Magdeburg l „Ach, du Sch…, was mache ich hier? Bin ich bekloppt? Von wegen: Das kann ich auch ...“ Diese Gedanken schossen Stefan Kirchner durch den Kopf, als er 2016 im Ostseebad Grömitz an der Startlinie zu seinem ersten Extrem-Hindernislauf stand. Und ja: Sich 25 Kilometer durch Schlamm zu quälen, unter Stacheldraht durchzurobben, zwischen Stromkabeln zu laufen und ein paar gewischt zu kriegen, Eskaladierwände zu erklimmen oder im eiskalten Wasser unter Baumstämmen durchzutauchen – „dazu braucht es schon ein gewisses Potenzial an Verrücktheit und Abenteuerlust“, gesteht der 37-Jährige.

Bis zu seiner Premiere vor drei Jahren joggte der Magdeburger gelegentlich, um den Kopf frei zu kriegen. „Mucki-Buden waren noch nie mein Ding.“ Als Mitglied einer sich aus dem Freundeskreis rekrutierenden Laufgruppe nahm er an Volksläufen teil. „Ganz entspannt, ohne Stress. Einfach nur so zum Spaß.“ Bis einer der Jungs auf die wahnwitzige Idee kam, als Team beim „Xlatix“ an der Ostsee mitzumachen. Ohne große Vorbereitung: Augen zu und durch!

Erzieher ist begeistert

Das Rennen der besonderen Art hat dem Erzieher in einem Magdeburger Kinderheim gereicht, um für den boomenden Sport zu brennen. Normal geradeaus laufen hatte seinen Reiz verloren. „Es war ein unglaubliches Gefühl, die Ziellinie erreicht zu haben. Endorphine im Überschwall. Meine Beine haben zwar gebrannt wie hulle, ich war fix und alle, hatte Schürfwunden und sah aus wie ein Dreckschwein. Aber ich war happy, es geschafft zu haben.“ Einmal Blut geleckt, war er sich sicher: Das war nicht mein letztes Rennen.

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Seitdem ist Matsch Kirchners Element und Extrem-Hindernisrennen sein Freizeitsport Nummer 1. Den besonderen Kick lässt er sich bis zu 700 Euro im Jahr kosten – darin enthalten die Startgebühren zwischen 50 und 100 Euro – je nach Veranstalter und Streckenlänge. Acht dieser Herausforderungen der besonderen Art hat der Magdeburger seitdem gesucht, achtmal hat er es mit seinem Magdeburger Team „#Ballern“ ins Ziel geschafft. Zweimal bereits stellte er sich sogar dem „Getting Tough – The Race“ in Rudolstadt. Der angeblich härteste Extrem-Hindernislauf Europas führt die „Familie“ der Hammerharten in der ersten Dezemberwoche zusammen: Massenstart bei minus 1 Grad auf einem hart gefrorenen Acker. 3000 Läufer sind heiß auf die 24 Kilometer lange Strecke mit 180  (!) Hindernissen.

Die Abbruchrate auf dem bergigen Parcours ist hier mit rund 40 Prozent recht groß. Aber aufgeben sei nie eine Option gewesen, sagt Kirchner. Egal, wie schwer der Sandsack war, den es zu schleppen galt. Egal, wie tief der Matsch, wie hoch die Wand oder eiskalt das Wasser. Nach vier Stunden war der Höllenritt geschafft und Stefan Kirchner bis über beide Ohren voller Glücksgefühle und Stolz: „Es ist der Kampf Kopf gegen Körper und die Frage: Wer gewinnt – dein innerer Schweinehund oder du?“ Seine Erkenntnis: „Solche Dinger gewinnst du nur im Kopf.“

Um das Gewinnen geht es nicht

Dabei ist das mit dem Gewinnen so eine Sache. Darum geht es bei den Rennen durch den Matsch (englisch Mud) nämlich nicht. Und auch nicht um die Zeit. Nur 10 Prozent derer, die beim „Tough Mudder“ mitmachen, sind professionelle Athleten mit Leistungsgedanken, schätzt der Magdeburger. Bei anderen Events mit so martialisch klingenden Namen wie „Strongman Run“, „Spartan Race“, „Strong Viking Run“ oder eben „Xlatix“, sind es noch weniger. Für das Gros der Hobbysportler wie Kirchner & Co. ist der Weg das Ziel und der Teamgedanke steht neben Spaß an oberster Stelle. Ganz nach der Devise: Die eigenen Grenzen verschieben – gemeinsam ankommen! Bei seinen ersten Hindernisläufen hätte er ohne die Jungs alt ausgesehen. „Die mussten den ‚Dicken‘, der als Zivildienstleistender nie über eine Eskaladierwand musste, über die Mauer schmeißen“, nimmt sich Kirchner selbst auf die Schippe.

Inzwischen bekommt der Familienvater viele Hindernisse alleine gewuppt und kann für andere die Räuberleiter machen. Die Teilnehmer – auch wildfremde – helfen sich gegenseitig. Das sei gerade das Schöne und Besondere bei den Events: „Jeder, der es ins Ziel schafft, ist ein Sieger und wird als solcher von den anderen gefeiert.“

Aber was um Himmels willen reitet eine Frau, die Komfortzone zu verlassen, sich in den Dreck zu schmeißen und Höllenqualen auszusetzen?

Erstes Hindernisrennen

„Gute Frage“, sagt Volksstimme-Volontärin Melanie Dahrendorf, die Mitte Juli in Severloh (Niedersachsen) ihr erstes Hindernisrennen in Angriff genommen hat. Die Antwort: „Du musst bekloppt sein, um dir freiwillig so etwas anzutun – und dafür auch noch 90 Euro zu bezahlen.“ Aber der Kampfgeist der 1,56 Meter kleinen Altmärkerin war größer als die Angst vor der eigenen Courage: „Es gab einige, die gesagt haben: Mäuschen, das schaffst du nie.“ Ihnen, aber auch sich selbst wollte sie beweisen: „Ich kann das!“

Der Wagemut erscheint allerdings umso unglaublicher, wenn man bedenkt, dass die 27-Jährige bis vor zwei Jahren gar keinen Sport gemacht hat. Erst als sie während des Master-Studiums 15 Kilo zugenommen hatte, reifte die Erkenntnis: So geht‘s nicht weiter. „Ich brauchte einen Ausgleich, wollte abnehmen und versuchte es mit dem Joggen.“ Aus Eine-Minute-Laufen, Eine-Minute-Gehen … wurde systematisch mehr. Im Mai 2018 lief die Lüffingerin ihren ersten Halbmarathon. „Ich war durch den Gewichtsverlust angefixt, und dachte mir: Krass, da geht sicher noch mehr. Ich wollte meine Grenzen ausloten.“

Dabei kam der Vorschlag ihres Freundes Andy genau richtig. Er wollte beim „Tough Mudder“ – einer weltweiten Serie von 16 bis 18 Kilometer langen Hindernisläufen, die 2019 die 2,5-Millionen-Marke an Teilnehmern überschritten hat – an den Start gehen: Mach doch mit! Sie überlegte kurz: „16 Kilometer, 25 Hindernisse? Okay, ich bin dabei!“

Zweifel kamen auf

Nach den ersten Videos kamen jedoch Zweifel auf: Läuferisch war das Ganze inzwischen kein Problem, aber die Hindernisse?! „Da waren ein paar dabei, die erfordern ganz schön Kraft in den Armen. Oder eben Überwindung.“ Doch die Bilder von Frauen, die manche Männer beim Ringe-Hangeln oder Seilklettern „abzogen“ und sich ohne Angst durch Elektodrähte schlängelten, machten ihr Mut. Zumal man beim „Tough Mudder „nicht alles mitmachen muss. „Es soll ja trotz allem Spaß machen, deshalb gibt es keinen Zwang und man kann ein Hindernis auch weglassen oder umgehen.“

In die Verlegenheit kam die Debütantin aber gar nicht. Denn das 7er-Team, das sich im Vorfeld des Laufes zusammengefunden hatte, funktionierte gut. „Ich bin als Läuferin schon gerne alleine unterwegs“, gesteht die zierliche Blondine. Umso überraschter war sie, wie groß der Zusammenhalt und die Unterstützung war – „obwohl wir die meisten der Jungs gar nicht richtig kannten. Jeder half jedem. Der Teamgeist hat das Ganze echt ausgemacht.“

Und so überstand die blutige Anfängerin auch die größte Herausforderung: as Rutschen durch dunkle Röhren – inklusive Landung im Eis-Wasser. „Mir ist das Herz stehengeblieben und es schoss ein irrer Schmerz durchs Gehirn.“ Sie war kurz ausgeknockt und dachte: Wie bescheuert bist du eigentlich? „Dann rief einer: „Komm, ,Melli‘, weiter!“

Nach fünf Stunden im Ziel

Nach fünf Stunden erreichte das Team um Melanie Dahrendorf und ihren Freund das Ziel. Sie sah zwar schlimm aus, hatte überall Schlamm kleben, aufgeschürfte Stellen und bekam die Arme zum Jubeln nicht mehr hoch. „Aber ich war mega happy und stolz auf mich.“

Während die Woche Muskelkater sowie die blauen Flecken an Armen und Beinen längst vergessen sind, trägt sie das beflügelnde Gefühl, es als Frau allen und sich selbst gezeigt zu haben, bis heute. Vorfreude macht sich breit. Spätestens in einem Jahr soll es zum zweiten Mal heißen: Auf geht‘s! Mit Karacho durch den Matsch.