Magdeburg l Der Fachkräftemangel wird nach Ansicht der großen Wirtschaftskammern in Sachsen-Anhalt durch die abschlagsfreie Rente mit 63 verstärkt. Klaus Olbricht, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Magdeburg, warnt, die Rente mit 63 durchkreuze die Anstrengungen der Unternehmen, erfahrene Beschäftigte an den Betrieb zu binden. Hagen Mauer, Präsident der Handwerkskammer Magdeburg, sagt, den Betrieben gingen Kompetenz und Erfahrung verloren. Für die Sicherung von Fachkräften sei die Rente mit 63 „kontraproduktiv“.

In Sachsen-Anhalt ist die sogenannte Rente für besonders langjährig Versicherte seit Jahren ein Renner. Über 20.000 Arbeitnehmer machten 2016 und 2017 nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Mitteldeutschland von der Regelung Gebrauch. Mit knapp 11.000 Frührentnern rechnet der Versicherungsträger auch für 2018.

Beschäftigte, die eine Versicherungszeit von 45 Jahren und mehr vorzuweisen haben, dürfen seit Juli 2014 die Altersrente mit 63 abschlagsfrei in Anspruch nehmen. Deutschlandweit machten in den vergangenen drei Jahren rund 735.000 Arbeitnehmer von dieser Regelung Gebrauch.

Der Fachkräftemangel werde durch die „fehlgeleitete Rentenpolitik“ weiter befeuert, kritisiert der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter. In den vergangenen zwei Jahren seien eine Viertelmillion Fachkräfte pro Jahr vorzeitig in Rente gegangen. Die Rente mit 63 werde zur „Hypothek nicht nur für unsere Rentenkasse, sondern auch für unseren Arbeitsmarkt“, sagt der BDA-Chef.

Verzicht wäre keine Lösung für Demografieprob

Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt, warnt vor einer einseitigen Diskussion. Ein früherer Renteneintritt erhöhe zwar den temporären Fachkräftebedarf. Ein Verzicht auf das Modell würde den Rückgang der Erwerbspersonen aber nicht ausgleichen. Dem Demografieproblem in Sachsen-Anhalt sei nur durch Zuwanderung und eine bessere Familienpolitik beizukommen, unterstreicht Senius.

Für die Landesleiterin des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Susanne Wiedemeyer, ist die Warnung der Arbeitgeber realitätsfern. „Wer 45 Jahre gearbeitet hat, muss in den Ruhestand gehen können, ohne mit Abschlägen bestraft zu werden.“ Nicht einmal ein Drittel der Beschäftigten schaffe die 45 Beitragsjahre. Wiedemeyer fordert die Arbeitgeber auf, mehr in die Gesundheit der Beschäftigten und altersgerechte Arbeitsbedingungen zu investieren. „Bei guter, tariflich entlohnter Arbeit wäre die Rente mit 63 für viele sicher nur die zweitbeste Option.“