Magdeburg l Die Corona-Krise sorgt nicht nur für große Verunsicherung. Sie beschleunigt auch Entwicklungen und bietet neue Chancen, sagt Ralf-Joachim Götz im Gespräch mit Volksstimme-Chefredakteur Alois Kösters.

Herr Götz, wo wird die Corona-Pandemie die größten Schäden anrichten?
Zunächst muss man feststellen, dass die Pandemie in Deutschland glücklicherweise keine große Krise im Gesundheitswesen hervorgerufen hat. Die Kliniken sind nicht überlastet. Die Sterberaten halten sich im Rahmen. Im Vergleich dazu ist die Wirtschaftskrise durch den Lockdown tatsächlich eine große Krise, die niemand so vorhergesehen hat. Und auch die Prognosen des Verlaufs sind extrem unterschiedlich. Auf jeden Fall sind die wirtschaftlichen Folgen dramatischer. Die Verunsicherung ist groß.

Im Herbst werden wir neue Zahlen zu Insolvenzen bekommen. Wer wird betroffen sein?
Sicher wird die Zahl der Insolvenzen steigen. In welchem Umfang ist schwer zu sagen. Fest steht, dass die Corona-Krise ein Trendverstärker ist. Firmen, die es vorher schwer hatten, haben es noch schwerer. Die Automobilwirtschaft zum Beispiel wird auch nach Corona ihre Grundprobleme nicht gelöst haben. Klimafreundlichkeit und ein neues Verständnis von Mobilität sind dort die Herausforderungen. Corona verstärkt gesellschaftliche Trends, auch die Digitalisierung.

Corona als Innovationstreiber?
Ja, auch das. Viele Unternehmen entdecken, dass auch mit Videokonferenzen und Homeoffice effektiv gearbeitet werden kann. In Zukunft werden manche Dienstreisen nicht mehr notwendig sein. Stationäre Arbeitsplätze werden weniger gefragt sein, dadurch Gewerbeimmobilien an Wert verlieren. Umgekehrt haben Menschen in der Lockdown-Phase die Vorzüge komfortablen Wohnens besonders schätzen gelernt. Es ist ein Unterschied, ob man ein Haus mit genügend Platz für ein Homeoffice hat oder beengt wohnt. Und wer die Möglichkeit zum Arbeiten daheim hat, kann dies auch auf dem Land verwirklichen. Eine Chance für Sachsen-Anhalt, wo es viel ländlichen Raum, im Bundesdurchschnitt günstige Immobilienpreise und noch eine eher niedrige Wohneigentumsquote gibt.

Ich stelle die Gretchenfrage an den Volkswirtschaftler: V, L oder U? Wird sich die Konjunktur schnell erholen, dauerhaft kränkeln oder nach einiger Zeit wieder bergauf gehen?
Vielleicht eine Mischung aus V und U. An den Börsen erleben wir im Moment eher ein V. Verluste im Dax um 40 Prozent sind schnell fast wieder ausgeglichen worden. Mittelfristig werden aber andere Themen wieder in den Vordergrund rücken. Die Einschränkungen im Freihandel, die vor Corona schon Thema waren. Handelsstreitigkeiten, der Brexit, politische Konflikte. Wir sehen auch eine Zunahme von staatlicher Lenkung, die zu Verwerfungen führen kann. Umverteilungsdiskussionen haben an Dynamik gewonnen.

Wird das Konjunkturpaket Wirkung entfalten? Bringt die Mehrwertsteuersenkung etwas?
Die Mehrwertsteuersenkung kann zu einem Vorziehen von Kaufentscheidungen führen. Allein dadurch wird wohl nicht mehr beim Bäcker oder Fleischer für den täglichen Bedarf ausgegeben werden. Aber bei größeren Anschaffungen wie zum Beispiel einem Auto wird sie zu vorgezogenen Käufen führen. Bemerkenswert ist, dass hier Bundesregierung und EZB gegenläufig arbeiten. Die Mehrwertsteuersenkung sorgt indirekt für niedrigere Preise, die EZB hat aber das Ziel von nahe 2 Prozent Inflation. Aktuell liegt die Inflationsrate in Deutschland bei 0,9 Prozent. Wichtig ist, dass die Kauflust anhält, wenn die Mehrwertsteuersätze 2021 wieder steigen.

Was wird mit der enormen Schuldenlast der Staaten? Müssen unsere Kinder dafür zahlen?
Für den Staat kostet die Aufnahme neuer Schulden derzeit nichts. Damit hat dieses Geld keinen Preis mehr, es muss nicht verzinst werden. Bei negativen Zinsen bekommt man sogar noch etwas für die Schuldenaufnahme. Der Staat muss seine Schuldenlast bedienen können, aber er muss sein Schuldenkonto nicht auf „0“ bringen. Wichtig ist, dass immer genug Vertrauen da ist, dass Staatsanleihen auch gekauft werden und der Staatshaushalt nicht durch hohe Zins- ausgaben übermäßig belastet wird.

Zinsen bleiben dauerhaft niedrig. Was machen Ihre Vermögensberater in so einer Zeit? Trifft die Krise auch Ihr Unternehmen?
Der Lockdown hat den Kundenkontakt nur für kurze Zeit erschwert. Jetzt stellt sich heraus, dass die Verunsicherung eine große Nachfrage nach Beratung erzeugt. Es hilft uns auch, dass die Banken und Sparkassen viele Filialen geschlossen haben, während unsere Vermögensberater offen für die Wünsche der Kunden sind. Investmentfondsanlagen, Kranken- und Rechtsversicherungsschutz sind derzeit gefragt. Mögliche Strafzinsen bei größeren Bankeinlagen begünstigen auch das Lebensversicherungsgeschäft. Die private Immobilienfinanzierung ist für viele interessant. Durch Corona hatte sich die Sparquote erhöht. Für die meisten angestellten Arbeitnehmer hat sich die persönliche Einkommenssituation nicht verschlechtert, sie können jetzt sogar mehr anlegen und vorsorgen. Wir sagen aber ganz klar, dass Renditen heute mit mehr Risiko erkauft werden müssen.