Bernburg l „Haus Griesinger“ ist ein heller Klinkerbau, eines von mehreren Häusern auf dem Gelände des Fachklinikums für Psychiatrie in Bernburg. Hinter der Eingangstür führen acht Stufen hinab in den Keller.

Die Wände dort sind dunkelgrün und dunkelblau. In weißer Schrift hebt sich von einer Wand ein Zitat ab: „Sicher hat sich der eine oder andere Kranke einmal gegen den Gang in den Duschraum gewehrt, offenbar, weil ihm das nicht behagt hat. Es ist auch nicht immer ganz einfach, Geisteskranke so zu lenken, wie man es will.“ Der das 1963 sagte, war Heinrich Bunke. Bunke war Arzt in der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg, einer der einst sechs zentralen „Euthanasie“-Gasmordeinrichtungen der Nationalsozialisten. Allein 14 .000 Menschen (vor allem Behinderte und Kranke, aber auch 5000 Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern) wurden in Bernburg ermordet. In diesen Kellerräumen. Mit Gas.

Die Gaskammer ist im Wesentlichen, wie sie 1940 in Betrieb ging. Sterile Fliesen beherrschen den Raum. Weiß sind sie an den Wänden, in Schachbrett-Farben auf dem Boden. Alles sieht aus wie ein Duschraum. Eine Aussparung ist zu sehen. Sie diente als Sichtfenster für Ärzte und Leichenbrenner. An der Decke führen Leitungen zu den „Duschköpfen“. Durch sie stömte das Gas. Zwischen 50 und 60 Menschen konnten hier gleichzeitig getötet werden, steht als Information im Vorraum. Von dort aus steigt der Besucher der heutigen Gedenkstätte über zwei Stufen in diese Tötungskammer. Sie wurde einst angehoben. Der Raum sollte nicht so hoch sein, um Gas zu sparen.

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Der Magen rebelliert. Auch beim Gang durch den angrenzenden einstigen Sektionsraum, an denen Pfleger Gehirne einzelner Opfer entnahmen, durch den Leichenraum und hin zum Krematorium, heute ein stiller Gedenkort, behutsam ausgestattet mit Schwarz-Weiß-Fotos und einem großen Buch voller Namen einst hier Getöteter. Die zwei Öfen gibt es nicht mehr. Wie so manches ausgelöscht ist.

Die DDR, die ihre Schulklassen nach Buchenwald und Sachsenhausen schickte und sich ihrer Erinnerung an ermordete Antifaschisten rühmte, kümmerte sich wenig um die „Euthanasie“-Opfer, die nicht mal Thema im Schulunterricht waren.

Krematorium als Abstellraum

Der Leichenraum im Bernburger Keller diente bis in die 1980er Jahre der Gärtnerei des Krankenhauses für ihre Gerätschaften, im Sektionsraum war in den 1960er Jahren die Korbflechterei untergebracht, weil es einen Wasseranschluss gab. Man brauchte das Nass zum Einweichen der Weidenruten. Selbst das Krematorium wurde als Abstellraum genutzt.

Erst unter dem Ärztlichen Direktor Helmut F. Späte (1936–2017) wurde eine kleine Ausstellung gestemmt. Sie zu sehen, war nicht so problemlos wie heute. „Es war Gelände des Krankenhauses. Es gab keinen öffentlichen Zugang“, sagt Ute Hoffmann. Man habe als interessierter Besucher eine Genehmigung beantragen müssen.

Hoffmann ist promovierte Historikerin. Sie leitet seit vielen Jahren die Gedenkstätte und zeichnet auch verantwortlich für die neue Dauerausstellung, die jene von 2006 ersetzte, und in der es für sie unerlässlich war, an das Engagement von Späte zu erinnern. Ebenso findet Fritz Bauer (1903–1968) einen Platz. Hoffmann erzählt, dass der einstige hessische Generalstaatsanwalt, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse auf den Weg brachte und wesentlichen Anteil am Eichmann-Prozess in Jerusalem hatte, sich auch für einen Prozess gegen die Täter der NS-„Euthanasie“ einsetzte. Dazu sei es aber nie gekommen.

Hoffmann sagt, dass sich Breuer an die Generalstaatsanwaltschaft der DDR wandte und um Rechtshilfe bat und wie sich die DDR-Behörden sträubten, Licht ins Dunkel zu bringen. Erst nach der Wende kam heraus, dass Krankenakten von Betroffenen bei der Staatssicherheit gehortet wurden. Die Gedenkstättenleiterin spricht von 30  000 Akten. Auch im Stadtarchiv Bernburg, wo sie recherchierte, hätten Unterlagen gefehlt. Letztlich habe es nur einen Prozess gegen „Euthanasie“-Täter in der DDR gegeben.

1967 stand in einer nicht öffentlichen Verhandlung Otto Hebold vor dem Bezirksgericht Cottbus. Der Psychiater war als T4-Gutachter an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt. Die Stasi, so erzählt Hoffmann, habe die Ermittlungen an sich gezogen. Immerhin existiert ein Mitschnitt der Verhandlung, der vom Ministerium für Staatssicherheit archiviert worden war. Jetzt können Passagen von Hebolds Aussagen an einer Hörstation verfolgt werden. Es schüttelt einen bei seinen Äußerungen über die Bedeutung der Arbeitsfähigkeit der Patienten.

Denn das wird im Laufe der Ausstellung immer wieder deutlich: Unter den Nazis war es das Todesurteil, wenn man krank und behindert war und nicht arbeiten konnte. Die gebürtige Magdeburgerin Else Röhr zum Beispiel wurde 1940 in die psychiatrische Landesheilanstalt nach Uchtspringe verlegt und von dort am 2. April 1941 mit weiteren 75 Frauen in die „Euthanasie“-Anstalt nach Bernburg gebracht. Alle überlebten diesen Tag nicht.

Bruchstückhafte Schicksale

Es sind diese Schicksale, die in Bernburg zumindest bruchstückhaft aus der Vergessenheit gerissen werden. Bernburg ist als Originalort erhalten, der authentisch zeigt, wie perfide sich Ärzte und Pflegekräfte, Juristen und Verwaltungsangestellte über anderes Leben erhoben. Und er zeigt, wie durchorganisiert nicht nur die Transporte in die Vernichtungslager im östlichen Reich waren, sondern auch in die Gaskammer von Bernburg.

Aus 39 Krankenhäusern kamen die Transporte nach Bernburg – aus Berlin und Hamburg, Schleswig hoch im Norden und Treptow/Rega ganz im Nordosten, aus Jerichow und Haldensleben, aus Uchtspringe und der Anhaltischen Landessiechenanstalt Hoym.

Bei einigen Transporten gab es Zwischenstationen in anderen psychiatrischen Einrichtungen, damit „die Tötungseinrichtung nicht überlastet wurde, aber auch keinen Leerlauf hatte“, heißt es in der Ausstellung.

In den sechs einstigen „Euthanasie“-Anstalten wurden mehr als 70  000 Menschen umgebracht. Nur in Bernburg und im mittelhessischen Hadamar zeugen die erhaltenen Gaskammern vom Massenmord. Ute Hoffmann weiß um die hochemotionale Ebene, die, wie sie sagt, manchen Schüler schon mal umkippen lässt. Schülergruppen sind die hauptsächlichen Besucher, ebenso Auszubildende in Kranken- und Pflegeberufen. 14.000 Besucher zählt die Gedenkstätte jährlich. Die meisten bleiben mit Vor- oder Nach-Gesprächen in den zwei Seminarräumen mehrere Stunden.

Wer geht, sieht den Gedenkstein vor dem Haus. Zu seinen Füßen liegen oft Blumen und Kränze. „Das Schweigen ist gebrochen“ steht dort eingehauen.