Magdeburg l Vor kurzem musste ich an Tante Charlotta denken. Eigentlich war sie nur eine Freundin der Familie. „Sagt Tante Lotta zu mir“, hatte sie uns Kindern eingeimpft. Einmal holte sie mich aus meiner Lese-ecke. Sie nahm mir mein Buch aus den Händen, drehte es um und schaute neugierig, was ich las. Es waren Erinnerungen eines jüdischen Arztes. Sie setzte sich zu mir und erzählte, dass sie „als ich so alt war wie du jetzt“ drei jüdische Mitschülerinnen hatte. „Eines Tages waren sie weg.“ Auch ihre beste Freundin, mit der sie Wand an Wand gewohnt und auf der Straße gespielt habe, Hippeding, mit dem Ball oder der Kieselpeitsche.

Leider vergaß ich nach dem Namen zu fragen, eine Gedankenlosigkeit , die mich jetzt, Jahrzehnte später, einholte. Da entdeckte ich nämlich einen Stolperstein für ein jüdisches Mädchen, etwa dort, wo sich auch das Haus von Charlottas Eltern befunden haben könnte. Vielleicht liegt der Stein an der Stelle im Pflaster, wo die Freundinnen mit ihren dünnen Kinderfingern den Kreisel, den Magdeburger hartnäckig Kiesel nennen, in eine Spalte der Pflasterung drückten, um die Schnur der Kieselpeitsche um den Stein zu schlingen und ihn mit einem Ruck der Peitsche in Bewegung zu setzen. Fröhlich lachend, wenn es gelungen war.

Judenverfolgung in Magdeburg

Es hat damals in Magdeburg sicher viele fröhlich lachende jüdische Kinder gegeben. Das änderte sich, als die Nationalsozialisten 1933 die politische Macht im Lande übernommen hatten. Schritt für Schritt wurden nun auch in Magdeburg jüdische Mitbürger erniedrigt, ausgegrenzt und verfolgt. Bald durften sie die Straßenbahnen nicht mehr benutzen, blieben Kinos, Theater und Bibliotheken für sie verschlossen und die Kinder wurden aus den Schulen ausgesperrt. Die Familien mussten ihre Wohnungen aufgeben und in sogenannte Judenhäuser ziehen. Später wurden sie in Vernichtungslager verschleppt und umgebracht. Von den 3200 jüdischen Bürgern, die vor 1933 in Magdeburg lebten, wurden nach heutigem Wissensstand 1521 ermordet. Darunter befanden sich auch 287 Kinder.

Bilder

Wenn die Mörder auch die Erinnerung an ihre Opfer auslöschen wollten, ist das dank der Stolpersteine gescheitert. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagte der Künstler Gunter Demnig zu seiner Idee, mit Stolpersteinen etwas zur Erinnerung an die Holocaust-Opfer zu leisten. Seit 2007 gibt es auch in Magdeburg Stolpersteine.

Zunächst Vorbehalte

„Es war der zweite Versuch“, erinnern sich Waltraud Zachhuber und Alfred Westphal. Dass es zwei Versuche bedurfte, hat mit dem Vorbehalt zu tun, dass die Gedenksteine mit Füßen getreten würden. Später bat Olaf Meister, Chef der Grünen im Magdeburger Stadtrat, seinen Fraktionskollegen Westphal, es noch einmal zu versuchen. „Da habe ich Waltraud gefragt“, erzählt Westphal. Warum gerade die frühere Dompredigerin? „Weil ich sie aus unserer Fraktionsarbeit kannte und wusste, dass ich mit der Idee bei ihr offene Türen vorfinde.“

Und warum setzt sich eine evangelische Pastorin für diese Sache ein? „Ich kann nur Christ sein“, sagt Waltraud Zachhuber, „wenn ich alles tue, um den Hass auf Juden einzudämmen“.

Seither bilden die beiden Senioren den Kern der Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine für Magdeburg“, zu der Magdeburgs Kulturbüro-Leiterin Susanne Schweidler, Christine Böckmann vom Verein „Miteinander“ und Waltraud Zachhubers Ehemann Gerhart gehören. Unverzichtbar: Grafiker Ernst Albrecht Fiedler und die Unterstützung vom Rathaus. Oberbürgermeister und Stadt haben die Stolpersteine zu ihrer Sache gemacht, sagt Westphal.

Suche nach Namen der Opfer

Schwierig sei gewesen, blickt Waltraud Zachhuber auf den Beginn, Namen der Opfer zu finden. Es gibt keine Meldedatei. Wichtige Quellen wurden Adressbücher, briefliche Anfragen bei der Synagogengemeinde nach Angehörigen, auch die Gedenkstätte Yad Vachem. Inzwischen füllt das Material drei Ordner, ein A4-Blatt zu jedem der bisher 498 verlegten Stolpersteine. Sie erinnern an alle Opfergruppen – Juden, Roma und Sinti, Widerstandskämpfer, Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas. Die Stadt gestaltete aus den Biografien ein Buch. Im Raum des Gedenkens im Rathaus ist es ausgelegt und kann eingesehen werden. Gedenken als Hindernis gegen das Vergessen.

Große Hilfe leisten Magdeburger Schulen. „Im Laufe der nun elf Jahre haben Schülergruppen aus mehr als 15 Schulen zu Biografien meist jüdischer Familien recherchiert, Geld für die Stolpersteine gesammelt oder die Verlegezeremonien mitgestaltet“, gibt es Anerkennung durch Waltraud Zachhuber.

Aufgabe für Schüler

Es ist eine umfangreiche Aufgabe für Schüler. Die Pädagogin Elke Rühling erklärt das Projekt an der Berufsbildenden Schule „Eike von Repgow“: „Zur Informationssuche werden die verfilmten Adressbücher in der Stadtbibliothek oder dem Stadtarchiv Magdeburg, das Bauaktenarchiv, die Datenbanken des Stadtarchivs, online über das KZ Theresienstadt, das Geburtsregister sowie die Datenbanken Magdeburgs und Berlins genutzt.“

Und was sagen die Schüler? Die Teilnehmer würden deutlich machen, dass die Recherche und der damit für sie verbundene Projekterfolg eine große Bereicherung für ihre Persönlichkeit bedeuten, sagt die Projektleiterin. Die Schule wurde zweimal mit dem Hermann-Spier-Preis gewürdigt, der nach einem Lehrer benannt ist, der an der Schule der jüdischen Gemeinde in Magdeburg unterrichtete.

Die Begegnung mit der NS-Zeit macht betroffen. Als die Arbeitsgruppe vor einigen Jahren Schülern des Magdeburger Hegel-Gymnasiums die Liste mit Namen ermordeter Angehöriger der Familie Otto Jakob Rosenthals übergab, meldete sich plötzlich eine Schülerin. Da müsse wohl ein Fehler unterlaufen sein, meinte sie. Da stehe ja ein Kind mit auf der Liste, das erst ein Jahr alt gewesen sei. „Es fiel schwer, zu sagen, dass dies kein Irrtum gewesen ist“, erinnert sich Waltraud Zachhuber. Danach herrschte langes Schweigen.

Waltraud Zachhuber und Alfred Westphal sind beide 77 Jahre alt. Nicht die einzige Gemeinsamkeit. Dennoch sind sie sich nicht einig, wenn es um das Gewicht ihrer Arbeit an den Stolpersteinen geht. „Ohne Waltraud würde sich hier nichts drehen“, sagt der grüne Stadtverordnete, um hinzuzufügen, „ich kümmere mich nur um die technische Seite“. Was ihm Widerspruch der früheren Pastorin einträgt: Diese technische Seite sei in Magdeburg besonders wichtig.

„Wenn wir einen Stolperstein verlegen wollen, müssen wir natürlich den Platz bestimmen“, erklärt Westphal. Das soll möglichst nahe der Haustür zur letzten selbstbestimmten Wohnung sein. In Magdeburg sei das nicht einfach zu verwirklichen. Die Zerstörung 1945 und der Wiederaufbau habe die Stadt verändert. Nicht nur Häuser, sondern auch Straßen seien verschwunden. „Wenn ich am Engpass des Breiten Weges die Steine nahe dem alten Hauseingang verlegen wollte, hätte ich sie zwischen die Straßenbahnschienen legen müssen“, sagt Westphal. Und gesteht ein, dass das Technische am Projekt auch nicht so einfach ist. Hat er die Stelle gefunden, bereiten Carsten Reinhard und Steffen Manthey vom Tiefbauamt die Stelle so vor, dass am Verlegetag der Stolperstein nur noch eingefügt werden muss.

Eine Verlegung in der Otto-von-Guericke-Straße nahe dem Hasselbachplatz ist Westphal besonders in Erinnerung geblieben. Als er davon erzählt, wird seine Stimme leiser. „Neben mir stand ein Mann. Plötzlich umarmte er die neben ihm stehenden Jungen : ,Seht ihr Kinder, es war richtig, hierher zu fahren. Jetzt haben wir eine Stelle, wo wir Opa gedenken können.‘“

Künstler Gunter Demnig

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit ihnen will er an die Menschen erinnern, die während des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder zu einer Flucht in den Tod gezwungen wurden. Die Stolpersteine bestehen aus Betonwürfeln, die eine Kantenlänge von 96 mal 96 Millimetern und Höhe von 100 Millimetern haben. Sie tragen eine quadratische Messingtafel mit Informationen über die Opfer. Opfersteine werden in Deutschland und 23 europäischen Ländern verlegt. Kürzlich ist der 77.000. Stein verlegt worden. Die Stolpersteine gelten als größtes dezentrales Mahnmal der Welt.

500. Stolperstein in Magdeburg

In Magdeburg findet am 29. November  und 30. November die 28. Verlegeaktion statt. Die erste Verlegung am 28. November findet um 14 Uhr am Hohenstaufenring 9 (gegenüber dem Nordpark kurz vor dem Pfälzer Platz) statt. Sie dient dem Gedenken der Ehepaare Wertheim und Hannach. Der 500. Stolperstein erinnert an Julius Hannach.

Paten für Stolpersteine

Für weitere Stolpersteine in Magdeburg werden Paten gesucht:

  • für Recherchen über die Opfer,
  • für die Finanzierung eines Projektes (ein Stolperstein kostet 120 Euro,
  • für die Gestaltung der Gedenkstätte jeweils 25 Euro),
  • für die Pflege der Steine,
  • für Stolpersteinführungen und Informationen zum Thema.

Zum Artikel "Schicksale hinter Magdeburger Stolpersteinen".