In der Altmark bereitet der mehrheitlich in Landeshand befindliche Klinik-Träger Salus Altmark Holding die de-facto-Schließung der Kinderklinik Gardelegen vor. Eine Fläche doppelt so groß wie München wäre ohne stationäre Versorgung für Kinder. Dabei investiert dasselbe Land als Fördergeldgeber gerade Millionen Euro in den Neubau der Pädiatrie.

Gardelegen l Im September 2018 lächeln Politiker und Klinik-Vertreter in Gardelegen in die Kameras der Presse. Der Anlass: Sachsen-Anhalts SPD-Sozialministerin Petra Grimm-Benne ist gekommen, um einen Förderbescheid zu übergeben. Es geht um die medizinische Versorgung für Kinder – ein dankbarer Termin.

Die Nachricht: An seinem Gardelegener Standort wird das Altmark-Klinikum ein modernes Mutter-Kind-Zentrum errichten. Neben einer neuen Kinder-Station soll es eine Kurzliegerstation mehrerer Disziplinen, wie Innere Medizin, Orthopädie und Chirurgie umfassen.

Land und Bund werden den fast sieben Millionen Euro teuren Bau mit 5,3 Millionen Euro fördern. Das Haus soll den in die Jahre gekommenen Flachbau der alten Kinderklinik ersetzen.

Gleichzeitig soll es das Klinikum zukunftsfest machen. Die Zahl der Betten des gesamten Krankenhauses soll von 218 auf 180 sinken, allein in der neuen Kinderstation von 24 auf 16 – ein Zugeständnis an den erwarteten Bevölkerungsrückgang in der Altmark und neue, ambulante Behandlungsmöglichkeiten.

Landrat Michael Ziche (CDU) betont beim Termin die Bedeutung des Standorts: Die Kinderklinik verfüge über ein großes Einzugsgebiet, sagt Ziche damals. Tatsächlich versorgt die Kinderklinik mit der 22.000-Einwohner-Stadt Gardelegen die flächenmäßig drittgrößte Gemeinde Deutschlands auf einer Fläche mehr als doppelt so groß wie München. Patienten kommen auch aus Nachbarstädten wie Haldensleben, Oebisfelde, Klötze und Kalbe.

Fast zwei Jahre später steht der Rohbau. Von den Ankündigungen indes ist wenig geblieben. Stattdessen bestimmen seit dem Frühling Schlagzeilen von Schließungsplänen die Medien.

Auslöser ist eine Mitarbeiter­information des Trägers vom Mai. Die stationäre Versorgung könnte demnach künftig in Salzwedel konzentriert werden. Statt von der geplanten, neuen Kinderstation im so auch geförderten Neubau spricht der Betreiber nur noch von einer Stärkung der ambulanten Versorgung in Gardelegen, etwa mit erweiterten Sprechzeiten.

Eine Entscheidung des Aufsichsrats stehe aber aus, betont der Träger. Und: „Der breite Diskurs ist uns sehr wichtig".

In Gardelegen sorgt der Kurswechsel für Empörung: „Schließungspläne passen mit dem geförderten Neubau überhaupt nicht zusammen", sagt SPD-Bürgermeisterin Mandy Schumacher nach Bekanntwerden der Pläne. Sie betont: „Der Träger ist kein privater, sondern eine Gesellschaft des Landes."

Tatsächlich ist das Gardelegener Krankenhaus ein Sonderfall: Es ist in öffentlicher Hand, mehrheitlich gar in Landesbesitz. Betreiber des Altmark-Klinikums mit den Häusern Gardelegen und Salzwedel ist mit der Salus Altmark Holding gGmbH ein Konstrukt, an dem das Land 81,8 Prozent hält, der Altmarkkreis Salzwedel 18,2 Prozent.

Damit entscheidet das Land im Aufsichtsrat direkt über den Kurs des Klinikums mit, also auch über ein mögliches Aus für die stationäre Kinder-Versorgung in Gardelegen.

Im Gremium sitzen etwa die Staatssekretärin im Sozialministerium Beate Bröcker (SPD), zwei weitere führende Mitarbeiter des Ministeriums und eine Referatsleiterin des CDU-geführten Finanzministeriums, zudem Landrat Michael Ziche (CDU). Erst im September wird der Aufsichtsrat laut Salus Holding wieder zusammentreten und über die Zukunft der Kinderklinik beraten.

Alles noch offen also?

Nach einem Gespräch zwischen Vertretern von Stadt, Klinikförderverein, Träger und dem Sozialministerium Anfang Juli sieht es zunächst tatsächlich danach aus. Ministerin Grimm-Benne sagt damals: Die Entscheidung über die Zukunft der Kinderklinik hänge nicht von Investitionsmitteln ab, „sondern davon, ob wir die entsprechenden Fachkräfte bekommen."

Gemeint ist vor allem die vom Träger angeführte vergebliche Suche nach einem Kinderarzt.

Grimm-Bennes Staatsekretärin Beate Bröcker kündigt nach dem Treffen zudem ein „tragfähiges Zukunftskonzept" an. Sie werde als Aufsichtsratvorsitzende nur einer Lösung zustimmen, die von den regionalen Vertretern im Gremium mitgetragen wird, betont sie.

Dann aber gibt die Salus Holding nur Tage später eine Mitarbeiterinformation heraus. Darin heißt es:

„Um eine bestmögliche (...) Versorgung (...) sicherstellen zu können, werden künftig nicht mehr an beiden Standorten des Altmark-Klinikums alle (...) Fachrichtungen mit stationären Kapazitäten vertreten sein."

Gemeint ist die stationäre Versorgung in der Kindermedizin.

Aus Sicht des Fördervereins ist die Marschrichtung des Trägers spätestens jetzt klar, vom angekündigten breiten Diskurs – keine Spur, sagt Sandra Hietel vom Verein. Die Holding weist das zurück. Sprecherin Franka Petzke begründet die Überlegungen der Holding dafür aber, und zwar vor allem mit drei Faktoren:

Fachkräftemangel

So habe man trotz intensiver Bemühungen in den vergangenen zwei Jahren keinen neuen Chefarzt für die Kinderklinik gefunden. – Die kommissarische Chefärztin wechselt zum Jahresende in den Ruhestand.

Nach Bekanntwerden der Notlage bot der Klinik-Förderverein der Holding Unterstützung bei der Suche nach einem Arzt an, schaltete am 2. Juli gar eine Anzeige mit dem Titel „Retter gesucht."

Allerdings: Trotz des Treffens im Sozialministerium beendete die Holding ganze zwei Wochen nach Veröffentlichung der Anzeige ihre Suche nach einem Arzt allein für Gardelegen. Stattdessen wird seit 18. Juli nur noch ein Ärztlicher Leiter gesucht, der die Standorte Salzwedel und Gardelegen übergreifend führen soll. Wörtlich heißt es im Stellenprofil:

„Als zukünftiger Ärztlicher Leiter für zwei pädiatrische Standorte werden Sie den Umstrukturierungsprozess zum ambulanten pädiatrischen Zentrum in Gardelegen (...) aktiv mitgestalten..."

Warum dieser Schritt zum jetzigen Zeitpunkt? Auch die Unterstützung durch den Förderverein habe nach zwei Wochen zu keinem Ergebnis geführt, sagt Petzke. Mit dem neuen Profil wolle man nun eine Zielgruppe mit besonderem Interesse an neuen Versorgungsmodellen im ländlichen Raum ansprechen.

Als Vorwegnahme einer Entscheidung sei auch das aber nicht zu verstehen. „Sofern dies zu Irritationen (...) geführt hat, bedauern wir es." Einen vorhandenen Bewerber hat die Holding nicht eingestellt – Gründe nenne man aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht, sagt Petzke. Laut Klinikförderverein hätte der Bewerber kommen wollen. Drei Assistenzärzte in Weiterbildung würden ebenfalls gern bleiben.

Sinkende Fallzahlen

Die Holding verweist zweitens auch auf rückläufige Fallzahlen. So sei die Zahl der stationären Behandungen der Kinderklinik seit 2017 von 811 über 803 (2018) auf 786 (2019) gesunken. Eine Aufstellung des Fördervereins, die auch chirurgische Belegungen einbezieht, widerspricht dem allerdings: Dort ist zwischen 2010 und 2019 keine Abnahme  zu beobachten.

Im Gegenteil: Nachdem der private Klinikbetreiber Ameos im benachbarten Haldensleben 2015 unter viel Protest die dortige Kinderklinik geschlossen hatte, nahm die Zahl der Behandlungsfälle in Gardelegen zu – bis auf das Jahr 2019. Seit 1997 liegt der Durchschnitt der Fälle der Austellung zufolge bei 816 pro Jahr.

Fehlende Wirtschaftlichkeit

Drittens führt die Holding fehlende Wirtschaftlichkeit an. Grund: Das Fallpauschalensystem bei der Behandlungsvergütung erlaube keine auskömmliche Finanzierung der Kinder- und Jugendmedizin.

So habe das Altmark-Klinikum schon 2018 ein Minus von knapp 1,7 Millionen Euro eingefahren, 2019 bereits ein Defizit von 2,97 Millionen Euro.

Welchen Anteil aber hat die Gardelegener Kinderklinik? Zahlen will die Holding trotz mehrfacher Anfrage nicht herausgeben.

Die Veröffentlichung würde Ursachenzusammenhänge verkürzen, sagt Sprecherin Petzke. Sie stünde zudem der Wertschätzung für die Arbeit der Mitarbeiter entgegen.

Die Anfrage zu einem Ortstermin lehnt die Holding ab. „Wir verstehen den Prozess der Konzeptentwicklung zunächst als Aufgabe der internen Kommunikation sowie des Austauschs mit den beteiligten Akteuren in der Region", sagt die Sprecherin.

Förderverein und Stadt überzeugt all das nicht. Für Sandra Hietel gehört eine Pädiatrie, ähnlich, wie Innere Medizin, Chirurgie und Frauenheilkunde zu einem Krankenhaus der Grundversorgung im ländlichen Raum zwingend dazu.

„Das Verhalten des öffentlichen Trägers ist ein Skandal", sagt sie. „Es werden falsche Tatsachen vorgetäuscht, etwa indem man behauptet, es fehle an Ärzten, gleichzeitig aber unabgestimmt die Stellenausschreibung für einen neuen Chefarzt beendet und damit die Bemühungen des Fördervereins konterkariert."

Stadt und Region hat die Angst um den Verlust der Kinderklinik inzwischen mobilisiert. Bei einer Unterschriftenaktion des Fördervereins kamen binnen Tagen mehr als 14.000 Unterschriften zusammen.

Die Stadt Gardelegen hat eine Resolution zum Erhalt der Kinderklinik beschlossen, die Nachbarstädte Haldensleben, Oebisfelde, Kalbe und Klötze haben sich angeschlossen. Auch der Kreistag des Altmarkreises hat sich positioniert.

Wird das reichen? Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher hofft es. Ihr Blick richtet sich aktuell auch nach Mecklenburg-Vorpommern. In der ähnlich großen Kleinstadt Parchim machte der private Klinikbetreiber Asklepios 2018 die dortige Pädiatrie dicht.

Asklepios begründete die Schließung mit Ärztemangel, wirtschaftliche Faktoren spielten demnach keine Rolle. Recherchen der ARD belegten nun, dass der Betreiber wohl die Unwahrheit sagte. Bekannt wurde der Fall eines Mädchens, das laut ARD-Bericht wegen fehlender Behandlungsmöglichkeit vor Ort fast an einer Hirnhautentzündung verstorben wäre.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) kritisierte Asklepios danach scharf: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Politik bestimmt, welche Gesundheitsversorgung vor Ort stattfindet und nicht Konzerne."

Auch wegen des Falls Parchim wollen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt nun gemeinsam eine Initiative in den Bundesrat einbringen. Ziel ist die Verbesserung der Finanzierung der Kindermedizin in Deutschland – außerhalb des unzureichenden Fallpauschalensystems, teilte die SPD-Landtagsfraktion gestern mit.

In einem vom SPD-Bundespräsidium beschlossenen Maßnahmepaket forderten Parteichefin Saskia Esken und Präsidiumsmitglied Katja Pähle erst gestern zudem eine höhere Sockelfinanzierung sowie Anreize für die Kinderarztausbildung.

Sind die Schritte auch eine Botschaft in Richtung des Aufsichtsrats der Salus Holding? Pähle, zugleich SPD-Fraktionschefin im Landtag, sagt: „Zur Krankenhausgrundversorgung in der Region gehört die Kinder- und Jugendmedizin dazu, einschließlich stationärer Behandlungsmöglichkeiten. Das wollen wir auch für den Krankenhausstandort Gardelegen sichern."

SPD-Bürgermeisterin Mandy Schumacher wird da deutlicher: „Man kann nicht in Sonntagsreden von gleichwertigen Lebensverhältnissen sprechen und dann mit einem Träger, der sich quasi in Landeshand befindet, eine Kinderklinik dichtmachen."