Braunschweig l Er hat den Lavendel und das andere Grün vom Verkaufstisch auf den Regalwagen geräumt. Auftrag erfüllt. Zeit für ein Päuschen. Nico Schumacher sucht sich einen Platz unter der Magnolie auf dem Hof. Die Sonne knallt. Das Thermometer bewegt sich auf 30 Grad zu. „Herr Schumacher!“ Nico Schumacher stöhnt. Es ist sein Chef, der da nach ihm ruft und wahrscheinlich ahnt er es schon: Er muss noch mal ran. „Ich habe gesagt, ihr sollt die Tische sauber machen und die Planen runter nehmen.“ Nico Schumacher verdreht die Augen unter seinem blauen Basecap und schlurft in Richtung Verkaufstisch zurück.

Olaf Redlin sagt gerne mal „Herr Schumacher“ zu ihm. Meistens dann, wenn er etwas tun soll. Manchmal nennt er ihn auch „Niko Kovač“, so wie den Cheftrainer des FC Bayern München. Aber in der Regel sind sie alle per du.

Olaf Redlin ist in der Klostergärtnerei in Riddagshausen, einem Stadtteil von Braunschweig, der Chef. Der 54-Jährige und drei Kollegen, darunter zwei Zierpflanzengärtner und ein Gartenlandschaftsbauer, leiten täglich 30 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren mit geistigen und körperlichen Behinderungen an, die hier arbeiten und sich ein bisschen etwas dazu verdienen. Sie pflanzen Blumen und Kräuter, ernten Tomaten, Kohlrabi und Gurken, fegen Pflanzenreste zusammen, mähen Rasen, pflügen den Acker. Die Gärtnerei umfasst 3000 Quadratmeter Ackerfläche. Dazu kommen 1000 überdachte Quadratmeter.

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Nico Schumacher und die meisten anderen Angestellten wohnen in der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, 15 Kilometer von Braunschweig entfernt. Es ist eine diakonische Einrichtung, die Menschen mit Behinderungen Platz zum Leben und zum Arbeiten gibt. Nico Schumacher hat das Down-Syndrom, einen angeborenen Gendeffekt. Seit zwei Jahren arbeitet er hier in der Klostergärtnerei.

Die Stiftung Neuerkerode hat die Gärtnerei von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz vor gut sechs Jahren in Form einer Erbpacht übernommen, erzählt Olaf Redlin. Die Idee: Hier sollte eine regionale und ökologische Gärtnerei entstehen, in der Menschen mit Behinderungen arbeiten können. Und in der die umweltbewussten Städter ökologische Produkte kaufen können.

Regional und ökologisch sind die Produkte, die es hier gibt. „Wir dürfen sie aber nicht ,bio‘ nennen“, sagt Olaf Redlin. Voraussetzung wäre ein zweijähriges Zertifizierungverfahren. Der Aufwand sei momentan zu groß. Außerdem müssten viele Zierpflanzen weichen, da es von ihnen keine Biokulturen gibt, Pilze und Schädlinge zu leichtes Spiel hätten. Also konzentrieren sich die Mitarbeiter auf den Kräuter- und Gemüseanbau nach ökologischen Richtlinien.

Fünfjähriges Bestehen gefeiert

Bis 2009 war auf dem Gelände die Stadtgärtnerei von Braunschweig untergebracht. Danach lag die Gärtnerei brach. „Als Neuerkerode das Areal übernommen hat, waren die Basics für unser Vorhaben schon da“, so Redlin. Dazu gehörten acht Gewächshäuser aus den 50er Jahren. Die hat die Stiftung saniert, die Verglasung und Klimatechnik erneuert.

Olaf Redlin arbeitete bis dato als Geschäftsführer eines Unternehmens. Verbrachte 60 Stunden pro Woche, meist eingewürfelt von vier weißen Wänden im Büro. Er wollte raus. 2013 entdeckte er die Stellenanzeige, die nach einem Leiter für das Projekt „Klostergärtnerei Riddagshausen“ suchte, bewarb sich und verließ den Würfel.

An einem heißen Junitag sechs Jahre später sitzt der gelernte Handelsfachwirt auf einer Holzbank in der Gärtnerei. Sie feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen. Hinter ihm sticht der Kirchturm der Klosterkirche in den Himmel, neben ihm surren Bienen, blühen rote, gelbe, blaue Blumen auf den Verkaufswagen. Er genießt die Ruhe, die Weite hier. Bis zu elf Kilometer läuft er täglich von Angestelltem zu Angestelltem zwischen Acker, Gewächshaus und Verkaufsraum. „Halleluja.“ Olaf Redlin richtet Hände und Blick gen Himmel. „Es ist ein besonderer Ort.“ Für ihn der beste Arbeitsort, den es geben kann. Er bereut nichts. Ist zufrieden mit sich, der Arbeit, der Welt. Auch wenn ihn die Reaktionen einiger Mitarbeiter auf Stress oder Kritik manchmal ungefilterter treffen. Er in solchen Momenten auch mal eine Beleidigung oder einen Knuff aushalten muss.

Im Gegensatz zu Unternehmensgepflogenheiten gibt es in der Gärtnerei nur eine Hierarchie: Olaf Redlin weist an und wenn’s gut läuft, hören seine Arbeiter auf ihn. Wenn nicht, dann versinken sie in ihren Handys, stehen ein bisschen rum oder bleiben einfach mal etwas länger als nötig auf der Toilette. Manchmal sei der Umgangston deswegen etwas rauer. „Sonst schaffen wir unsere Arbeit nicht. Eine Jungpflanze wartet nicht, die muss in den Acker.“ Aber zwingen kann er eh keinen. Alle 30 arbeiten freiwillig hier – und viele von ihnen seit Jahren. „Die Fluktuation ist gering“, sagt Olaf Redlin, der als Standortleiter Sozialarbeiter, Gärtner und Kaufmann in einem ist. Er hat oft beobachtet, wie stolz seine Mitarbeiter sind, wenn aus Samenkörnern, die sie ausgesät haben, ein bauschiger Salatkopf gewachsen ist, den sie schließlich ernten.

Er wendet sich Daniel Wiktorski zu: „Abmarsch.“

Die Bewohner der Stiftung in Neuerkerode können zwischen drei Arbeitsbereichen wählen: Gastronomie, Gärtnerei und Industrie. Ziel der Arbeit in den Werkstätten ist es, dass sie irgendwann eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Meist verliert sich das Ziel in den Jahren. Daniel Wiktorski ist 42 Jahre und arbeitet seit vier Jahren in der Gärtnerei. „Vielleicht ist den Unternehmen der Betreuungsaufwand der Menschen mit Behinderungen zu groß“, vermutet Redlin. Es könne schon mal vorkommen, dass den Händen seiner Gartenmitarbeiter nicht nur Unkraut, sondern auch gleich der Knoblauch weicht oder unreife Gurken im Wagen landen.

Sparen auf ein K-Pop-Konzert

Nadja Fres steht an der Kasse des Verkaufsraums. Tippt die Preise von Zwiebeln, Auberginen und Süßkartoffeln ein, bedient Kunden. Aber viel lieber bindet sie Blumensträuße aus Pfingstrosen oder Sonnenblumen. Auch die werden in der Gärtnerei verkauft. Die 27-Jährige arbeitet erst seit Mai hier. Sie will Geld verdienen. Spart auf ein Konzert in Berlin einer K-Pop-Gruppe, Musiker koreanischsprachiger Popmusik. Außerdem brauche sie das Geld, um Sprit für ihr Auto zu kaufen oder ihre Handyrechnung zu zahlen.

Sie gehört zu den Gärtnereimitarbeitern, die auch anspruchsvollere Aufgaben bewältigen können – und zu den sieben Frauen, die hier arbeiten. Die Männer mögen am liebsten die Arbeit mit alldem, was „laut ist, knallt und brummt“. Mit der Fräse den Acker pflügen zum Beispiel oder den Rasen mähen. Aber nicht alle haben die Erlaubnis dafür, technische Geräte zu bedienen.

Was die Klostergärtnerei für Olaf Redlin so besonders macht, ist die Weite, das Offene, das Einfache. Die Tore zwischen der Klosterkirche, dem Klostergarten und der Klostergärtnerei stehen offen. Es gibt Holzbänke, Kaffee aus der Thermoskanne und Eis am Stiel. In Holzkisten liegen Gurken, deren Enden sich kringeln und Hummeln trinken nebenan vom Lavendel. Ein Ort, an dem es nicht mehr braucht, um glücklich zu sein.