prozesse an“, sagt Tino Eller, der am Fraunhofer-Institut Chemisch-Biotechnologische Prozesse in Leuna forscht. „Das Ziel ist klar, wir wollen weg vom Erdöl. Doch der Erfolg wird sich erst einstellen, wenn wir mindestens zum gleichen Preis produzieren können“, erklärt Eller. Derzeit befindet sich der Ölpreis jedoch im freien Fall. Keine guten Aussichten für die Bioökonomie-Forscher.

Eller und seine Kollegen in Leuna können die Brücke sein zwischen Innovationen und industrieller Fertigung. „Wir geben unseren Kunden die Möglichkeit, ihre Produkte im industriellen Maßstab herzustellen, um so Investoren zu überzeugen“, sagt Eller.

Lignin heißt der Stoff, um den sich die Forscher derzeit ihre Köpfe zerbrechen. Das braune Pulver wird aus Holzabfällen gewonnen und endete bisher im Heizofen. Die Fraunhofer-Tüftler haben bewiesen, dass Lignin mehr kann. Als Ersatzstoff für den fossilen Feststoff Phenol ist Lignin in Klebstoffen verwendet worden. „Mit Lignin lässt sich ein gewisser Teil des Phenols ersetzen und so auch Erdöl einsparen“, erklärt Eller.

In Leuna wird das Lignin in einer Pilotanlage in größerem Maßstab produziert und auch an Chemieunternehmen weitergegeben. ThyssenKrupp Industrial Solutions in dem Chemiepark setzt auf die biologische Zukunft. „Wir suchen Alternativen zur klassischen Chemie“, sagt Joachim Schulze, Leiter Biotechnologie. Doch der Weg, um Produkte zu verändern, die seit Jahrzehnten etabliert sind, ist lang. „Dafür braucht es viele Zwischenschritte“, so Schulze. Im Süden Sachsen-Anhalts sind Unternehmer, Forscher und Chemiker dennoch von ihrem umweltfreundlichen und nachhaltigen Weg überzeugt: Dem Rohstoff Holz gehört die Zukunft.