Magdeburg l Die kleine Familie im Stall zu Bethlehem fasziniert nicht nur die Christen unter uns. Ruhe und Frieden geht von jedem der zahlreichen Bilder aus, die wir von dieser Szene kennen. Es ist so einfach: Mann und Frau und Kind in Liebe zugetan. Sonst nichts. Alles andere zählt nicht mehr. Auch nicht der elende Stall drum herum, die dramatischen Umstände der Geburt, der schwierige Beginn dieser ganz besonderen Dreierbeziehung, die unsichere Zukunft.

Das lassen wir jetzt alles Mal beiseite. Wir freuen uns einfach übereinander.

Seit 2000 Jahren erzählt man sich diese einfache Geschichte von damals in Bethlehem. Und sie hat es geschafft, Milliarden Menschen in der Sehnsucht nach diesem stillen Moment zu vereinen. Das ist Weihnachten. Die dauernd malmenden Welten kapitulieren. Die Bänder stehen still. Selbst der Krieg macht manchmal Pause. Wir freuen uns einfach übereinander.

Natürlich war auch in der heiligsten Familie nicht alles Sonnenschein. Maria hat hochschwanger auf dem Weg nach Jerusalem bestimmt geschimpft.

„Warum habe ich Schaf am Ende dem Engel nur gesagt, ´mir geschehe nach deinen Worten´!“ Schließlich hatte sie sich ja beinahe schon rausgeredet. Und Joseph, der zwischendurch abhauen wollte, weil er so einen Verdacht hatte, war sicher nicht immer guter Laune. Auch nachdem er das mit dem Gottessohn kapiert hatte. „Verdienstausfall wegen der blöden Volkszählung. Hätte ich Maria doch nie kennengelernt. Mit einer anderen wäre alles viel unkomplizierter gewesen.“

Vielleicht ist ihm so etwas auch zwischendurch rausgerutscht. Und sie haben gestritten. Und dann haben sie einige Kilometer weit geschwiegen.

Aber sie sind beieinander geblieben. Ganz nahe. Ein Esel muss eng geführt werden. Und Maria hat ihrem Joseph schließlich durchs Haar gewuschelt. Und er hat „Ach, du meine kleine Gottesmutter“, gesagt und ihr weitschweifig erläutert, wie das neue Haus aussehen wird, das der beste Zimmermann von Nazareth ihnen bauen wird. Da war wieder Weihnachten.

Während wir mit Worten streiten, arbeiten viele nützliche Mechanismen daran, dass es nicht zum Äußersten kommt. Maria findet den Wuschelkopf ihres Joseph einfach rührend. Auch wenn er gerade erst böse Worte gesagt hat.

Joseph schimpft nur in sich hinein, um seiner lieben Frau keinen überflüssigen Kummer zu machen. Wenn wir nahe beinander sind, achten wir darauf, das soziale Gefüge nicht durcheinander zu bringen. Wir haben unsere Rituale, unsere Regeln und etwas Gemeinsames, das wir nicht gefährden wollen.

Das funktioniert auch , wenn viele tausend Menschen in der Getec-Arena Weihnachtslieder singen. Ein großes Gemeinschaftsgefühl: Und auch der zottelige Typ in der Kurve gegenüber muss ein guter Kerl sein, sonst würde er hier nicht mit mir singen.

Soziale Medien schalten diese Mechanismen einfach aus. Menschen grenzen sich in Gruppen ab. Man muss nicht mehr das bestürzt dreinblickende Gesicht des Menschen ertragen, dem man etwas Hässliches sagt. Und anonym texten schwache Menschen Gedanken, die sie früher nicht einmal am Stammtisch geäußert hätten.

Ich stelle mir vor, dass heute auch der Hassprediger seinen Computer ausstellt. Er dreht sich um, sieht seine Frau, vielleicht Kinder, den geschmückten Baum. Sieht das Abbild seiner selbst in einer Krippe. Und wie die ganze Welt ergreift auch ihn die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der wir achtsam mitteinander umgehen. Weihnachten stärkt die Hoffnung, dass die Welt doch nicht aus den Fugen gerät.

Ich wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, im Namen von Verlag und Redaktion der Volksstimme ruhige und besinnliche Weihnachten im Kreise Ihrer Lieben.