Fischbeck l Am 8. Juni 2013 steht Bodo Ladwig vor den Einwohnern von Fischbeck und sagt: „Die Deiche sind sicher.“ Ladwig ist da schon 12 Jahre lang ehrenamtlicher Bürgermeister. Die Fischbecker vertrauen ihm. Ladwig vertraut den Fachleuten vom Landeshochwasserbetrieb. Das war Sonnabendnachmittag.

Der Deich hat bei Fischbeck einen Knick. In den 30er Jahren entstanden, als in der Nähe eine Brücke gebaut und der Wall ein Stück verlegt wurde. Eigentlich hätte der Deich schon damals wieder begradigt werden müssen. Ein Knick ist gefährlich. Bei einer Flut drücken die Wassermassen hier mit erhöhten Kräften gegen die Deichwand. Doch irgendwann geriet die Unzulänglichkeit in Vergessenheit. Der Deich hielt ja immer.

Ein Riss im Deich

Am Abend, kurz vor der Tagesschau, bekommt Bürgermeister Ladwig einen Anruf. Die Deichwache ist dran. „Ein Riss.“ Da, wo der Knick ist. Kein Kilometer von der Dorfmitte entfernt. Ladwig springt ins Auto. Am Deich zeigen ihm die Wächter den Riss. „Etwa 30 Zentimeter lang. Dünn wie ein Bleistift“, erinnert sich Ladwig.

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Er ruft den Stab in Stendal an. Die schicken einen Mitarbeiter nach Fischbeck. Eine Stunde später stehen beide auf dem Deich. „Jetzt waren es drei Meter. Fingerdick. Und daneben war ein weiterer Riss.“ Jetzt schlägt Ladwig Alarm. Einwohner aus Fischbeck und den umliegenden Dörfern eilen herbei. 2000 Sandsäcke müssen an den lädierten Wall. Der Riss wächst. Gegen 22 Uhr rücken Feuerwehr und Bundeswehr an. Noch mehr Sandsäcke. Hubschrauber seilen Big Bags ab. Der Riss wird noch größer.

Nichts wie weg

Sonntag, 14 Uhr. Alle Frauen und Kinder müssen den Deich verlassen. Zu gefährlich. Um 17 Uhr werden auch die meisten Männer nach Hause geschickt. Es bleiben 500 Soldaten und Feuerwehrleute. Kurz vor Mitternacht geht Ladwig nach Hause. Drei Tage hat er nicht geschlafen. Jetzt will er sich etwas frisch machen. Kurz nach Mitternacht kommt der Anruf. Der Deich ist gebrochen. 500 Kubikmeter Wasser rollen auf Fischbeck zu - jede Sekunde. So viel passt in ein Einfamilienhaus.

Udo Ladwig läuft zum Auto. Es ist stockdunkel. Die Laternen brennen schon seit Tagen nicht mehr. Er hört nur ein Rauschen. Das Wasser dringt in die Straßen vor. Er fährt zum Milchviehbetrieb, wo er arbeitet. Die Ställe sind etwas höher gelegen. Wenn es gut geht, sind die 1200 Rinder zu retten. Als es hell wird, sind alle Ställe vom Wasser umzingelt. Mit seinen Kollegen versorgt er die Tiere. Das Wasser steigt. Noch bis Dienstag. Dann hört es auf. Allmählich fließt die braune Brühe ab. „Noch fünf Zentimeter – und alles wäre abgesoffen.“

Zwei Wellen rollen an

Im Juni 2013 erlebte Sachsen-Anhalt seine größte Flutkatastrophe. Seit Ende Mai hatte es tagelang in Thüringen, Böhmen und Sachsen geregnet. Saale und Elbe waren randvoll. Zwei Flutwellen zugleich trieben auf Sachsen-Anhalt zu. In Barby, wo die Saale in die Elbe mündet, trafen beide ein. Das Wasser türmte sich zu historischen Höchstständen. Siebeneinhalb Meter in Magdeburg. Fünfeinhalb Meter über Normal. Fast zehn Meter in Nie- gripp. Sechs Meter über Normal. „So etwas hat es seit Menschengedenken nicht gegeben“, sagt Burkhard Henning, Chef des Landeshochwasserbetriebs. Die Magdeburger Pegelchronik, die bis 1727 reicht, zeigt nichts Mächtigeres.

Nach der Flut 2002 wurden zwar Deiche saniert. Aber eben längst nicht alle. Die modernisierten hielten, andere nicht. In Breitenhagen brach der Wall am 9. Juni. Das Dorf stand unter Wasser. Es entstand ein See von 85 Quadratkilometern. Eine Fläche halb so groß wie Halle. Einen Tag später brach der Deich in Fischbeck. Dort standen 150 Quadratkilometer Land unter Wasser. Ein Areal fast so groß wie Magdeburg. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, sagt Henning.

Erwartet hatten die Fachleute eher einen Bruch in Hohengöhren, wo der Wall schon halb weggerutscht war. Doch der hielt.

Magdeburg entging nur knapp einer totalen Katastrophe. Am Umflutkanal im Stadtteil Pechau stand das Wasser über der Deichkrone, nur zuvor eilig herbeigeschaffte Sandsäcke konnten die Fluten gerade so noch abhalten.

Fluss um 70 Kilometer gekürzt

Seit Jahren ist klar: Die Flüsse brauchen wieder mehr Platz, um sich in Hochwasserzeiten auszubreiten. „Wir sanieren Deiche normgerecht, aber wir können sie nicht immer weiter auftürmen“, sagt Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne). Allein auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts hatte die Elbe mal 2500 Quadratkilometer Flutfläche. Etwa 80 Prozent davon sind in den letzten 100 Jahren verloren gegangen. Zudem wurde der Fluss an einigen Stellen begradigt. Die Elbe wurde 70 Kilometer kürzer, die Fließgeschwindigkeit des Wassers dadurch höher.

Nach der Flut 2002 waren die guten Vorsätze schnell vergessen. Erst 2013 begann ein Umdenken. Seitdem werden manche Deiche ins Landesinnere verlegt oder Polder gebaut. 13 Quadratkilometer Fläche soll die Elbe in den nächsten Jahren in Sachsen-Anhalt zurückbekommen. Ein Klacks verglichen mit den ursprünglichen Auen. Doch Besiedlung, Landwirtschaft und Kosten setzen Grenzen.

Das Jahr 2013 setzt auch für die Deichhöhen im ganzen Land neue Maßstäbe. Seitdem werden 30 Zentimeter draufgesattelt. Ab Magdeburg-Herrenkrug etwa werden die Wälle nun 8,25 Meter hoch.

Fünf Jahre Trockenzeit

Die Elbwiesen bei Fischbeck sind jetzt gelb. Der Fluss hat zu wenig Wasser. Und das schon seit fünf Jahren. Nach der Flut kam kein einziges Hochwasser mehr. Bürgermeister Udo Ladwig steht auf dem neuen Deich, zeigt uns die Stelle, wo das Unheil begann. Der Knick ist weg. Am 15. September wird der Neubau eingeweiht. Der Ministerpräsident wird reden. Es wird Bier und Bratwurst geben. „Hier kann in den nächsten 100 Jahren nichts passieren“, sagt Bodo Ladwig. „Da habe ich ein ganz sicheres Gefühl.“ Meinung

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