Biederitz/Atena l Stefanie Hesse macht sich keine Illusionen: „Wie ich Paul kenne, wird er die Nacht kaum geschlafen und x-mal seinen Ranzen aus- und wieder eingepackt haben. Am Frühstückstisch wird er rumzappeln und nichts essen wollen.“

Die zweifache Mutter aus Heyrothsberge spricht aus Erfahrung, vor drei Jahren wurde Tochter Johanna in die Grundschule Biederitz eingeschult. Und auch sie war damals „mega aufgeregt“, erinnert sich die große Schwester. Die Angst davor, „ihren“ Tag zu verschlafen oder irgend etwas zu verpassen war genauso groß wie die Vorfreude auf ... ? - na klar – „die Zuckertüte“, kommt es wie aus der Wasserpistole geschossen. Pauls Augen strahlen.

Wünsche zum Zuckertüten-Inhalt

Im Hause Hesse hat es Tradition, dass die Kinder sowohl ihre Schultüte als auch die kleinere „Geschwistertüte“ vorher nicht sehen dürfen. „Das ist eine große Überraschung.“ Zwar durfte Paul Wünsche äußern, aber nur bezüglich des Inhaltes (neben Süßigkeiten und Schul-Utensilien): Es sollte doch bitte Spielzeug von der Lego-Bau-Serie „Ninjago“ mit drin sein und ein kleines Kuscheltier als Deko obendrauf.

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Die Zuckertüte, blau mit gelben T4-VW-Bussen, wurde übrigens genäht, verrät die „Einschulungsbeauftragte“ der Familie – Papa Thomas (45) hält sich aus allen Vorbereitungen lieber raus: „Eine Bekannte hat sich darauf spezialisiert. Sie bezieht die Rohlinge verschiedener Größe mit dem Stoff der Wahl.“ Der Luxus hat zwar einen weiteren Nutzen (die Stoffhüllen können später zu Kissen umfunktioniert werden), aber auch seinen Preis: 60 Euro müssen für das Unikat namens „Paul“ berappt werden.

Ansonsten geht es aber gediegen zu: Paul trägt an seinem großen Tag eine graue Jeans-Shorts und ein blaues Hemd – nigelnagelneu versteht sich. Gefeiert wird im Garten, gemeinsam mit den Erstklässlern und deren Familien aus der Nachbarschaft. Es gibt erst Kaffee und Kuchen, abends wird gegrillt. Für Paul, ein waschechtes Dorfkind mit Erfindergeist und handwerklichem Talent ist nur wichtig, dass sein Kita-Kumpel und künftiger Banknachbar Lukas mit an Bord ist: „Wir werden im Keller irgendwas bauen.“ Einschulung kann so schön und so einfach sein ... , findet auch Steffi Hesse: „Wenn ich höre, was anderswo für ein teurer Zinnober veranstaltet wird, bin ich froh, auf dem Dorf zu leben. Hier geht das alles noch normal und familiär zu.“

Jonathan kann es kaum erwarten

9540 Kilometer von Heyrothsberge entfernt genießt Jonathan Meyer das freie Wochenende mit seinen Eltern Sarah (31) und Andreas (31) sowie Baby Noah (1 Monat). Die Familie ist vor einem Jahr nach Costa Rica ausgewandert. Die Eltern – sie Erzieherin aus Kiel, er Geschäftsmann im IT- und Online-Bereich aus Schönebeck – hatten „einfach die Nase voll von Deutschland“ und ließen sich in Atenas nieder. „Es war Liebe auf dem ersten Blick“, erzählt Jonathans Vater von der Urlaubs-Bekanntschaft, die zum neuen Zuhause wurde. Die Kleinstadt mit 27.000 Einwohnern - davon 1500 Ausländer - liegt eine Autostunde von der Hauptstadt San Jose entfernt. „Es ist ein Traum, die Menschen sind herzlich und weltoffen und das Klima super angenehm. Wir wollen hier gar nicht mehr weg“, schwärmt Sarah Meyer.

Und Jonathan? Der hat sich schnell eingelebt und fühlt sich bereits pudelwohl. Der Knirps, der seine ersten vier Lebensjahre nahe Möckern verbrachte, ist mega stolz. Nicht nur, weil er die Vorschule der privaten „Green Valley School“ besucht und in drei Sprachen lesen und zählen kann, sondern vor allem, weil er Anfang Dezember eingeschult wird: „Damit ist Jonathan der Erste von seinen ehemaligen Kumpels der Kita in Wörmlitz, der in die Schule kommt“, berichtet sein Vater.

Verständigung in drei Sprachen

Die Verständigung mit den anderen Kindern klappt problemlos. Jonathan, der dreisprachig aufwächst, lernt kinderleicht dazu: „Zu Hause sprechen wir deutsch, der Unterricht in ist auf Englisch und in den Pausen spiele ich mit den anderen Kindern zusammen und dann reden wir spanisch.“

Die Einschulung selbst ist zu Jonathans Leidwesen allerdings weniger spektakulär als in Deutschland: Die Kinder, die sich aus der Vorschule kennen und bis zur 9. Klasse als Gruppe zusammenbleiben werden, tragen die Schulkleidung und bekommen eine Schärpe. Es gibt für alle eine gemeinsame große Feierstunde in der Mehrzweckhalle der Schule, die älteren Schüler gestalten ein Programm, so Andreas Meyer: „Das war's dann auch schon.“

Na ja, nicht ganz. Jonathan bekommt natürlich noch seine Zuckertüte, verrät Mutter Sarah: „Darauf hat er bestanden.“