Magdeburg l Neue Unterlagen erhärten den Verdacht, dass der Verein für Lebensorientierung (Leo) Seminare anbietet, die Homosexualität „heilen“ sollen.

Vom freien Journalisten Silvio Duwe veröffentlichte Auszüge aus aktuellen Seminarunterlagen lassen nach dessen Ansicht wenig Spielraum für Interpretationen: Unter dem Punkt „Störungen der Sexualität“ ist etwa zu lesen: „Selbstmitleid und Minderwertigkeitskomplexe verhindern die Entwicklung zur ganzen Reife eines Mannes“. Bei Homosexualität – wie bei Transvestitismus, Pädophilie oder Exhibitionismus bleibe die Sexualität auf einer „infantilen Stufe“. Als Ausweg empfiehlt das Papier etwa, „Schluss zu machen mit der falschen Nachsichtigkeit gegen uns selbst“.

Schon länger Vorwürfe

Hinter der Seminarreihe steht als Dozent und Vordenker der ehemalige Pfarrer und CDU-Landtagsabgeordnete Bernhard Ritter. Ihm wird seit Längerem vorgeworfen, einer Szene anzugehören, die Homosexualität als psychische Störung betrachtet. Der Landkreis Mansfeld-Südharz hatte dem Verein daher bereits 2014 die Eigenschaft als Träger der Jugendhilfe aberkannt. Leo klagte und bekam recht. Grund: Es fehlten Unterlagen, die belegten, was in den Seminaren genau gelehrt wird.

Nach den neuen Veröffentlichungen scheint die Beweislücke nun geschlossen: „Ein Verein, der vorgibt, er könne Homosexualität heilen, disqualifiziert sich als Träger der freien Jugendhilfe“, sagte etwa SPD-Abgeordnete Angela Kolb Janssen. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands sah sich zu einer Klarstellung veranlasst: Bei den Beratungen von Leo handele es sich „nicht um ein kirchliches Angebot“. Der Landkreis Mansfeld-Südharz kündigte an, die Tätigkeit von Leo im Jugendausschuss am 14. Mai zu debattieren. Angesichts der neuen Dokumente könnte am Ende eine erneute Aberkennung der freien Trägerschaft stehen, sagte eine Sprecherin.

Pikantes Thema

Pikant ist das Thema für die CDU: Bis heute ist mit Christoph Bergner ein ehemaliger Ministerpräsident im Kuratorium des Vereins vertreten. Als Parteimitglied sitzt Dozent Ritter zudem mit Justizministerin Annemarie Keding im Evangelischen Arbeitskreis der Union. Zu Kedings Aufgaben gehört auch der Kampf gegen Homophobie. Auf Anfrage ließ die Ministerin klarstellen: Sie lehne jede Theorie, nach der Homosexualität als heilbare Krankheit behandelt wird, strikt ab. Im Gegenteil: Unter ihrer Federführung setze die Landesregierung ein Aktionsprogramm um, das für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen und Bisexuellen werbe.

Bernhard Ritter sieht sich als Opfer einer Kampagne. Der Journalist Duwe habe interne Informationen, „völlig aus dem Kontext gerissen“. Die Behauptung, Leo wolle Homosexuelle heilen, sei „schlicht falsch“. Der Verein berate Menschen, die dessen Angebote aus freien Stücken wahrnehmen wollen. An der Grundaussage hält Ritter aber auch auf Nachfrage fest: „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, für eine natürliche Entstehung von Homosexualität.“ Veränderungen – nicht Heilung – sei prinzipiell möglich, „wenn ein Betroffener die Strukturen, die ihn quälen, durchschaut und sie korrigiert.“

Rechtsausschuss im Landtag

Für Linken-Rechtsexpertin Eva von Angern sind solche Positionen „indiskutabel“. Auf ihren Antrag hin soll sich heute der Rechtsausschuss im Landtag damit befassen. Das Wirken von Leo und Bernhard Ritter soll genau beleuchtet werden. „Solche Vereine können nicht Träger der Jugendhilfe sein“, sagte von Angern. Das Land sei in der Pflicht, der Kommune beim Aberkennungsverfahren zu helfen.