Halle l So gefordert, geistig wie körperlich, wurde Erika Tomas wohl schon lange nicht mehr: Die 79-Jährige, die seit acht Jahren im diakonischen Alten- und Pflegeheim der Stiftung Marthahaus in Halle lebt, ist voll konzentriert. Der Blick ist fest auf den Monitor vor ihr gerichtet. „Tanzpartner“ Wilhelm Ihl, 95 Jahre alt, sitzt neben ihr, hebt die Arme, wippt mit den Füßen und singt laut mit. Beide versuchen die Tanzübungen, die die Frau auf dem Bildschirm vorgibt, nachzumachen. Dass die Synchronität noch etwas zu wünschen übrig lässt - egal. Beide Heimbewohner sind mit Feuereifer bei der Sache und haben offensichtlich Spaß. So soll es sein – mit der „MemoreBox“.

„Das macht richtig Spaß“, beteuert die Seniorin. Das Tanzen sei einfach. Das könne jeder. „Da ist das Spiel mit dem Briefträger viel anspruchsvoller. Da muss man genau hinschauen, aufpassen und nach der richtigen Post für den richtigen Briefkasten greifen - blau zu blau, gelb zu gelb.“ Das habe sie anfangs nicht auf die Reihe bekommen, sagt sie. „Aber Übung macht bekanntlich den Meister, nach dem dritten Versuch habe ich begriffen, was ich tun muss.“

Nicht zu alt zum "Zocken"

Dass sie in ihrem Alter vor einer Konsole sitzt und das Spiel mit ihren Körperbewegungen selbst steuert, findet sie „unglaublich, aber irgendwie auch witzig“. Sie habe immer ihre Urenkel bewundert, wie sie mit der Technik umgehen. „So ein Computerspiel würde ich auch gerne mal machen, aber ich dachte immer, dafür bin ich zu alt.“

Ein Trugschluss, wie Jens Brandis, Projektmanager bei RetroBrain, meint. „Fürs Spielen ist man nie zu alt“, lautet das Credo des Start up-Unternehmens, das die Idee zur „MemoreBox“ hatte und die Software zusammen mit der Humboldt-Universität Berlin entwickelte.

Gemeinsam Spaß haben

„Unsere Intention war es, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen und älteren Menschen durch eine einfach zu handhabende Technik in die Lage zu versetzen, gemeinsam Spaß zu haben, und sich dabei ganz nebenbei gesund und fit zu halten“, so Brandis gestern bei der Vorstellung des Programms. Egal, ob die Sonntagsfahrt mit dem Motorrad, ein Ausflug auf die Kegelbahn oder ins Tanzlokal – das, worauf viele aufgrund ihrer Mobilitätseinschränkungen seit Jahren verzichten mussten, sei durch die Videospiele wieder erlebbar. „So können wir auf spielerische Art und Weise die Senioren aus der Reserve locken.“ Aus der Sicht von Axel Wiedemann, Landeschef der Barmer, schlage die „MemoreBox“ zudem „Brücken zwischen den Generationen und bietet die Möglichkeit, mit Hilfe der digitalen Technik zu interagieren“.

Die Barmer kooperiert mit RetroBrain und hat auch die Pilotphase in Hamburg mitbegleitet. „Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass mit der ,MemoreBox‘ präventive und gesundheitsförderliche Effekte erzielt werden können“, so Wiedemann. Die wissenschaftlichen Auswertungen der Humboldt-Uni belegen, dass die Stand- und Gangsicherheit der betagten „Probanden“ gestärkt wurden und sich Motorik, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit verbessert haben. Gründe genug, um das Angebot nun bundesweit auszuweiten und in Sachsen-Anhalt unter der Schirmherrschaft des Schauspielers Matthias Brenner in fünf stationären Pflegeeinrichtungen einzusetzen – darunter auch im Corneliuswerk Altenhilfe Diakonische Dienste in Burg sowie im DRK-Pflegeheim „Am Schwanenteich“ in Stendal.