Magdeburg | Man könnte die Uhr nach ihr stellen. Jolanta Karpaviciene kommt auf die Minute pünktlich zum vereinbarten Treff. Die stellvertretende Direktorin des Nationalmuseums des Großherzogtums Litauen scheint ständig in Eile zu sein. Trotzdem ist bei ihr keine Spur von Hektik, ganz im Gegenteil, die quirlige Frau strahlt Freundlichkeit und Ruhe aus. Dass sie gerade noch in einem Seminar vor Studenten der Universität der litauischen Hauptstadt stand, wird von ihr beiläufig erwähnt.

Ein Schwerpunkt der Forschungsarbeit von Jolanta Karpavicien: das Magdeburger Recht. Seit Jahren hält es sie gefangen. Wie kommt man zu diesem scheinbar trockenen Thema? Schon huscht ein Lächeln über das Gesicht der Historikerin: „Eigentlich ist das Domizil unseres Museum, der wiederhergestellte Palast der Großfürsten von Litauen, genau der richtige Platz für ein Gespräch dazu.“ Zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert war diese Anlage komplett zerstört worden. Bis auf wenige archäologische Reste erinnerte kaum noch etwas an ihn. Der selbstbewusste Staat Litauen entschied sich, den Palast zu rekonstruieren. Als Zeichen von Selbstbewusstsein nach der Loslösung von der Sowjetunion sahen das die Menschen im Land, auch wenn das Projekt keinesweg unumstritten war.

Magdeburger Recht in Litauen

Für die Litauer habe das Magdeburger Recht etwas ganz Faszinierendes, versichert Jolanta Karpaviciene. Als sie Anfang der 1990er Jahre an der Universität Vilnius zu arbeiten begann, war eine ihrer ersten Aufgaben die Beteiligung an der Publikation des alten Archivs des Großfürstentums Litauen, der so genannten Metrik. In den Gerichtsbüchern des 16. Jahrhunderts fand sie unter anderem Hinweise auf das Magdeburger Recht. Die akademische Neugier sei geweckt gewesen, als ihr immer mehr Material in Archiven beispielsweise von Kaunas aber dann auch in Moskau in die Hände kam. Viele Rätsel blieben, denn das Thema war in ihrer Heimat kaum erforscht worden. „Ich wollte wissen, wie solche frühen juristischen Regeln, die weit von meiner Heimat ihre Wurzeln hatten, nach Litauen gelangten“, lautet die Begründung.

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1387 sei das Magdeburger Recht, das auch als Deutsche Recht bezeichnet wurde, der Hauptstadt des Großfürstentums verliehen worden. Nach Vilnius erhielten es im Laufe von vier Jahrhunderten etwa 250 Städte oder kleinere Siedlungen, die sich heute nicht nur auf dem Territorium Litauens, sondern auch im heutigen Weißrussland, in der Ukraine, in Polen und Russland befinden. Nach dem Beispiel der Elbestadt entwickelte sich ein System der kommunalen Verwaltung, das eine ganze Region prägte. In den beiden Städten Vilnius und Trakai sowie im Handelszentrum Kaunas waren nach diesem Vorbild ein Rat mit Bürgermeistern und daneben eine Schöffenbank unter Vorsitz eines Vogtes vor allem für Strafsachen errichtet worden. Die Staatspolitik sorgte dafür, dass sich ein Stadtrecht im Großfürstentum Litauen nach Magdeburger Beispiel entwickelte. Sogenannte Magdeburgische Bürger bildeten eine soziale Einwohnerkategorie im Großfürstentum Litauen, die lange in historischen Dokumenten Erwähnung fanden. Diese soziale Schicht wurde höher eingestuft als die Einwohner der Städte und Marktflecken ohne Magdeburger Recht und höher eingeschätzt als die Bauern, die im Großfürstentum den niedrigsten Sozialstatus inne hatten. In vielen Städten Litauens ist die Erinnerung daran bis heute wach, es gibt Denkmäler dafür, man feiert die Jubiläen seiner Einführung.

„Das alles ist in Mitteldeutschland viel zu wenig bekannt“, sagt Jolanta Karpaviciene und bedauert das. Wissenschaftler hätten sich des Themas zwar angenommen, aber im allgemeinen Bewusstsein fehle die Aufmerksamkeit. Mit ihrer Forschung wolle sie Interesse wecken. Sie freut sich, dass in Sachsen und Sachsen-Anhalt ihre Mitarbeit gefragt ist, wenn es in Forschungsprojekten um das Magdeburger Recht geht. So stammt einer der Beiträge im wissenschaftlichen Begleitband zur Ausstellung „Faszination Stadt. Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht“, die vom 1. September bis zum 2. Februar 2020 in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt zu sehen sein wird, aus ihrer Feder. Auf 1200 Quadratmetern sind dann Exponate aus ganz Europa, darunter Gemälde und Skulpturen, wertvolle Handschriften sowie bedeutende Dokumente zu sehen. Darunter befinden sich Stücke aus Archiven von Vilnius. Magdeburg zeichnete bereits 2012 Jolanta Karpaviciene mit dem Eike-von-Repgow-Preis aus. Die Stadt nannte die Wissenschaftlerin damals ein „Symbol der kulturellen historischen Beziehungen zwischen Mitteldeutschland und Litauen“. Sie wünschte sich, dass „wir einander besser kennenlernen“. Die Perspektive, mit der die 55-Jährige, das Thema betrachtet, bezeichnete der Rechtshistoriker Dietmar Willoweit in seiner damaligen Laudatio, „ganz ungewohnt“. Seine Kollegin setze Akzente, die „unser Verständnis von dieser Materie außerordentlich bereichern“.

Umfangreiches Wissen

Wenn Jolanta Karpaviciene von ihren Forschungen berichtet, ist nicht nur ihr umfangreiches Wissen erstaunlich. Daten und Fakten sind abrufbereit. Ihre Deutschkenntnisse machen staunen. Als zweite Fremdsprache zu Sowjetzeiten gelernt, fehlten ihr anfänglich die Anwendungsmöglichkeiten dafür. Erst mit Beginn der intensiven Beschäftigung mit dem Mittelalter kam der praktische Nutzen. Wer alte Dokumente aus jener Zeit selbst einmal in Augenschein genommen hat, kann die Leistung der Historikerin bei der Arbeit in Archiven mit schwer lesebaren Zeugnissen der Vergangenheit nachvollziehen. Sprachen spielen eine eminent wichtige Rolle.

Litauische war ihr in die Wiege gelegt, ab der zweiten Klasse mussten die Mädchen und Jungen in der Sowjetrepublik obligatorisch Russisch lernen. „Und hier, wo es immer Kontakte zu Polen gab, war für mich das Erlernen der nächsten Sprache vorprogrammiert, um in der Mediävistik bestehen zu können. Natürlich gesellte sich Latein dazu“, erklärt sie.

Für die ungewöhnliche Frau zählt Magdeburg in vielerlei Hinsicht zu einem der interessantesten Orte in ihrem Leben. Sie kommt nicht nur wegen der Forschungen an die Elbe. Das Rathaus und Alter Markt mit Magdeburger Reiter üben eine magische Anziehungskraft aus, nennt es symbolisches und historisches Epizentrum der Herausbildung des Magdeburger Rechts, eines gesamteuropäisches Phänomens.

Denkmal der Architektur

Der Dom St. Mauritius und Katharina bedeutet ihr mehr als nur ein imposantes Denkmal der Architektur, sondern habe einen hohen Stellenwert für jeden Litauer. In der Kathedrale war Brun von Querfurt am Ende 10. Jahrhunderts als Kanoniker tätig. Über sein Wirken als Erzbischof bei der Missionierung der Slawen wurde in den Quedlinburger Annalen berichtet. Dort tauchte der Name „Litauen“ 1009 zum ersten Mal schriftlich auf und bezeichnete ein Gebiet an der Grenze zu den altpreußischen Ländereien. „Sehen Sie, wie Europa damals schon in seinen Anfängen entwickelt war“, sagt Jolanta Karpaviciene. Ihre Studenten begriffen das zunehmend. Aber, da ist wieder das gewinnende Lächeln, ihnen fehlten oft die Kenntnisse der russischen Sprache, wenn sie die historischen Ereignisse der Vergangenheit erforschen wollten. So änderten sich die Zeiten. Ihr habe Russisch viel geholfen, wenn Tolstoi oder Puschkin im Original zu lesen war. „Damals hieß es in Litauen, dass man in solchen Texten am besten erkenne, was in der russischen und sowjetischen Geschichte kritisiert wurde, man erfuhr vieles über die Mentalität der Menschen“.