MDR spricht von "Manipulation" und zieht Kritik auf sich

Gauck-kritische Umfrage gelöscht

Von Winfried Borchert

Magdeburg l Mit einer Umfrage zum künftigen Bundespräsidenten, genauer, mit dem Umgang damit, hat der Mitteldeutsche Rundfunk Internet-Nutzer gegen sich aufgebracht. Das Internet-Portal des Nachrichtenradios "MDR info" und der MDR-aktuell-Redaktion hatte am Montag gefragt "Ist Joachim Gauck der Richtige für das Bundespräsidentenamt?"

Am Montagabend hatten etwa 3800 Internetnutzer abgestimmt. 19 Prozent von ihnen mit Ja, 3 Prozent äußerten sich unentschieden, und 78 Prozent stimmten mit Nein. Kurz darauf war die Umfrage aus dem Netz verschwunden.

Gegenüber der Online-Community "Facebook" teilte der MDR mit: "Unser Voting zu ,Ist Joachim Gauck der Richtige für das Amt des Bundespräsidenten?\' ist am Abend manipuliert worden. Deshalb haben wir es zurückgezogen."

Doch unter den "Facebook"-Nutzern, zu denen in Deutschland mehr als 22 Millionen Menschen zählen, war die Empörung über den Schritt groß. Von "Zensur" war in Kommentaren die Rede und von einem Umgang mit Meinungsäußerungen "wie in alten Zeiten". Mehrere Internetnutzer vermuteten, der Sender habe die Umfrage entfernt, "weil Gauck so eindeutig verloren hat".

In einer weiteren Reaktion bei "Facebook" wies der Sender gestern Nachmittag diesen Verdacht zurück und erklärte: "Bis ca. 18 Uhr war die Abstimmung relativ ausgewogen. Gauck-Befürworter und Gauck-Gegner hielten sich die Waage. Dann aber kippte das Ergebnis innerhalb von Minuten und die Zahl der Gauck-Gegner explodierte geradezu. Eine solche Entwicklung kennen wir bereits aus anderen Votings: Jemand hat sich die Mühe gemacht, ein Skript zu schreiben, mit dem er den IP-Blocker des Votings umgehen und in kurzer Zeit sehr viele Abstimmungen ,eintragen\' kann."

Ein "IP-Blocker" sorgt dafür, dass jeder Internetnutzer nur einmal abstimmen kann. Der MDR beschuldigt Gauck-Kritiker, mit einem Programm die Sperre umgangen zu haben. Der Sender teilte bei "Facebook" mit: "Es war nicht das erste Voting, das wir so beenden mussten, und es ist zu befürchten, auch nicht das letzte."

Erledigt ist der Fall damit nicht. Voraussichtlich in der nächsten Woche wird sich der MDR-Rundfunkrat mit dem Fall beschäftigen. Dessen Mitglied Guido Kosmehl (FDP) sagte: "Solche Umfragen sind doch nie repräsentativ. Wenn der MDR damit nicht umgehen kann, sollte er auf sie völlig verzichten."

Kosmehls Ratskollege Stefan Gebhardt (Linke) widersprach zugleich dem MDR: "Die Umfrageergebnisse waren von Anfang an klar gegen Gauck. Die Begründung des MDR ist fadenscheinig."