Magdeburg l Die Konkurrenz durch Versender im Internet wächst, Nachfolger fehlen. In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Apotheken im Land von 618 auf 588. Inhaber und Leiter von weiteren 50 Apotheken werden in fünf Jahren das Rentenalter erreicht haben - und stehen dann vor der Entscheidung, dichtzumachen.

Bei Dr. Jens-Andreas Münch, dem Präsidenten der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, schrillen bei diesen Zahlen die Alarmglocken. Vor allem in den vom demografischen Wandel besonders betroffenen ländlichen Regionen fehlen für den pharmazeutischen Nachwuchs häufig die wirtschaftlichen Perspektiven. Münch erwartet, dass die Konkurrenz durch die Versandapotheken zunimmt. Dann könnten noch mehr junge Pharmazeuten den Weg in die Selbständigkeit scheuen.

Kritik an Spahns Konzept

Apotheker David Alkewitz ist in Calbe (Salzlandkreis) das Wagnis eingegangen und hat Ende des vorigen Jahres eine Apotheke übernommen. Das Rentenalter hatte die Vorbesitzerin da schon eine Weile erreicht, den Nachfolger erst nach längerem Suchen gefunden. "Ich wollte den Standort nicht sterben lassen. Wir dürfen uns aber nichts vormachen, in zehn Jahren wird es die Vor-Ort-Apotheke in der jetzigen Form nicht mehr geben", sagt der gebürtige Calbenser, der vorher in der Industrie tätig war. In zwei Jahren übernimmt der 30-Jährige zwei weitere Filialen. Für ihn steht fest: "Wir müssen weg von der bloßen Bereitstellung von Arzneimitteln." Der Apotheker der Zukunft müsse vermehrt als Gesundheitsberater oder Medikationsmanager etwa für multimorbide Patienten da sein. "Allein über den Preis der Medikamente werden wir nicht gewinnen können", prophezeit Alkewitz.

Zunehmend zum Problem wird die Konkurrenz durch Versender im Netz. Kritik von Seiten der Apothekerkammern aller Bundesländer richtet sich gegen Teile des von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angedachten Apotheken-Pakets. Spahn will zwar Leistungen wie etwa Nachtdienste von Apotheken besser honorieren. Aber: Den Versandhandel für verschreibungspflichtige Medikamente, die von ausländischen Versendern mit Rabatten angeboten werden, will er nicht antasten. Für die Apotheken, die 80 Prozent ihres Umsatzes mit Rezepten machen, ein fatales Signal. Denn: Persönliche Beratung, Notdienste, die Bereitstellung wichtiger Medikamente im Notfall - diesen Service böten die Online-Versender nicht. "Dafür brauchen wir einfach die Apotheke vor Ort", sagt Kammer-Präsident Münch.

Noch erreicht die Konkurrenz im Netz bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten nur einen Umsatz von einem Prozent. Bei frei verkäuflichen Medikamenten liegt der Anteil der Online-Versender am Gesamtumsatz bei 17 Prozent. Für den Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) stellt der Versandhandel von Arzneimitteln eine komplementäre Ergänzung der stationären Arzneimittelversorgung dar. In ländlichen Gebieten mit schlechter medizinischer Versorgung könne der Online-Arzneimittelversand den Patienten helfen, sagt Geschäftsführer Udo Sonnenberg.

Im Bundesvergleich steht Sachsen-Anhalt noch ganz gut da. Auf 100 000 Einwohner kommen 27 Apotheken. Es gibt 140 Rezeptsammelstellen, die die Arzneimittelversorgung in schlecht erschlossenen Regionen sichern. Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) sieht Sachsen-Anhalt unter anderem durch Botendienste und Rezeptsammelstellen bei der Versorgung von Patienten gut aufgestellt. Grimm-Benne betont zudem die wichtige Funktion der Präsenzapotheke: "Vor allem für viele ältere Menschen sind Apothekerinnen und Apotheker wichtige Ansprechpartner, gerade wenn es darum geht, Gesundheitsinformationen einzuschätzen und zu bewerten."

Bundesweit mussten seit Anfang des Jahrtausends 2000 Apotheken dichtmachen.

Der Kommentar "Apotheker müssen umdenken" zum Thema.