Magdeburg l Fußball-Wochenende am Schöppensteg, stolze Eltern feuern ihre Kinder am Spielfeld-rand an. Nach umfangreicher Sanierung wurde der Kunstrasenplatz des SV Fortuna Magdeburg im September 2018 eingeweiht. Kosten: 315.000 Euro, zehn Prozent davon musste der Verein selber aufbringen. Eine große Summe für einen kleinen Verein, die sich nun als Fehlinvestition entpuppen könnte. Denn als Unterlage verwendete der Verein Gummi-Granulat. Der Kunststoff soll, so der Plan der EU, ab 2022 auf Kunstrasenplätzen verboten werden. „Das könnte zum riesen Problem werden. Andererseits wird in der Politik gern mal schnell was rausgehauen. Wir warten erstmal ab“, so Fortuna-Trainer Dirk Hannemann.

Ausgangspunkt des drohenden Verbots war eine Studie des Fraunhofer-Instituts. Demnach gehören Sportplätze mit Kunstrasen zu den größten Quellen der Ausbreitung von Mikroplastik. Die Gummiteile werden aufgewirbelt, bleiben an der Kleidung hängen – und belasten so die Umwelt. 11.000 Tonnen sollen es jährlich in Deutschland sein. Doch die Studie ist kritikwürdig. Zum Teil flossen Zahlen aus skandinavischen Studien in die Berechnungen mit ein. Dort aber werden deutlich längere Kunstrasenfasern verwendet - „dementsprechend ist weitaus mehr Granulat auf den Plätzen“, so Christian Reinhardt, Geschäftsführer des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt.

Dennoch: Die Europäische Chemikalien-Agentur (ECHA) hinterlegte im März dieses Jahres bei der EU einen Vorschlag, wonach Kunststoffgranulat ab 2022 verboten werden sollte. Einige Bundesländer haben bereits reagiert. So werden in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg keine Kunstrasenplätze mehr mit Gummi-Granulat finanziell gefördert. Auf Volksstimme-Nachfrage hielt sich Sachsen-Anhalts Innenministerium bedeckt, derzeit berate man noch über das Vorgehen.

In Möckern, wo erst vor kurzem der neue Kunstrasenplatz eingeweiht worden war, ist man gelassen. „Wenn die EU eine Verordnung dafür erlässt, müsste das in Deutschland erstmal umgesetzt werden“, sagt Möckerns Ortsbürgermeister Detlef Friedrich. Auch ein Sprecher von Bundesumweltministerin Svenja Schulze wies darauf hin, dass ein Verbot noch längst nicht ausgemachte Sache sei.

Fehlende Informationen tragen aber zur Unsicherheit vieler Vereine bei. „Alle wissen, dass es verboten werden soll, aber keiner hat irgendetwas dokumentiert“, sagt Reinhardt. Ist eine Umrüstung problemlos möglich? Sind nur noch Kork oder Sand als ökologische Alternative zulässig? „Niemand weiß das“, so Reinhardt. 85 Sportanlagen mit mindestens einem Kunstrasenplatz gibt es in Sachsen-Anhalt. „Ohne diese Plätze wäre es unvorstellbar, den Spielbetrieb abzusichern“, sagt Reinhardt. „Das ist ein bedrohliches Szenario.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer und der DFB wollen sich für eine Übergangsfrist von sechs Jahren einsetzen, sollte das Verbot kommen. FDP-Landesvorsitzende Lydia Hüskens fordert deshalb, „dass das Land schleunigst entscheidet, welches Füllmaterial es zukünftig fördern und genehmigen will“.