Die Katholiken waren sich sicher, dass ihn der Teufel vom Sterbebett holt

Genau protokolliert: So starb Luther

Von Oliver Schlicht 01.02.2013, 02:16

Eisleben l "Luthers Tod war ein politisches Ereignis", sagt Ausstellungsprojektleiter Christian Philipsen. Die Katholiken hätten fest damit gerechnet, dass der Teufel Luther vom Sterbebett holt. "Bereits ein Jahr vor seinem Ableben hatte man sein besonders qualvolles Ableben vermeldet." Entgegen des friedlichen Einschlafens galt dies als Indiz der direkten Fahrt zur Hölle. Philipsen: "Luther hat über diese verfrühte Todesnachricht gespottet." Aber es habe den Reformatoren gezeigt, wie wichtig es ist, dass genau protokolliert wird, auf welche Weise Luther stirbt.

So kam es auch. Seine langjährigen Freunde Justus Jonas und Michael Cölius hinterließen genaue Aufzeichnungen, was in der Nacht vom 17. zum 18. Februar geschah. Wenige Tage zuvor hatte Luther einen leichten Herzanfall erlitten. Nach diesen Aufzeichnungen hat sich folgendes zugetragen:

Luther klagt vor dem Abendessen über Brustschmerzen. Er geht im Zimmer auf und ab. Seine Brust wird mit warmen Tüchern abgerieben. Besserung tritt ein. Abendessen. Luther zeigt guten Appetit. Er scherzt mit Anwesenden. Am späten Abend erneut Schmerzen. Sie werden stärker. Luther sagt: "Mir wird aber weh und bang, wie zuvor um die Brust." Er wird wieder mit warmen Tüchern abgerieben. Der Arzt soll geholt werden. Luther lehnt das ab.

Der anwesende Graf Albrecht verabreicht ihm eigenhändig zwei Löffel frisch geriebenen Walzahn mit Wein. Ein sehr wertvolles Medikament. Luther schläft ein. 90 Minuten später wacht er auf und geht zu Bett. In der Schlafkammer sind auch die Söhne Martin und Paul, mehrere Diener und sein Freund Justus Jonas untergebracht. Jonas notiert: "Luther schläft mit natürlichem Schnauben."

Ein Uhr früh wacht Luther auf. Starke Schmerzen in der Brust. Schüttelfrost. Luther sagt: "Wie ist mir so übel. Mich drückt\'s hart um die Brust, o ich werde in Eisleben bleiben." Luthers Begleiter und herbeigeeilte Hausbesucher helfen ihm aus dem Bett. Wieder wird er mit warmen Tüchern abgerieben. Die zwei in Eisleben praktizierenden Ärzte werden geholt. Graf Albrecht wird geweckt. Seine Frau Anna bringt zahlreiche Medikamente ans Bett. Luther bekommt Todesangst. Er ruft: "Lieber Gott, mir ist sehr weh und angst - ich fahr dahin!"

Heftige Schweißausbrüche. Man beruhigt ihn. Der Schweiß seien Zeichen der Besserung. Luther: "Es ist ein kalter Todesschweiß!" Luther spricht ein Gebet. Danach spricht er dreimal die Worte Christi am Kreuz, die traditionell zur Sterbeliturgie gehören. Ein weiteres Gebet. Dann sackt er weg.

Er ist nicht tot. Noch nicht. Gräfin von Mansfeld und die beiden Ärzte reiben Luther mit Rosenessig, Lavendelwasser und Aquavit ein. Die Gräfin versucht Luther durch lautes Rufen, kräftiges Rütteln und Abkühlungen aufzuwecken. Luther sagt erst "Ja", dann "Nein".

Jonas und Cölius wollen jetzt sicherstellen, dass sich der Sterbende vor seinem Tod zu Christus bekennt - eine traditionelle Aufgabe der Sterbebegleitung. Er wird laut angeschrien: "Allerliebster Vater, ihr bekennt ja Christus, den Sohn Gottes, unseren Heiland und Erlöser?" Luther antwortet - dies belegen später mehrere Anwesende - mit einem deutlich hörbaren "Ja!". Dann verliert er das Bewusstsein.

Aus seinem Gesicht und aus seinen Füßen entweicht die Wärme. Ist er tot? Nein. Jonas notiert: "Luther tat ein sanftes Atemholen und Seufzen, mit gefalteten, ineinander gelegten Händen." Daraufhin wird wieder versucht, Luther aufzuwecken. Schließlich lässt man von ihm ab. Grund: Der Körper ist inzwischen erkaltet. 2.45 Uhr. Luther ist tot, verstorben an einem Herzinfarkt.

45 Minuten später wird Luther neben dem Ruhebett ein Lager aus Kissen und Decken bereitet. Fünf Stunden lang nehmen Bürger aus Eisleben von ihm Abschied. Luther wird in einen neuen "schwäbischen Kittel" gekleidet und in einen Zinnsarg gelegt.

Die Überführung des Sarges über Halle und Bitterfeld nach Wittenberg wird zum gesellschaftlichen Großereignis.