Halberstadt l Nicolas Bertrand dreht den Schlüssel im Schloss herum. Beinahe geräuschlos schwingt das große Gittertor auf. Der Generator springt an. Einen Augenblick später breitet sich mattes Licht im sogenannten Mundloch A, dem Eingang zum 13 Kilometer langen Stollensystem, aus. Das Gewirr von Gängen haben KZ-Häftlinge vom April 1944 an ein Jahr lang in die Halberstädter Thekenberge getrieben, damit dort die Nazis ihre „Vergeltungswaffe 2“ produzieren können.

Bertrand, seit April 2016 Leiter der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge, geht dort entlang, wo vor mehr als 70 Jahren der Schienenstrang tief in den Berg hineinführt. Die Gleise sind verschwunden, die parallel verlaufende Rampe auf der rechten Seite gibt es hingegen noch.

120 Meter weit reicht der Weg vom Eingangstor mit der Erklärtafel bis zum nächsten Gitter. Dort ist Schluss für die Gedenkstätten-Besucher.

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Schließung des Stollens?

Und sowohl Bertrand, der promovierte KZ-Experte aus Frankreich, als auch sein Chef in Magdeburg, Kai Langer, Direktor der Stiftung Gedenkstätten, haben ein flaues Gefühl im Magen. „Der Supergau wäre, wenn die Versteigerung der 43 Grundstücke mit einer Gesamtfläche von mehr als einer Million Quadratmetern dazu führen würde, dass der historische Stollen geschlossen wird“, sagt Bertrand.

Und er weiß, wovon er redet: „Der am meisten nachgefragte Teil unserer Gedenkstätte ist nun mal der Stollen. Unsere Besucher wollen den Bereich im Berg sehen, an dem während der vergangenen sieben Jahrzehnte nichts verändert wurde. Fotos sind gut, aber das Original vermittelt ein viel tieferes Gefühl für das unmenschliche Geschehen der Nazis.“ Stiftungschef Langer wäre froh, „wenn wenigstens der „Status quo“ erhalten bleiben würde - also die 120 Meter bis zum ersten Querschlag. „Das Problem ist, dass durch das Hin und Her und den ständigen Besitzerwechsel bisher eine dauerhafte Nutzung nicht gewährleistet ist“, sagt er.

Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) kann die Sorgen der Gedenkstätte verstehen. „Derjenige, der am 12. September das höchste Gebot abgegeben hat, kam letztlich für die Stadt nicht infrage. Alle anderen Bieter haben ein Nutzungskonzept vorgelegt. Der Meistbietende jedoch nicht.“ Nach Volksstimme-Informationen soll es sich dabei um einen Mann aus Schleswig-Holstein handeln, der 355.000 Euro auf den Tisch des Hauses legen wollte. Die Stadt hat als Gläubiger im Verfahren stets das letzte Wort und entscheidet darüber, wer den Zuschlag bekommt.

Für die Kommune komme für das Grundstück nur „etwas Seriöses“ infrage. Etwas, was nicht im Widerspruch zum historischen Umfeld stehe. „Möglicherweise ein Investor etwa aus dem Logistik- oder Speichertechnologiebereich.“ Henke blickt „neidvoll“ nach Blankenburg. „Ich habe mir das Sanitätslager der Bundeswehr angesehen, das sich ja in ähnlichen Stollen befindet. So etwas wäre natürlich die Ideallösung, aber leider ...“

Baugelände ausgeschlossen

Die Stadt werde allerdings genau darauf achten, dass die Interessen der Gedenkstätte nicht beschnitten werden. Dass die Thekenberge möglicherweise von demjenigen, der das Gebiet erwirbt, als Baugelände vorgesehen wird, sei ausgeschlossen, so der Oberbürgermeister: „Ich glaube nicht, dass der Stadtrat da zustimmen würde.“

Außerdem sei die Summe, für die das Gelände ersteigert wird, eher der kleinere Teil einer Investition. „Um das Gebiet nutzen zu können, muss man wohl schon so drei, vier Millionen Euro in die Hand nehmen.“ Es komme also nur ein großes, solventes Wirtschaftsunternehmen infrage.

Und Henke spricht noch eine Hürde an. „Die rechtlichen Belange, die berücksichtigt werden müssen, sind schwierig: Baurecht, Bergrecht, Denkmalschutz sind nur einige davon.“ Auf das Geld zu verzichten, komme für die chronisch klamme Kommune auf keinen Fall infrage. „Wir haben das Geld nicht abgeschrieben“, sagt der Oberbürgermeister, will eine Summe jedoch mit Blick auf das Steuergeheimnis nicht nennen. Hinter vorgehaltener Hand wird von einem sechsstelligen Betrag an Außenständen gesprochen, die der aktuelle Eigentümer vor allem der Stadt schuldet.

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Langer, begründet, warum der Zugang zum Stollen unbedingt erhalten bleiben muss: „Es ist der Ort, an der das Blut und der Schweiß der Häftlinge klebt.“ Historisch-politische Bildung sei an kaum einem anderen Ort so hautnah erlebbar zu machen, wie in dem 13 Kilometer langen Buntsandsteinlabyrinth.

Gedenkstätten-Leiter Bertrand deutet auf ein Foto. Ein Mann klettert am 7. April 2000 am Sperrgitter von „Mundloch A“ empor und hängt ein Schild auf. Es ist der ehemalige KZ-Häftling Georges Petit. Der Franzose wollte mit seiner Aktion bereits vor 17 Jahren darauf hinweisen, dass dieser Teil der Gedenkstätte unbedingt erhalten werden muss. Der Ort, an dem 2000 Häftlinge den Versuch der Nazis, ihre Rüstungsproduktion vor den Augen der Alliierten unter den Bergen zu verstecken, mit dem Leben bezahlt haben.

Termin steht noch nicht fest

„Die Gruppe der 2. Generation hat im Oktober ein weiteres Zeichen gesetzt“ erzählt Bertrand. „Es wurde der Vorschlag gemacht, die jährliche Gedenkveranstaltung, an der die Überlebenden des Stollenbaus und deren Verwandte teilnehmen, nicht wie üblich am Massengrab durchzuführen.“ Der dringende Wunsch bestehe, sich am 15. April 2018 vor „Mundloch A“ zu treffen. Als „starkes Symbol“, den Stollen als Teil der Gedenkstätte zu erhalten und „die Verbindung zwischen Lager und Stollenanlage deutlich zu machen“.

Ein neuer Termin für die Zwangsversteigerung der rund 148 Fußballfelder großen Fläche in den Thekenbergen steht noch nicht fest. Bis zu einer Entscheidung bleibt die Sache in der Schwebe, und die Gedenkstätte kann sich nur auf das Entgegenkommen von Insolvenzverwalter André Löffler verlassen. Bisher hat der Rechtsanwalt Gedenkstättenleiter Bertrand die Schlüsselgewalt für den „Besucherstollen“ eingeräumt, so dass auch im zu Ende gehenden Jahr zwischen April und Oktober die 120 Meter des 13 Kilometer langen Stollensystems besichtigt werden konnten.

Hält Stiftungschef Langer mit seinem Wunsch, zumindest den Mini-Weg unter dem Berg zu erhalten, den Ball flach, hat Gedenkstättenleiter Bertrand Träume: „Die verschiedenen Ausbauformen zeigen zu können, das wäre schon gut. Zum Beispiel die intakten Kreuzgewölbe, einige Beton- und Ziegelstrecken.“

Das gesamte Labyrinth für die Besucher zu öffnen, sei jedoch illusorisch. Zum einen seien viele Bereiche nicht sicher und zum anderen habe die DDR-Armee ab 1985 die Hälfte des Labyrinths ausgebaut, um den sogenannten Malachit-Stollen als Materialdepot zu nutzen. Damit sei das Ursprüngliche verloren gegangen. Zu diesem Bereich gehöre auch der 400 Meter lange Stollen, in dem nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 rund 100 Milliarden DDR-Mark eingelagert wurden, die dort verrotten sollten.

Der Gedenkstätten-Hausmeister schaltet den Generator aus. Das Licht dimmt herunter. Der Stollen wird zum schwarzen Loch. Bertrand hofft, dass dieser Blackout keinen Symbolcharakter hat.