Magdeburg l Die Geschichte von Wilfried Schliephake ist eine, die vom Radfahren erzählt. Der Magdeburger tritt ordentlich in die Pedale und schaut sich die Welt vom Sattel aus an. Aktuell hat er eine 5600 km lange Tour durchs Baltikum hinter sich. Die Geschichte des 63-Jährigen handelt aber vor allem davon, seine Träume zu leben und das Leben zu erfahren – Wilfried Schliephake macht das schon seit Kindheitstagen. Körperlich aktiv zu sein, heißt für ihn, „auch im Kopf aktiv zu bleiben“.

Nach der Baltikum-Tour verbringt Wilfried Schliephake viel Zeit am Schreibtisch und vor dem Rechner. Gedanklich ist er dabei weit weg. Der Ruheständler sortiert seine Erinnerungen. Die, die er im Kopf hat. Die, die er auf seiner Baltikum-Mammut-Reise im Laptop in Tagebuchtexten aufgeschrieben hat. Und die, die er in Fotos festgehalten hat. „Ich möchte andere Menschen teilhaben lassen“, sagt er. Dafür erarbeitet er Reiseberichte, die er öffentlich präsentieren möchte. Darum hat er bereits auf eigene Kosten zwei Bücher veröffentlicht, in denen er seine Touren beschreibt.

Die Radtouren sind seine Pilgerreisen

Auf der Fensterbank im eigenen Haus stehen Mitbringsel aus vielen Reisen. Devotionalien, Kitsch, Figuren, Steine, Masken. An jedem Stück hängt eine eigene Geschichte. Der kleine Leuchtturm ist neu dazugekommen. Auf seiner Baltikum-Reise, die ihn unter anderem von Helsinki über St. Petersburg, Tallinn, Riga, Königsberg, Danzig und Usedom führte, musste er dort einen Zwangsstopp einlegen, weil er gesundheitlich angeschlagen war. In Selbstdiagnose stellte der Radler in Estland auf der Insel Hiiumaa einen „Sonnenstich“ fest und verordnete sich drei Tage Ruhepause.

Bilder

Dann ging es weiter. Wie es immer weitergeht. Am Rad befestigt der Magdeburger stets eine Europafahne, die gespickt ist mit Aufnähern vieler Länder. Dazu meint er: „Ich fahre immer auch mit dem Europagedanken im Gepäck.“ Als ehemaliger DDR-Bürger liebt er die Freiheit, das Reisen in ferne Länder. „Diese Freiheit ist ein großes Geschenk“, sagt er mit der Fahne in der Hand.

Wilfried Schliephake ist ein Unruhegeist, einer, der nicht gern die Füße hochlegt. Der ehemalige Maschinenbauingenieur weiß, dass er damals Kollegen, der Familie und in seinem Umfeld als „ein bisschen spinnert“ gilt, aber auch Respekt einfährt. Er fährt schon immer gern Fahrrad, segelt, wandert, läuft und macht überhaupt gern Sport. Immer im großen Stil und immer mit viel Leidenschaft. „Jetzt im Ruhestand“, sagt er, „habe ich viel Lebenszeit gewonnen, für das, was Spaß macht, die will ich unbedingt nutzen.“ Und er möchte sie vor allem fürs Entdecken nutzen und „mit Langsamkeit die Welt sehen“. Mit dem Auto durch ferne Länder zu fahren, wäre nichts für ihn, erklärt Schliephake. „Ich will mir die Ziele erarbeiten, Details sehen, Menschen kennenlernen.“

Wenn er darüber spricht, vergeht viel Zeit, die Fotos kommen zum Einsatz. Er erinnert sich, wie er jetzt in Russland stand und nicht mehr wusste, wo es langgeht. Spricht von Gastfreundschaft, vom Schul-Russisch, das ihm weiterhilft. Er schwärmt von Sonnenauf- und -untergängen. Erinnert sich an Gesellen auf der Walz, mit denen er gerastet hat. Erzählt, wie leicht man auf der Piste in Kontakt kommt, wenn ein „Wo kommst du her, wo willst du hin“ zu langen Gesprächen führt. Er verflucht die Straßen, die manchmal endlos erscheinen, Huckelpisten, auf denen er stundenlang allein unterwegs war. Er selbst spricht manchmal von „einer Art Pilgerreise“, die er immer wieder aufs Neue unternimmt. Wilfried Schliephake meint, dass er „es liebt, dass bei solchen Reisen auch einiges passiert, was man nicht planen kann, wo man improvisieren muss“ – wenn der Weg eben doch nicht dort verläuft, wo die Karte es anzeigt, wenn Google-Maps versagt, wenn die geplante Unterkunft nicht auftaucht.

Nicht alles überlässt er dem Zufall

Doch bei aller Improvisation: Der Mann plant sehr akribisch. Auf die Baltikum-Reise hat er sich fast ein Jahr lang vorbereitet. Wächst eine Reise-Idee in ihm, sucht er sich Touren heraus, kopiert sich die Karten, schneidet sie zurecht, damit sie in die Lenkertasche passen. Er plant Überfahrten mit Fähren und die Streckenabschnitte, die ihn am Tagesende möglichst auch zu einer einfachen Unterkunft führen sollen. Er markiert sich Sehenswürdigkeiten. Er hat immer Zelt und Isomatte dabei, „weil Campingplätze oder Strände bei so einer langen Reise die beste Preisalternative sind“. Etwa 35 Kilo Gepäck verstaut er ausgeklügelt am Rad, damit er „in den tiefen Abgründen der Taschen das Nötige schnell findet“. Sein Fahrrad ist nichts Besonderes – jedenfalls nicht aus technischer Sicht. Ein Notkauf, als ihm 2014 in Marseille das Fahrrad gestohlen wurde. Er brauchte ein Neues, damit die Tour an der Côte d’Azur nicht abrupt endete. Damit radelt er immer noch.

Fit hält sich Wilfried Schliephake durch Bewegung. In die „Muckibude“ geht er nicht gern. „Ich bin lieber draußen unterwegs“, sagt er. Im Keller steht sein Paddelboot. Unter einer Plane im Garten schlummert sein „kleines Schiffchen“. Paddeln und Segeln mag er. Hochalpines Wandern auch. Wilfried Schliephake lächelt und sagt: „Alles zu seiner Zeit.“ In diesem Sommer war eben die Zeit für eine Baltikum-Fahrrad-Tour. Die Idee, überhaupt relativ lange Touren mit dem Fahrrad zurückzulegen und „Stück für Stück die Grenzen Europas zu erkunden“, nimmt 2001 so richtig Fahrt auf. Auf dem Donauradweg fährt er mit seiner damaligen Frau 630 Kilometer von Passau über Wien bis nach Budapest. Da ist es um ihn geschehen. Ein Europa-Erkunder, so könnte man ihn nennen, der sich „freiradelt“. Er zeigt eine Liste mit Touren und Städtenamen wie Jakobspilgerweg, Paris, Granada, Saint-Tropez. In der Spalte davor stehen die Jahre. In der Spalte dahinter die Entfernungen. Die höchste Zahl ist die der jüngsten Tour: 5600 km. In 102 Tagen. Losgefahren ist der Magdeburger am 9. Juni, zurück war er Mitte September. Geplant waren eigentlich 3400 km. Aber da er gern das Rad dorthin lenkt, wo es ihm gefällt, wurde die Tour ein bisschen länger. Er hat ausgerechnet, dass er bei all diesen Touren mehr als 21 000 Kilometer zurückgelegt hat.

Die Frage nach dem schönsten Erlebnis kann Wilfried Schliep-hake dennoch nicht beantworten – und möchte es auch nicht so richtig. Immer wieder kehrt er zu den Begegnungen zurück, wenn er von der Baltikum-Tour spricht. Die Eindrücke sind noch ganz frisch, aber solche Gespräche wie das mit einem Russen, der als Soldat in der DDR eingesetzt war und Magdeburg lieben gelernt hat, wird Wilfried Schliephake nie vergessen, sagt er. Oder plötzlich in St. Petersburg zu stehen: „Als junger Mann war ich beim Internationalen Studentensommer dort, als es noch Leningrad war“, erinnert er sich. Damals hätte er sich geschworen, wiederzukommen, weil die Stadt so faszinierend war. 40 Jahre später, fast auf den Tag genau, hat er den Schwur in die Tat umgesetzt. Als Radler in Zeiten, in denen sich vieles verändert hat.

Die Tour: Helsinki – St. Petersburg – Tallinn – Riga – Klaipeda – Kurische Nehrung –Königsberg – Wolfsschanze – Marienburg – Danzig – Hel – Usedom – Rügen – Darß – Warnemünde – Berlin – Magdeburg: 5600 Kilometer, 102 Tage