Beuster l Man muss schon genauer hinsehen, Eugen Kisselmanns Bilder sind keine Fotografien. Handgemalt sind Tiere und Landschaften, der Künstler tupft Öl auf Leinwand, an einem großen Bild sitzt er bis zu vier Wochen, sechs bis acht Stunden am Tag. Dass er Vögel und Wasser ausgesprochen fein, stimmig und nuanciert malen kann, hat Amerika längst entdeckt. Seit neun Jahren wählen sie seine Naturmotive aus, 120 Bilder aus 600 internationalen Bewerbern schaffen es jährlich ins „Leigh Yawkey Woodson Art Museum“ in Wisconsin. 2017 hat sich Kisselmann mit „Knut“, einem Schnepfenvogel, und 2016 mit „Sandbank“ unserer Elbe durchgesetzt. Wer die Originale in den nächsten zwei Jahren bewundern möchte, müsste also flugs den Ozean überqueren … oder aber in die sagenumwobene Altmark fahren.

Denn dorthin, direkt hinter den Elbdeich in Beuster, hat sich der 53-Jährige vor drei Jahren zurückgezogen. Unbeabsichtigt, wie er sagt, aber auf ihrer Suche nach einem Rückzugsort hatten er und seine Ehefrau Tatjana dieses Häuschen entdeckt - inmitten wilder Auen und unweit der Elbe, ähnlich idyllisch wie die Kulundaebene nahe der Grenze zwischen Russland und Kasachstan, die Heimat des Künstlers.

In der russischen Steppe gemalt

Wenige alte Kiefern auf einem Sandhügel, Steppenseen und Tümpel, sperrige Birken- und Espenwälder und nirgends eine Menschenseele - gewisse Ähnlichkeiten mit der Altmark sind unverkennbar. Kehrt man in Kisselmanns Heimat und zu seiner Kindheit zurück, meint man, er habe bereits als Naturmaler in der Wiege gelegen. Seine Leidenschaften, die Natur und die Kunst, entflammen früh, Ausflüge durch die russische Steppe stehen auf der Tagesordnung, ebenso das Malen.

Bilder

Drinnen bringt er als kleiner Junge zu Papier, was ihn draußen fasziniert, und da gibt es einiges: im Frühling die flauschigen Küchenschellen, im Herbst der knallrote Espenwald und im Winter die flinken Schneehasen, Vögel hatten es ihm besonders angetan. Seine Eltern schicken ihren Sohn bald zur Kinderkunstschule, ein Malereistudium in Novoaltaisk folgt, Kisselmann wird technisch professioneller. Dennoch, sagt er heute, habe er sich auf dem Gebiet der Tiermalerei nicht entfalten können, denn genau darin lehrt ihn das Studium nicht.

Mittlerweile ist er ein Meister seines Fachs, er ordnet sich der in Deutschland nicht sehr verbreiteten „Realistischen Naturmalerei“zu. Seine Bilder gehen in die Tiefe, ins Detail, erspüren jede Schwingung, jede farbliche Nuance. Diese besondere Gabe für Feinheiten hatte auch ein Dozent bemerkt. „Schmeiß die dicken Pinsel weg. Nimm Feine!“, riet er. Auf der Studien-Abschlussfeier bekommt Tatjana, seine junge Ehefrau, einen Rat: „Eugen ist sehr talentiert, aber ein Künstlerleben ist nicht einfach. Machen Sie alles, dass er sich weiterentwickeln kann. Er ist abhängig von Ihrer Unterstützung.“ Der Ratschlag hat Tatjana Kisselmann geprägt. 1992 zieht die Familie nach Deutschland, seit 1995 können sie ausschließlich vom Verkauf der Bilder leben. Tatjana Kisselmann stellt Kontakte her, kümmert sich um Ausstellungen, übernimmt Finanzielles - ihre Fähigkeiten als Kunstmanagerin hat sie sich selbst erarbeitet. Sie mag den Kontakt zu Kunden, das fülle sie aus. „Oft gibt es eine Verbindung zwischen ihnen und uns, es entstehen Freundschaften. Wir unternehmen etwas gemeinsam, gehen paddeln oder beobachten die Hirschbrunft.“

Die Darstellung wilder Tiere in ihrer natürlichen Umgebung hat er sich selbst beigebracht, sagt er. Nach dem Malstudium nimmt er eine Stelle in einem Naturforscherzentrum an, er unterrichtet Biologie, pflegt und malt Tiere. In dieser Zeit bezeichnet er sich als Ornithologe. Als er Vogel-Illustrationen für die Rote Liste anfertigen soll, entdeckt er seine Nische. „Das war für mich eine Offenbarung“, resümiert er. Tatjana sagt, beim ihm geht das Malen wie von selbst, sie habe es auch mal versucht, aber nach drei Stunden aufgegeben. Ihr Mann schmunzelt, nach drei Stunden werde er erst richtig warm, Tatjana nickt. „Wenn er malt, ist er nicht ansprechbar. Ich sage dann, er ist nicht zu Hause, er ist im Urlaub.“ Seine Bilder stehen und hängen im Atelier, den Verkauf sieht er pragmatisch, an den Atelierbildern hänge er nicht. Lediglich von denen, die draußen entstanden sind, könne er sich schwerer trennen. „Mit den Bildern verbinde ich meist etwas, einen schönen Tag, eine Stimmung.“

Hoffnung auf Seeschwalben

Überhaupt draußen - da sind die Kisselmanns immer gern. Stück für Stück entwickeln sie den Garten und renaturieren die Brache, pflanzen heimische Bäume und Sträucher auf Wiesen und im Vorland. „Wenn einer hier mit einem gelben Eimer unterwegs ist, ist das Eugen. Er sammelt Samen von Kräutern und sät sie auf der Brache aus.“

Kisselmann deutet mitten ins Grün. „Guck mal, der große Wiesenknopf ist gekommen.“ Man muss lange suchen und mit den Augen blinzeln, um die dunkelroten Köpfe des zarten Krauts zu entdecken, zwei Jahre ist es her, dass er die Samen in die Erde gebracht hatte. Links daneben, auf einem kleinen Elbarm, hat er eine Nisthilfe aufgestellt. Für Seeschwalben. „Als wir uns damals die Immobilie angeschaut haben, gab es welche“, erzählt er. „Sie nisten eigentlich auf Inseln, aber hier gibt’s keine Natürlichen mehr. Also hab ich eine gebaut.“ Noch hat er keine nistenden Seeschwalben auf dem Floß gesehen, aber Kisselmann ist geduldig, freut sich, dass er dafür die Turmfalken mit einer Nistkiste unterm Hausdach und den Eisvogel mit einer Steilwand angelockt hat.

Kisselmann und die Vögel, Kisselmann und die Natur, Kisselmann und die Malerei … Wer einen Blick auf sein vielseitiges Schaffen werfen möchte, ist herzlich eingeladen. Einfach den Deich elbabwärts radeln und ab Werben aufmerksamer werden. Kurz vor Beuster steht linkerhand hinter Bäumen kaum sichtbar Kisselmanns weißgetünchtes Häuschen. Und genau hier am Elbdeich ist das Bild „Sandbank“ entstanden, das die Elbe über den Ozean bis nach Amerika trägt.