Magdeburg l Mehr als ein Drittel der Lehrlinge muss regelmäßig Überstunden leisten. Fast genauso viele (35,4 Prozent) haben keinen Ausbildungsplan. Und auch das Kaffeeholen und Autowaschen – also ausbildungsfremde Tätigkeiten – gehören bei jedem zehnten Lehrling zum Alltag. Außerdem sei die Abstimmung zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb oft schlecht.

Das sind einige Eckpunkte der deutschlandweiten Erhebung, die die DGB-Jugend zum zwölften Mal durchgeführt hat. Hagen Maurer, Präsident der Handwerkskammer Magdeburg, sieht einen weiteren Kritikpunkt: „Unsere Berufsschulanalyse hat gezeigt, dass die Rahmenbedingungen für eine Ausbildung in Sachsen-Anhalt nicht optimal sind.“ Wenn der Weg zur Berufsschule sehr lang oder das Internat teuer sei, mache das den Auszubildenden nicht zufriedener.

Allerdings sei die Tatsache, dass gut 70 Prozent der Lehrlinge nichts an ihrer Ausbildung zu kritisieren haben, erfreulich. Der akute Fachkräftemangel sei ein Grund dafür, dass bei den Handwerksbetrieben Sachsen-Anhalts die Bereitschaft steige, sich intensiv mit der Ausbildungsqualität zu befassen. Auch der DGB-Report blickt speziell auf die Berufsschulen. „Nur die Hälfte der Auszubildenden fühlt sich gut auf die theoretische Prüfung vorbereitet“, sagt Bundesjugendsekretärin Manuela Conte. Zwar sei die fachliche Qualität von 58 Prozent der Befragten mit „gut“ oder „sehr gut“ bewertet worden, „aber die Abstimmung zwischen Betrieb und Berufsschule lässt häufig zu wünschen übrig“.

Angehende Frisöre sehr unzufrieden

Am zufriedensten – so die Erhebung – sind Mechatroniker, Industriekaufleute und Industriemechaniker. Sehr unzufrieden sind hingegen werdende Frisöre und Azubis in einigen Bereichen des Hotel- und Gaststättenwesens sowie Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk. Ein wichtiger Grund dafür, dass in diesen Ausbildungsberufen viele Plätze unbesetzt bleiben und es dort die meisten „Abbrecher“ gibt.

Auch im Bereich der Handwerkskammer Magdeburg werden händeringend Lehrlinge für das Fleischer-, Bäcker- und Metallbauer-Fach gesucht.

„Schichtarbeit ist sowieso nicht so mein Ding“, räumt eine künftige Lebensmittelverkäuferin aus Magdeburg ein, „aber total nervt mich, dass die Schichten in der Woche auch noch wechseln. Montag spät, Dienstag früh und dann vielleicht noch am Mittwoch rein in die Nachtschicht.“

Dieses Schicht(miss)management ist beileibe kein Einzelfall, sondern ein Problem, das als wichtiger Unzufriedenheitsfaktor im Report aufgelistet ist. Gesetzliche Ruhezeiten (elf Stunden) würden oft nicht eigehalten.

Berufsschulen zu weit entfernt

Sebastian Patze von der Industrie- und Handelskammer Magdeburg verweist auf eine eigene Erhebung: „Unsere Befragung im Kammerbezirk hat ergeben, dass neun von zehn der befragten Auszubildenden ihr Ausbildungsunternehmen weiterempfehlen würden.“ Allerdings kennt man auch dort die Kritikpunkte. So ist es kein Geheimnis, dass es im Gastronomiebereich und beim Handel die größte Unzufriedenheit gibt. Auch die zum Teil vom Ausbildungsbetrieb weit entfernten Berufsschulen werden von Lehrlingen oft bemängelt, so ein IHK-Mitarbeiter. „Und wenn die Auszubildenden dann noch ein Viertel ihres Lehrlings-entgelts für das Internat hinblättern müssen, ist die Freude natürlich groß“, so die ironische Einschätzung des Fachmanns.

„Dass innerhalb einzelner Branchen die Entlohnung von Ausbildungsbetrieb zu Ausbildungsbetrieb weit auseinanderdriften, sei ein weiterer Grund dafür, dass Lehrlinge unzufrieden sind. Manche Firmen hätten „den Schuss noch nicht gehört“.

Fleischer und Bäcker gesucht

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt schätzt Vize-DGB-Vorsitzende Elke Harnack dahingehend ein, dass „die Lage nach wie vor angespannt“ sei. „28.000 junge Menschen haben 2017 keinen Ausbildungsplatz gefunden.“ Insbesondere Hauptschulabsolventen hätten es auf dem Ausbildungsmarkt schwer. „Die Arbeitgeber müssen endlich ihre Bestenauslese beenden“, sagt sie.

Die „Top 3“ der gefragtesten Ausbildungsberufe im Bereich der Handwerkskammer Magdeburg sind: Kraftfahrzeugmechatroniker, Elektroniker und Metallbauer. Besonderen Bedarf an Auszubildenden gibt es bei: Fleischer, Bäcker und Gebäudereiniger.

Zum Kommentar "Berufsbildung für Lehrlinge reformieren"