Elternsuche im Netz

In Deutschland gibt es zwei große Seiten, auf der man Co-Elternteile suchen kann: www.familyship.org und www.co-eltern.de.

Sie funktionieren wie ein Schwarzes Brett: Man legt ein Profil an – mit Angaben wie Wohnort, Alter, Beziehungsstatus, sexuelle Orientierung, anvisierte Rolle (z.B. Mutter, Vater mit Onkelfunktion oder Samenspender) und einem freien Textfeld. Dann wartet man, bis man von anderen gefunden wird oder geht selbst auf die Suche. Hierfür gibt es Filter für die einzelnen Kategorien. Mit Nutzern, die einen interessieren, kann man sich Nachrichten schreiben.

Beide Seiten nehmen einen Mitgliedsbeitrag. Bei Co-Eltern liegt er bei 65 Euro für sechs Monate. Bei Familyship zahlt man einmalig 30 Euro, den Betreibern geht es hierbei nach eigenen Angaben auch darum, eine Hürde zu schaffen, um nur ernsthafte Interessenten zu erreichen.

Die Nutzer sind oft homosexuelle Paare oder Hetero-Singles mit Mitte/Ende 30, die noch nicht den richtigen Partner fürs Kinderkriegen gefunden haben.

Berlin/Magdeburg l Millas Eltern haben eine gemeinsame Küche, aber verschiedene Schlafzimmer. Das liegt nicht daran, dass sie sich nicht mögen. Sie haben sich sogar sehr lieb. Nur eben auf eine Weise, wie zwei sehr gute Freunde es tun. Nie im Leben würden sich die beiden ineinander verlieben. Denn die Mama der Dreijährigen ist lesbisch, ihr Papa schwul.

Sie, Christine Wagner, Ärztin, und er, Gianni Bettucci, Theatermanager, haben sich übers Internet gefunden – auf einer Seite, die Wagner selbst mit gegründet hatte, um auf Papa-Suche zu gehen. Ein Jahr lang lernten die beiden Berliner sich so kennen, wie es Liebespaare angehen: Sie saßen stundenlang in Cafés, gingen ins Kino, stellten einander Eltern und Freunden vor. Dann beschlossen sie, auf künstlichem Wege ein Kind zu zeugen und es gemeinsam großzuziehen. Co-Elternschaft heißt dieses Modell. Vor allem in Großstädten gibt es solche Familien immer häufiger.

Das klassische Familienmodell – Mann und Frau heiraten und bekommen dann Nachwuchs – ist auch in Sachsen-Anhalt aus der Mode geraten. Nur gut jedes dritte Kind hierzulande wurde zuletzt innerhalb einer Ehe geboren. Die Co-Elternschaft ist hier, in einem Bundesland ohne bunte Metropole, zwar keine gängige Alternative. Doch zumindest Interessenten gibt es durchaus. Unter den mehr als 4000 Nutzern, die besagte Internetseite namens Familyship heute nach eigenen Angaben hat, kommen rund 30 aus Sachsen-Anhalt.

Zu ihnen gehören Yvonne Kant und ihr Partner. Das Paar sucht bereits seit zwei Jahren eine Co-Mutter, also eine Frau, die mit Kants Partner ein freundschaftliches Elternpaar bildet. Sie selbst wäre quasi ein dritter Elternteil. Die Magdeburgerin, die eigentlich anders heißt, hat schon zwei erwachsene Kinder, kann aber keinen weiteren Nachwuchs zur Welt bringen, weil ihr inzwischen die Gebärmutter entfernt wurde. Eine Adoption wäre unrealistisch. Denn auch wenn die strohblonde Frau durch ihre lebhafte Art nicht so wirkt: Sie ist bereits 51. Ihr Freund aber ist 15 Jahre jünger – und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Baby, erzählt sie.

Zeugung per Bechermethode

Im Internet stieß die Magdeburgerin auf das Modell Co-Elternschaft. Wie lange sie zögerte? Nicht einen Tag lang. Sie sagt das so, dass man es ihr abnimmt. „Für meinen Partner ist es nun mal wichtig, ein Kind zu bekommen. Und ich möchte auch unbedingt noch ein kleines Puzzelchen haben.“

Yvonne Kant, gelernte Wirtschaftskauffrau, hat bei der Suche sogar die Zügel in die Hand genommen. Zuerst versuchten es die beiden mit einer Zeitungsannonce. „Darauf haben sich zwei Frauen gemeldet. Die wollten aber kein Kind, sondern nur einen Dreier.“

Dabei läuft die Zeugung bei Co-Eltern in der Regel sowieso ohne Sex ab – sondern mit der Bechermethode: Mann füllt einen Becher mit Sperma, das sich Frau dann mit einer Plastikspritze einführt. So machten es auch Millas Eltern. Immer an mehreren Tagen um den Eisprung herum. Beim dritten Zyklus klappte es.

Auch wenn die beiden, wie Christine Wagner sagt, in ihrem Umfeld kaum Gegenwind erfahren, hat das Modell auch Kritiker. Der österreichische Psychiater Christian Spaemann etwa, der sich mit Patchwork-Familien beschäftigt und Verfechter der klassischen Familie ist, sagt: „Kinder wünschen sich einen gemeinsamen Hausstand mit Mutter und Vater.“

Millas Eltern leben wie in einer WG

Zudem seien für sie mehr als zwei Elternteile – wie im Fall von Yvonne Kant – verwirrend. Er findet es egoistisch, wenn man bewusst eine zusammengewürfelte Familie herbeiführt: „Patchwork erzeugt immer Komplikationen. Und die ziehen dem Kind Energie ab.“

„Ich weiß nicht, was an einem Kinderwunsch egoistisch sein soll“, hält Christine Wagner dagegen. Sie findet es besser, ein Kind mit einem guten Freund großzuziehen als ohne Mann. „Viele Kinder suchen irgendwann nach ihren Wurzeln. Ich wollte, dass mein Kind später nicht danach fragen muss“, erklärt sie. „Außerdem haben Männer einen anderen Zugang zu Kindern als Frauen.“

Professor Hans-Henning Flechtner, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Magdeburg, sieht das Modell gelassener als sein österreichischer Kollege: „Mehrere enge Bezugspersonen sind nicht per se ein Problem. Schließlich wachsen viele Kinder auch mehr bei ihren Großeltern als bei den Eltern auf.“ Schwierig werde es erst, wenn die Erwachsenen in Konkurrenz gerieten.

Einen Nachteil sieht Flechtner bei der Co-Elternschaft allerdings schon: Wegen der ungewöhnlichen Familienverhältnisse könnte das Kind in der Schule Spott ausgesetzt sein. „Das hängt aber auch von der Umwelt ab.“ Sprich: In Berlin ist die Gefahr geringer als im konservativen Dorf. Co-Elternschaft, sagt er, kann funktionieren, wenn die Rollen unter den Erwachsenen geklärt sind und das Kind regelmäßig Umgang mit beiden leiblichen Elterteilen hat.

In Millas Welt sind die Rollen klar verteilt, erklärt Christine Wagner: „Gianni und ich sind ihre beständigen Bezugspersonen. Und wenn einer von uns einen Partner hat, dann muss der sich einfügen.“ Damit die Dreijährige weder auf Mama noch auf Papa verzichten muss, haben die beiden zwei Wohnungen nebeneinander gekauft und eine Verbindungswand durchbrochen. In der gemeinsamen Küche treffen sie sich ab und zu zum Essen. Ansonsten hat jeder seinen eigenen Alltag – wie in einer WG. Will einer spontan joggen gehen, nimmt der andere die Kleine zu sich. Am Wochenende hat jeder einen Abend kindfrei. Und wenn Milla danach fragt, gibt‘s auch mal einen Familienausflug zu dritt.

Familienanwältin rät vom Modell ab

Ein ähnliches Wohnmodell könnte sich auch Yvonne Kant vorstellen. „Am liebsten wäre es mir, wenn wir mit der Mutter ins selbe Mietshaus ziehen würden.“ Alternativ könnte das Kind zum Beispiel an den Wochenenden kommen. Bei der Rollenverteilung würde sie sich auch damit begnügen, nur die Tante zu sein. „Im Prinzip ist es doch nichts anderes, als wenn mein Freund ein Kind aus einer früheren Beziehung hätte.“

Kritik an der Co-Elternschaft gibt es nicht nur unter Psychologen. Aus juristischer Sicht rät Maria Demirci von dem Familienmodell ab. Die Münchner Fachanwältin für Familienrecht beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. Sie sieht zwei Kernprobleme. Erstens: Vereinbarungen über den Unterhalt. Zwar könne die Mutter den Vater von der Unterhaltszahlung freistellen. Ein Elternteil verpflichtet sich dann gegenüber dem anderen, den gesamten Unterhalt allein zu bezahlen. „Der Unterhaltsanspruch des Kindes bleibt von der Vereinbarung aber unberührt.“ Das Kind kann die Zahlung also jederzeit vom Vater einfordern, die Zusage der Mutter nutzt dem Papa dann nicht mehr.

Das zweite Problem betrifft Konstellationen mit mehr als zwei Elternteilen, wenn alle eine Mutter- oder Vaterrolle einnehmen wollen – zum Beispiel, wenn ein schwules und ein lesbisches Paar gemeinsam ein Kind erziehen: „Nur die Kindsmutter und der rechtliche Vater können sich das Sorgerecht teilen.“ Ein Dritter und ein Vierter im Bunde können lediglich mit Vollmachten ausgestattet werden, damit sie etwa das Kind aus der Kita abholen dürfen. „Aber für jede Vollmacht brauchen sie die Unterschrift von beiden.“

Auch Millas Eltern haben das gemeinsame Sorgerecht. Die Folgen sind den beiden bewusst. „Das bedeutet zum Beispiel auch, dass nicht einer ohne Zustimmung des anderen mit dem Kind in eine andere Stadt ziehen darf“, erzählt Christine Wagner. Die Berlinerin hat sich sogar schon damit beschäftigt, was passiert, falls die Freundschaft doch mal zerbricht: Dann würden die beiden aufs Wechselmodell umschwenken, sodass Milla zum Beispiel eine Woche bei Mama und eine bei Papa wohnt.

So weit ist Yvonne Schulz noch lange nicht. Dass ihre Suche bisher erfolglos blieb, erklärt sie sich so: „Ich glaube, die Frauen tun sich schwer, wenn noch eine weitere Frau im Spiel ist.“ Dabei ist die Konstellation mit ihr für die Mutter sogar von Vorteil, glaubt die Magdeburgerin: Denn da sie erwerbsunfähig ist, hat sie viel Zeit. „Ich könnte jederzeit auf das Kind aufpassen.“