Tangermünde l Das Schicksal der Grete Minde beschäftigt seit 400 Jahren Historiker und Schriftsteller. Auch die 31 Jahre alte Berliner Editionswissenschaftlerin Friederike Wein hat sich für ihre Dissertationsarbeit mit dem Fall beschäftigt und die Gerichtsakten gegen Grete Minde Seite für Seite gelesen.

Was veranlasst eine junge Wissenschaftlerin wie Sie, sich für ihre Doktorarbeit ausgerechnet mit der 400 Jahre zurückliegenden Verurteilung der Grete Minde zu befassen?

Ich bin in der Altmark aufgewachsen und mit der Geschichte um Grete Minde groß geworden. Deshalb habe ich eine Beziehung zu diesem Kriminalfall. Bereits in meiner Masterarbeit an der Freien Universität Berlin beschäftigte ich mich mit dem Fall. Der Prozess gegen Grete Minde ist aus verschiedenen Gründen ein besonderer. Zum einen ist Grete Minde eine der wenigen uns noch heute namentlich bekannten Verurteilten der Frühen Neuzeit. Und zum anderen sind die Dokumente des Prozesses gegen sie und die anderen wegen der Brandstiftung Angeklagten noch heute vollständig erhalten. Das ist ein Ausnahmefall für die Forschung.

Ließen sich die alten Prozessakten überhaupt lesen?

Die Fähigkeit, alte Schriften lesen zu können, habe ich im Studium erworben. Die Prozessakten waren sehr leicht zu lesen, denn der Tangermünder Stadtschreiber hatte eine feine und leserliche Schrift. Anders verhielt es sich mit den beiliegenden Namenslisten. Dort hatte jeder, der einen Federkiel halten konnte, unterschrieben. Da mir auch vergleichende Schriftproben fehlten, waren diese Listen schwieriger zu entziffern.

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Haben Sie in den Akten auch bislang unbekannte Fakten entdecken können?

Grete Mindes Stammbaum habe ich die eine oder andere Verästelung hinzufügen können. Beispielsweise entdeckte ich noch ein paar bislang unbekannte Lebensdaten von ihrer Tante. Das war die Ehefrau jenes Tangermünder Ratsherren, der Grete Minde die Erbschaft ihres Vaters vorenthalten haben soll. Und auch zu Grete Mindes Sohn Balthasar Meilahn fand ich einige noch nicht bekannte biografische Angaben. Er sollte nach der Hinrichtung seiner Mutter in einem Tangermünder Kloster großgezogen werden. Interessanterweise wurde er später als Brandstifter eines weiteren Stadtbrandes angeklagt. Ihm wurde unterstellt, dies aus Rache für den Tod seiner Mutter getan zu haben.

Später ist häufig der große Stadtbrand von Tangermünde als eine Art Gottesstrafe gewertet worden. Wie kommt es zu einer solchen Anschauung?

Das ist nur im Zusammenhang mit den allgemeinen Anschauungen in der frühen Neuzeit zu verstehen. Die Gesellschaft war tief religiös geprägt und der Glaube, dass Gott sündhaftes Verhalten mit Strafen belegen würde, war weit verbreitet. Die damals häufigen Stadtbrände – in Tangermünde beispielsweise hat es mindestens einmal im Jahr gebrannt - waren besonders geeignet, sie als eine Strafe Gottes zu empfinden.

Dennoch aber verurteilten die Tangermünder Grete Minde, ihren Ehemann Tonnies Meilahn und Merten Emmert zum Tod?

Selbst wenn sie im damaligen Denken auch als ein Werkzeug solcher Bestrafung dienten, blieben sie in den Augen der Tangermünder doch Brandstifter. Deshalb mussten sie verurteilt werden.

Würden Sie mir zustimmen, dass unsere heutige Sicht auf Grete Minde weitgehend von Theodor Fontanes Erzählung über sie geprägt ist?

Indirekt ist das sicher so. Die literarische Figur und die historische Person sind aber zwei verschiedene Dinge. Fontane ließ die Frage nach der Verantwortung und Schuld von Grete Minde an der Brandkatastrophe in der Novelle offen. Indem er aber eine fiktive Vorgeschichte erzählt, versucht er zu erklären, wie es zu Grete Mindes Verhalten gekommen ist. Ihr mögliches Fehlverhalten wird dadurch nachvollziehbar. Und wer Fontanes Novelle liest, bekommt auch Verständnis für die junge Frau. Damit zeigt der Schriftsteller eine Grete Minde, die der bis dahin vorherrschenden verteufelnden Darstellung nicht entspricht. Und die Wahrnehmung der Novellenfigur hat auch Einfluss auf die historische Grete Minde, die vor ihm als ein verwildertes Frauenzimmer beschrieben worden war, das von „nichtswürdigen Eltern“ abstammte und ein „Auswurf des Menschengeschlechts“ sei.

Fontane untertitelte seine Novelle mit dem Hinweis „Nach einer altmärkischen Chronik“. Worauf bezog er sich dabei, hatte er die Prozessakten eingesehen?

Sein Hinweis dürfte sich auf die historischen Chroniken beziehen, in denen er gelesen hat. Die Akten hat Fontane nicht eingesehen. Sie wären ihm durchaus zugänglich gewesen. Allerdings hätte er in ihnen keine eindeutige sondern eine widersprüchliche Darstellung der Ereignisse gefunden.

Wer hat zuerst von der Unschuld der Grete Minde gesprochen?

Öffentlich geschah das erstmals im Jahre 1883 durch den Historiker und Juristen Ludolf Parisius. Als Erster bearbeitete er die Akten richtig und stieß dabei auf Widersprüche zwischen den Aussagen und den Protokollen des Prozesses. Als erster bezog er neben Grete Minde auch die beiden anderen Angeklagten in die Bewertung des Falls ein. Weil Parisius in den Akten die Frage nach der Schuld der Angeklagten nicht zweifelsfrei beantwortet sah, kam er zu dem Schluss, dass sie unschuldig gewesen sein müssen. Er sprach deshalb von ungerechten Todesurteilen und von einem „grausigen Justizmord“. Allerdings betrachtete Parisius das Geschehen von 1619 mit den Maßstäben seiner Zeit. Das bewirkte Mitleid und Verständnis für Grete Minde. Die gerichtlichen Ermittlungen aber - dazu gehörte auch die Folter von Schuldigen - entsprachen den Maßstäben der vor 400 Jahren gültigen Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V., der Constitutio Criminalis Carolina.

Die Hinrichtung vor 400 Jahren nimmt die Stadt Tangermünde nun zum Anlass, um vom 20. bis zum 22. März in mehreren Veranstaltungen Grete Minde zu gedenken. Das wirkt wie der Versuch einer Wiedergutmachung. Trifft es tatsächlich eine Unschuldige?

Diese Frage möchte ich nicht beantworten. Das Geschehen liegt 400 Jahre zurück. Die einzige zeitgenössische Quelle sind die Akten. Aber ich kann den Wahrheitsgehalt der Aussagen heute nicht mehr überprüfen. Wie der Stadtschreiber Balthasar Klessen die Aussagen in Briefe umformuliert, das kann ich sehr genau nachvollziehen. Ich fand beispielsweise auch die Bewertung eines Prozessbeteiligten, nach der Grete Minde unschuldig sei. Aber das taucht nur in einem Briefkonzept auf.

Die Brandkatastrophe von 1617

Am 13. September 1617 kam es  in Tangermünde zu einer Brandkatastrophe. „Bei fünf Tonnen Goldes Werth in Staub und Asche gelegt“, steht in  Chroniken. 486 Wohnhäuser, 52 Scheunen voller Getreide und Speicher mit Futter seien verbrannt. Anfang 1619 gerieten Tonnies Meilahn, seine Ehefrau Grete Minde  und Martin Emmert in die Fänge der Stadtwache, weil die Männer als Wegelagerer verdächtigt wurden. Im Verhör beschuldigte Meilahn seine  Ehefrau, die Brandstiftung angezettelt zu haben. Aus Rachsucht, weil der Tangermünder Ratsherr Heinrich Minde seine Nichte Grete Minde um deren väterliches Erbteil geprellt haben soll. Auch wenn  Grete Minde die Tat bestritt. Unter der Folter gestand auch sie. Am 22. März wurden alle drei hingerichtet.

Veranstaltungen in Tangermünde

Aus Anlass des 400. Todestages von Grete Minde gibt es in Tangermünde folgende Veranstaltungen:

  • 20. März, 14 Uhr Salzkirche: Schüler des Diesterweg Gymnasiums stellen Projektarbeit vor
  • 21. März, 19 Uhr Salzkirche Lesung: Fontanes Frauen von Robert Rauh und Carmen-Maja Antoni
  • 22. März, 19 Uhr Salzkirche: Vortrag von Friederike Wein „Grete Minde und Genossen“
  • 22. März, 20.30 Uhr Salzkirche: Literaturverfilmung Grete Minde von 1977