Magdeburg l Sven Albert konnte es kaum glauben, als er am zweiten Juli 2019 sein E-Bike im Hausflur des Mehrfamilienhauses nicht mehr wiederfand. Seine Frau hatte sich morgens, bevor sie zur Arbeit ging, noch darüber gewundert, dass sowohl die Haustür als auch die zweite Tür, die zum Flur von drei Wohnungen gehört, offen stand. „Die Täter müssen gewusst haben, dass hinter den zwei Türen ein E-Bike steht“, ist sich der Magdeburger sicher. Gekauft hatte der 54-Jährige das Elektrorad im Jahr 2014 in einem Supermarkt für knapp 1000 Euro.

Albert arbeitet im Schichtdienst in Magdeburg. „Nach der Spätschicht, im Dunkeln, will ich immer schnell nach Hause“, sagt er. Dafür wollte er das Rad nutzen. Zwei Wochen nach dem Dienstahl, sah Albert sein Fahrrad auf einer Internet-Plattform. Die Täter hatten es dort zum Verkauf angeboten. Albert informierte die Polizei und hatte Glück: Er bekam sein Rad zurück. Doch lange konnte er sich daran nicht erfreuen. Am 6. Februar dieses Jahres wurde es ihm erneut aus jenem besagten Flur gestohlen. Aufgetaucht ist es seitdem nicht mehr.

Wie viele E-Bikes in den vergangenen Jahren geklaut worden sind, könne Michael Klocke, Pressesprecher vom Landeskriminalamt in Sachsen-Anhalt nicht sagen. Denn Standardräder und E-Bikes werden in der polizeilichen Kriminalstatistik zusammen erfasst. So wurden in Magdeburg im vergangenen Jahr 2065 Fahrräder (Standardräder und E-Bikes) gestohlen. Im Jahr zuvor waren es noch 3178 Räder. In Sachsen-Anhalt insgesamt wurden 2019 10540 Räder geklaut. Im Jahr 2015 waren es noch 14 992 Fahrräder.

Der Wert der geklauten Räder nimmt zu

Die Zahlen zeigen, dass der Trend, Fahrräder zu stehlen, rückläufig ist. Dennoch liegt Sachsen-Anhalt im bundesweiten Vergleich der geklauten Fahrräder auf Platz sechs. In Bremen werden sie am häufigsten gestohlen, im Saarland am wenigsten.

Allerdings, so Pressesprecherin Stephanie Krone vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), nimmt der Wert der gestohlenen Räder zu. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft zahlten Versicherer 2019 im Schnitt 720 Euro pro gestohlenem Fahrrad, so viel wie nie zuvor. Im Jahr 2018 waren es 650 Euro und 2009 410 Euro. Somit stieg die Entschädigung pro gestohlenem Rad um 75 Prozent.

Ein Grund dafür ist die Zunahme der teuren E-Bikes. Erik Schur vom Radladen Täves in Magdeburg sagt: Die Nachfrage danach ist explodiert. Das habe sich noch einmal durch die Corona-Krise verstärkt. Die Menschen konnten nicht fortfahren und wollten sich in der Natur bewegen. Jeder zweite Kunde, der seinen Laden betritt, fragt nach einem E-Bike, sagt Schur. Innerhalb des vergangenen Jahres ist der Absatz nach diesen Rädern in seinem Geschäft um 30 Prozent gestiegen.

Das zeigt auch die Statistik: Wurden im Jahr 2009 in Deutschland 150 000 E-Bikes verkauft, waren es 2015 schon 535 000. 2019 wurde die Grenze von einer Million verkaufter E-Bikes überschritten. Dafür sei die Nachfrage nach Standardrädern, die ausschließlich mit Muskelkraft betrieben werden, in seinem Laden um rund 40 Prozent gesunken, berichtet Schur. Wie steht es um den Diebstahl der teuren E-Bikes? Erzählen ihm die Kunden oft, dass ihnen die geklaut werden? Im Durchschnitt investieren die Menschen ungefähr 2300 Euro pro Rad. „Eigentlich nicht“, sagt Schur. Jedoch mit einem höheren Anteil an E-Bikes auf dem Markt, werden auch entsprechend mehr E-Bikes geklaut, schätzt der Radexperte.

Sein Fahrrad doppelt sichern und schützen

Den Boom mit den E-Bikes sieht Marcel Pardeike vom Fahrradladen „Rad der Stadt“ in Magdeburg kritisch. Er nahm das E-Bike im Jahr 2014 aus seinem Sortiment wieder heraus. „Mit meiner grünen Denkweise konnte ich dieses Geschäft nicht mehr vereinbaren“, sagt der gelernte Automechaniker. Denn so ein E-Bike produziert Elektroschrott. Die ausgedienten Akkus müssen sicher in einer Tonne mit Sand gelagert werden und sind nur aufwendig und kostenintensiv recyclebar. Außerdem könne man an einem E-Bike, wenn es kaputt ist, nicht mehr so einfach herumschrauben. Pardeike finde es schade, dass in der Gesellschaft E-Bikes als Zugpferd dafür benutzt werden, um fit zu bleiben. „Hier wird die Bequemlichkeit der Menschen ausgenutzt“, sagt er. Vielmehr sollte ihnen gezeigt werden, was mit Muskelkraft und Willen möglich ist und dass die Menschen insbesondere durch das Fahren der Standardräder beweglich bleiben.

Wie kann der Fahrradfahrer sein Rad gegen Diebstahl schützen? Marcel Pardeike rät dazu zwei unterschiedliche Schlösser zu verwenden, die mindestens 50 Euro kosten sollten. Außerdem sollte das Rad an einem Gegenstand angeschlossen werden. Erik Schur empfiehlt das Rad zu Hause in der Wohnung oder im Keller aufzubewahren. Für unterwegs gibt es auch Schlösser mit GPS-Ortung. „Fasst jemand das Rad an, geht beim Besitzer ein Alarm auf dem Handy los“, sagt Schur. Der ADFC rät dazu, das Rad codieren zu lassen. So könne es dem Besitzer schnell zugeordnet werden.

Und wie kommt Sven Albert nun zur Arbeit, nachdem ihm zum zweiten Mal das E-Bike gestohlen wurde? „Ich habe mir wieder ein Standardrad gekauft“, sagt er. Dieses trage er nun jeden Tag in seinen Keller. Mit dem E-Bike konnte er das nicht machen. „Das war viel zu schwer.“

Außerdem würde bei einem Diebstahl aus dem verschlossenen Keller diesmal auch die Hausratversicherung zahlen, ist sich Albert sicher. Sein angeschlossenes E-Bike im Hausflur hatte die Versicherung nicht ersetzt. Mit der Begründung: Der Hausflur war auch für andere Mietparteien zugänglich. Ein E-Bike will er sich erst einmal nicht mehr zulegen. „Ich hätte viel zu große Angst, dass es mir wieder geklaut wird“, sagt er.