Dessau l Der 28-jährige Martin M. aus Bitterfeld-Wolfen wird am Freitag am Landgericht Dessau wieder pünktlich zu seinem Prozess wegen schweren Bandendiebstahls auf der Anklagebank sitzen. 20 Termine hat er seit dem 6. August vergangenen Jahres verpasst. Er hatte an jenem Tag beim Aussteigen aus dem Gefangenentransporter einen seiner Bewacher zur Seite gestoßen und ist in einen angrenzenden Park geflüchtet.

Das war unter anderem möglich, weil er während der Fahrt eine Hand aus der Fessel befreien konnte. Bis diese Woche konnte sich Martin M. erfolgreich verstecken. Spezialkräfte des Landeskriminalamtes spürten den Mann in Halle auf und nahmen ihn fest. Zuvor hatte er bei einem erneuten Fluchtversuch mit seinem Wagen zwei zivile Polizeifahrzeuge gerammt.

Die Flucht an sich bleibt für ihn zwar straffrei, jedoch wird er sich noch für die beschädigten Autos verantworten müssen. In dem laufenden Prozess wird ihm vorgeworfen, in 20 Fällen mit seinen vier Mitangeklagten vor allem in Tankstellen eingebrochen und Bargeld sowie Tabak gestohlen zu haben. In einem Fall stahlen sie in Delitzsch (Sachsen) neben 50.000 Euro auch einen Porsche und einen Ferrari.

Nach Angaben des Justizministeriums war die Flucht in Dessau eine von insgesamt vier aus den Gerichten des Landes im vergangenen Jahr. Begonnen hatte die Serie am Landgericht Halle im Juni des Jahres. Dann folgten Fluchten aus dem Amtsgericht Quedlinburg, dem Landgericht Dessau und im November aus dem Amtsgericht Stendal.

Sprecher Detlef Thiel: „Das war eine Häufung, für die wir so bisher keine plausible Erklärung haben.“ Jeder Fall sei anders und werde untersucht. Dabei komme mögliches personelles Fehlverhalten sowie auch die Technik auf den Prüfstand. „Wir sind zum Beispiel dabei, die Fesseln manipulationssicherer zu machen“, sagt Thiel. Außerdem habe man auch das Wachpersonal sensibilisiert.

Sicherheit wurde verbessert

Flüchtig ist inzwischen nur noch ein 23-jähriger Serbe, der am 20. November die Gelegenheit seiner Haftvorführung als mutmaßlicher Erpresser am Amtsgericht Stendal zur Flucht nutzte. Er hatte auf dem Weg zur Zelle eine Tür aufgestoßen, dann gelang es ihm, zwei Justizwachtmeistern und einem weiteren Helfer davonzusprinten. Gerichtssprecher Michael Steenbuck: „Wir haben nach dem Vorfall die Sicherheit verbessert und die Möglichkeit geschaffen, die Tür zum Treppenhaus von der Pforte aus per Knopfdruck zu schließen.“

Der Landeschef der Gewerkschaft Strafvollzug, Mario Pinkert: „Die Überführung zu den Gerichten ist für uns besonders sensibel. Im Regelfall übergeben wir dort dann die Gefangenen den Justizwachmeistern.“

Doch auch diese leiden schon seit Jahren unter akuter Personalnot. Landeschef der Gewerkschaft der Justizwachtmeister, Rolf Ihlau: „Es ist ein Unterschied, wenn man solch eine Vorführung mit zwei oder drei Wachtmeistern absichern kann.“