Über die Kunstplatte

Den Verein gibt es seit 1999. Er bietet Projekte im Bereich Kunst und Kultur an. Ursprünglich wurden diese im Vereinssitz im Stadtteil Stadtsee, der als sozialer Brennpunkt gilt, abgehalten. Inzwischen konzentriert sich der Verein auf mobile Angebote in den Dörfern. Der Sitz, eine alte Ladenzeile, ist heute zu einem Kulturzentrum geworden, das verschiedene Vereine und Initiativen nutzen.

Die Projekte sollen Kindern und Jugendlichen helfen, die eigenen Talente zu entdecken sowie ihre sozialen Kompetenzen und das Selbstbewusstsein stärken. Zudem möchte man sozial Schwache integrieren. Neben den wöchentlichen Angeboten veranstaltet die Kunstplatte auch Ferienspiele. Bei jedem Projekt der Kunstplatte gibt es zum Schluss eine öffentliche Präsentation.

Grieben l Wenn die rote Aufnahmelampe leuchtet, ist Celina in ihrem Element. Dann tänzelt sie als Popstar mit Hut und Hackenschuhen durch einen Kurzfilm oder gibt die Wortwitzschleuder im Sketch. Die Zwölfjährige fällt nicht nur mit ihrem Outfit auf – Sweatjacke und Hose in knallrosa, T-Shirt in neongrün –, sondern auch mit ihrem Komiktalent. „Ich liebe es, vor der Kamera zu stehen – vor allem, wenn ich improvisieren kann!“, schwärmt sie aufgedreht, bevor es an die nächste Szene für einen Schulsketch geht.

Celina ist Teil einer Truppe von Kindern und Jugendlichen, die sich jede Woche mit einer Mediengestalterin zum Filmemachen trifft. Das Projekt gehört zu den sechs Initiativen, für die ab Sonnabend bei „Leser helfen“, einer Aktion der Volksstimme zusammen mit dem Paritätischen, Spenden gesammelt werden. Sie alle helfen jungen Menschen in Sachsen-Anhalt, ihre Fähigkeiten zu entdecken oder schwierige Situationen zu meistern.

Der Ort, an dem Celina und die anderen ihre Filme drehen, ist quasi das Gegenteil von Hollywood: Grieben. Ortsteil von Tangerhütte, 700 Einwohner, 50 Kilometer bis zur Autobahn. Der Stendaler Verein „Kunstplatte“ hat sein Projekt ganz bewusst in einen so winzigen Ort gebracht. „Im ländlichen Raum leben die Leute weit verstreut. Für junge Menschen ist es schon schwierig, nur in den nächstgrößeren Ort zu kommen“, erklärt Vereinschef Bernd Zürcher. Die Busse fahren selten und Taxi Mama ist auch nicht immer im Dienst. Deshalb kommt der Verein seit fünf Jahren mit Kunst- und Kulturangeboten aufs Dorf.

Zwei junge Frauen klappern Woche für Woche insgesamt sechs Orte im Landkreis ab, von Arneburg bis Wust. Eine von ihnen leitet Theatergruppen. Die andere – besagte Mediengestalterin – betreut den Filmworkshop in Grieben. Franziska Bartsch heißt sie, ist mit 28 Jahren selbst noch nicht allzu lange aus dem Jugendalter raus und bringt ihren Schützlingen das Filmemachen von der Pike auf bei: Wofür ist welcher Knopf an der Kamera da? Wie schreibt man ein Storyboard? Das ist ganz schön aufwändig – für jedes einzelne Bild muss man sich eine Kameraperspektive und Einstellungsgröße überlegen. Und wie bedient man ein professionelles Schnittprogramm?

Angebote auf dem Land besonders wertvoll

In kleinen Übungen werden dann zum Beispiel Musikvideos nachgespielt. Einmal hat die Gruppe auch schon einen kompletten Kurzfilm gedreht. Eine Geschichte über drei Mädels, die spontan in einem verlassenen Schloss übernachten und ziemlich unruhig schlafen – weil sich der Teufel in ihre Träume schleicht. Sogar Spezialeffekte haben die jungen Filmemacher eingebaut: Da verschwindet jemand vorne rechts im Bild und taucht plötzlich hinten links wieder auf.

Im ländlichen Raum sind Projekte wie dieses besonders wertvoll, sagt Michael Ziche, Präsident des Landkreistages Sachsen-Anhalt und als Landrat des Altmarkkreises Salzwedel bestens vertraut mit den Schwierigkeiten in dünnbesiedelten Regionen: „Wegen der weiten Entfernungen ist die Nahversorgung eine Herausforderung. Bedarfe gibt es auch bei Kunst- und Kulturangeboten.“

Eine Studie zur Nahversorgung in Landkreisen, die Sachsen-Anhalts Verkehrsministerium vor sechs Jahren erstellen ließ, untermauert das. Demnach fühlen sich zwar im Schnitt mehr als 90 Prozent der Landbewohner grundsätzlich wohl in ihrem Wohnort. Zufrieden mit der Versorgung mit Freizeit- und Sporteinrichtungen sind aber viel weniger. In den beiden Altmarkkreisen ist es nur jeder Zweite.

Dabei können solche Angebote mit dazu beitragen, dass junge Menschen, die wegziehen, irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren, erklärt Ziche: „Bei Wirtschaft und Infrastruktur können wir mit Städten wie Magdeburg und Braunschweig nicht mithalten, in puncto Heimatgefühl aber schon. Und dieses wird auch in Vereinen geprägt.“

Selbstbewusstsein wird gestärkt

Einwohner zu halten oder zurückzulocken, ist nicht nur für den ländlichen Raum von Bedeutung, sondern für das gesamte Bundesland. Die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt ist in den vergangenen zehn Jahren von 2,5 Millionen auf 2,2 Millionen Menschen geschrumpft. Zwar gibt es auch Zuzüge – doch jährlich wandern bis zu 50?000 Einwohner ab, jeder Dritte ist unter 25 Jahre alt.

Die mobilen Angebote der Kunstplatte sollen nicht einfach nur dafür sorgen, dass sich die Jugend auf dem Land nicht langweilt. Sie sollen helfen, die eigenen Interessen und Talente zu entdecken. Deshalb beginnt ein neues Projekt auch immer mit mehreren Schnupper-Workshops, bei denen die Teilnehmer austesten können, was ihnen dauerhaft Spaß machen würde: Schauspiel, Tanz, Akrobatik?...

Außerdem sollen die jungen Menschen gestärkt werden. Das scheint ganz gut zu funktionieren: „Die meisten entwickeln im Laufe der Projekte mehr Selbstbewusstsein“, sagt Vereinschef Zürcher. Nach den Vorführungen der Theatergruppen zum Beispiel kämen manchmal Eltern zu ihm, die meinten, sie hätten ihr Kind auf der Bühne kaum wiedererkannt.

Für 2017 fehlt noch das Geld

Auch beim Filmprojekt lassen sich kleine Entwicklungen beobachten. Zum Beispiel an Anne – eine große, blonde 14-Jährige, in Sachen Temperament das Pendant zu Celina. Unterhält man sich mit ihr, begegnet einem ein schüchtern lächelndes Mädchen, das leise und nahezu ohne Gestik spricht. Beobachtet man sie aber in dem Schloss-Film, sieht man eine Prinzessin, die durchs Foyer tanzt und sogar ein bisschen lauter redet.

Ob es das Griebener Projekt auch in Zukunft noch geben wird, steht bisher in den Sternen. Zwar erhält der Verein für seine mobile Arbeit Geld vom Landkreis, das reicht aber nur für die Projekte in den anderen Orten. In diesem Jahr ermöglicht die Großspende eines Unternehmers das Filmemachen. Für das nächste Jahr könnten die Volksstimme-Leser das Ganze sichern.

Die Truppe um Celina und Anne ist übrigens ab Sonntag vielleicht sogar preisgekrönt. Denn wenn in Magdeburg der Jugendvideopreis für Kurzfilme verliehen wird, sitzen die Griebener in den Reihen der Nominierten.

Hier lesen Sie mehr zur Volksstimme-Aktion "Leser helfen".