Magdeburg l Während den Parteien die Mitglieder weglaufen, verzeichnen Umweltverbände einen großen Zulauf. Mit insgesamt 1,7 Millionen Mitgliedern haben der BUND, Nabu und Greenpeace deutschlandweit mehr Unterstützer als alle im Bundestag vertretenen Parteien (1,2 Millionen) zusammen. Doch woran liegt das?

„Menschen haben das Gefühl, in einem Umweltverband mehr bewegen zu können, weil hier Gleichgesinnte zusammenkommen, die sich für ein spezielles Thema engagieren“, sagt Michael Böcher, Professor für Politikwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Auch bei den Anfragen, die den Nabu erreichen, handelt es sich eher „um die regionalen, spürbaren Probleme und Sorgen der Bürger“, sagt Nabu-Landesgeschäftsführerin Annette Leipelt. Ob Artenschutz oder Glyphoateinsatz: Engagement richtet sich speziell auf ein Thema. „Daraus sollten die Parteien den Schluss ziehen, dass sie auch Nichtmitgliedern ein organisatorisches Dach, Infrastruktur und Unterstützung bieten, wenn es um die Verwirklichung bestimmter Anliegen geht“, so der SPD-Landesvorsitzende Burkhard Lischka.

Ein weiterer Grund: In Verbänden wirkt das eigene Engagement schneller, es müssen weniger Kompromisse eingegangen werden. Als Parteimitglied ist der eigene Einfluss geringer. „Parteien müssen alle politischen Themen vertreten und unterschiedlichste Interessen vereinen. Sie können bei einzelnen Fragen nicht die gleichen konsequenten Positionen vertreten wie ein Umweltverband“, so Böcher.

Ökologie und Ökonomie vereinen – die große Aufgabe der Zukunft. „Wir müssen unsere Industriegesellschaft sozial und ökologisch umbauen, auch im Interesse von nachhaltigem Wachstum und Arbeitsplätzen. Das hat auch in der Landespolitik einen hohen Stellenwert.“, sagt Sachsen-Anhalts SPD-Landesfraktionsvorsitzende Katja Pähle.

So werden Umweltthemen mehr und mehr auch zum bestimmenden Faktor auf Landesebene. Mit mehr als 960 Mitgliedern haben die Grünen mehr Unterstützer in Sachsen-Anhalt als je zuvor. „Viele neue Mitglieder aus allen Altersschichten berichten uns, dass sie die Sorge um die Klimakrise zu einer Parteimitgliedschaft bewogen hat“, sagt Sachsen-Anhalts Grünen-Chefin Susan Sziborra-Seidlitz. Formiert sich auch in Sachsen-Anhalt eine neue Umweltbewegung? „Ganz eindeutig, ja.“ Dieses Engagement wird derzeit aber eben vor allem in den Verbänden verwirklicht. Doch wie weit reicht der politische Einfluss? Sind Verbände nach dem Umweltrechtsbehelfsgesetz anerkannt, können sie das Verbandsklagerecht wahrnehmen. Das heißt: Glauben Verbände, bei Bauvorhaben wird der Naturschutz missachtet, können sie Genehmigungen überprüfen lassen. Proteste, wie zum Beispiel die öffentlichkeitswirksame Greenpeace-Aktion vor der RWE-Zentrale in Essen, oder Kampagnen sind weitere Maßnahmen, um sich politisches Gehör zu verschaffen. „Wenn Verbände steigende Mitgliederzahlen aufweisen, sorgt das für ein steigendes politisches Gewicht, das heißt für wachsenden Einfluss auf die Parteipolitik“, so Böcher. Und dieser Trend dürfte sich fortsetzen.