Magdeburg l Der Reisemarkt ist im Lockdown weitgehend zusammengebrochen. Trotz massiver Staatshilfe schließen Reisebüros, andere passen ihr Geschäftsmodell an und fungieren nun als Paketshop. Die vage Hoffnung der Branche: Ein Reiseboom nach der Krise.

Reisebüros müssen aktuell nicht schließen, weil die Politik es so verordnet hat. Doch das spielt kaum eine Rolle. Der Reisemarkt liegt brach. Viele Büros sind dicht oder haben eingeschränkte Öffnungszeiten. Die Umsatzeinbrüche sind gewaltig.

Norbert Fiebig rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzrückgang von mehr als 80 Prozent in der Reisewirtschaft. Das entspreche einem Verlust von etwa 28 Milliarden Euro, rechnet der Präsident des Deutschen Reiseverbands vor. Die rund 11.000 Reisebüros in Deutschland seien „de facto geschlossen“, sagt er. „Derzeit ist von 193 Staaten weltweit kaum einer ohne behördliche Einschränkungen zu bereisen“, verdeutlicht Fiebig. Vor der Corona-Krise gab es in Sachsen-Anhalt mehr als 220 Büros und Veranstalter mit mehr als 700 Beschäftigten. Aktuell dürften es erheblich weniger sein.

Zum derzeitigen Zustand der Reisewirtschaft: Drei Beispiele aus Sachsen-Anhalt.

● Fall eins: Der Mittelständler. Kristin Vetter leitet seit zwölf Jahren das Familienunternehmen Vetter-Touristik mit Sitz in Zörbig (Anhalt-Bitterfeld). Das Unternehmen unterhält derzeit insgesamt 35 Reisebüros, 27 davon in Sachsen-Anhalt. Die Mitarbeiterzahl ist laut Vetter um etwa zehn auf 120 gesunken, aktuell seien sie zu etwa 70 Prozent in Kurzarbeit.

Im November verzeichneten sie normalerweise Buchungen im Wert von rund vier Millionen Euro. Im November 2020 rechnet sie mit nur 100.000 Euro. Ihr Unternehmen erhalte staatliche Hilfen, berichtet Vetter. Nur abwarten, bis die Leute wieder mehr reisen, wollte sie nicht. Sie konnte jetzt 15 ihrer Büros kurzfristig in Paketshops umwandeln und so die dramatischen Verluste etwas abmildern.

● Fall zwei: Der kleine Reiseveranstalter: Annet Kinast-Leidenroth hat ihr Magdeburger Reisebüro vor einigen Wochen endgültig geschlossen, ihr zweites Büro in Barleben hat werktags derzeit nur vier Stunden geöffnet. Drei Mitarbeiter hat sie noch, vor Corona seien es fünf gewesen, berichtet sie. Das Kurzarbeitergeld stocke sie auf. Die Chefin berichtet, viele in ihrer Branche seien in Sorge, dass ihre Beschäftigten der Touristik den Rücken kehren könnten. Auch Kinast-Leidenroth erhält Überbrückungshilfen. Sie sagt, ihr Umsatz sei in diesem Jahr um etwa 90 Prozent eingebrochen. Ihr Unternehmen befinde sich derzeit in einer Art „Winterschlaf“.

 ● Fall drei: Der Soloselbständige. Nach der Pleite des Touristik-Konzerns Thomas Cook vergangenen Herbst machte sich Pascal Hampel selbständig. Im März 2020 sollte sein Reisebüro in Haldensleben eröffnen. Doch dann kam Corona. Hampel verschob die Eröffnung auf Juni. Nur im September und Oktober habe er Gewinn erwirtschaftet, sagt der 25-jährige Jungunternehmer. Nun musste er Arbeitslosengeld beantragen.

Hampel sagt, er habe bislang keine staatlichen Hilfen bekommen, weil sein Unternehmen vor der Krise noch gar nicht existierte. Wie viele in der Branche setzt der Haldensleber jetzt alle Hoffnung in die Zeit nach Corona. „Die Leute werden wieder reisen“, sagt er.

Der Autor ist nicht mit der Reise-Unternehmerin verwandt. Die Namensgleichheit ist rein zufällig.