Zur Person

Giselher Quast (69) wurde 1951 in Dresden geboren. Schon in der Kindheit zog seine Familie nach Magdeburg. Als überzeugter Pazifist verweigerte er später den Wehrdienst. Nachdem ihm eine Zulassung zum Theologiestudium verwehrt worden war, legte er eine Sonderreifeprüfung am kirchlichen Proseminar in Naumburg ab. Am kirchlichen Oberseminar der Stadt konnte er so auf Umwegen doch Theologie studieren. Von 1975 bis 1977 war Quast zunächst Vikar in Magdeburg, ab 1979 bis 2016 dann Domprediger im Magdeburger Dom. Wegen seines Engagements in der Jugendarbeit wurde Quast zu DDR-Zeiten von der Stasi bespitzelt. Er gilt als Initiator der Montagsdemos in Magdeburg 1989.

2003 leitete Quast am Tag der Deutschen Einheit einen Gottesdienst mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), Bundespräsident Johannes Rau (SPD) und Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU). Quast trat öffentlich immer wieder in Erscheinung. So lud er 2002 Fans und Verantwortliche des damals insolvenzbedrohten 1. FCM zu einem Hoffnungsmarsch in den Dom ein. Quast engagiert sich für den Tierschutz und die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft.

Herr Quast, am 6. November 1989 haben Sie als Domprediger von Magdeburg ein Bürgerforum mit 60000 Menschen moderiert. Wie weit haben wir uns 30 Jahre nach der Wiedervereinigung von der Aufbruchstimmung damals entfernt?
Giselher Quast:
Weiter, als mir lieb ist. 1989 sind wir aufgebrochen zu einer gesellschaftlichen Erneuerung. Angekommen sind wir in einer alten Gesellschaft – der Bundesrepublik, wie sie schon immer gewesen ist und auch nicht anders sein will. Denn wir haben keine Vereinigung erlebt, sondern nur eine größere Bundesrepublik.

Eine verpasste Chance?
Ja. In der Präambel des Grundgesetzes von 1949 steht, dass dieses Gesetz nur für eine Übergangszeit gelten soll, bis sich das gesamte deutsche Volk eine gemeinsame Verfassung gibt. 1990 wäre die beste Gelegenheit gewesen, diese Chance zu verwirklichen, aber sie wurde vertan.

Aus welchem Grund?
Weil westdeutsche Politik und Gesellschaft genauso wie die DDR der Meinung war, den besten aller deutschen Staaten geschaffen zu haben. Als der eine unterging, fühlte sich der andere als Sieger. Warum sollte man da etwas ändern? Ich habe noch die unglaublichen Worte eines alten Herrn aus Wolfsburg im Ohr, der mir kurz nach der Wende sagte: „Junger Mann, seien Sie dankbar! Wir haben Ihnen die Freiheit gebracht.“ Ich dachte, das hätten wir selber getan...

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Drei Prozent Mutige

Eine viel diskutierte Option wäre der sogenannte dritte Weg gewesen – also ein vorläufiger Fortbestand der DDR mit dem eigenständigen Neuaufbau demokratischer Strukturen. Hätte das funktionieren können?
Ich glaube nicht. Selbst in der Wendezeit waren es nur drei Prozent Mutige, die den Staat gestürzt haben. 97 Prozent standen hinter den Gardinen oder verhielten sich opportunistisch. Mit solcher einer Minderheit hätte sich weder ein dritter Weg noch ein neuer Staat bauen lassen, der eine bessere Chance auf eine würdigere Vereinigung gehabt hätte. Die DDR lag wirtschaftlich am Boden. Die Ostdeutschen wollten die D-Mark. Nach dem Fall standen sie an westdeutschen Rathäusern Schlange, um sich ihre 100,- DM Begrüßungsgeld abzuholen, statt weiter auf die Demonstrationen zu gehen. Um die Gesellschaft zu erneuern, hätten wir noch jahrelang den Gürtel enger schnallen müssen. Dazu war kaum jemand bereit.

Das klingt ein wenig resignativ ...
Nein, das ist das materielle Denken von Menschen, zu dem sie schon zu DDR-Zeiten erzogen wurden. Und das materielle Denken der Westdeutschen liegt auf einem noch höheren Niveau. Das schlimmste Wort, das ich nach der Wende gelernt habe, heißt ‚Besitzstandswahrung‘! Nichts darf unseren Besitz schmälern, nicht die Wiedervereinigung, nicht die Flüchtlingsströme, nicht die Corona-Pandemie. Um selbstlos zu sein, Opfer zu bringen, nicht nur an sich selbst zu denken braucht es mehr als nur die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Solche anderen Werte können nur Erziehung, Bildung, Kultur oder Religion vermitteln.

Wer ist da gefragt?
Eltern, Lehrer, Kirchenleute, Politiker können diese Werte nur glaubhaft vermitteln, wenn sie sie selber vorleben.

Tun Politiker das nicht?
Die Politik handelt oft aus der Angst heraus, jede unbequeme Entscheidung könnte zu Machtverlust führen. Deshalb werden Entscheidungen sehr häufig so getroffen, dass man nicht riskiert abgewählt zu werden.

Geben Sie uns ein Beispiel!
Der Satz ‚Wir schaffen das‘ von Kanzlerin Angela Merkel 2015 in der Flüchtlingskrise zum Beispiel – das war ein zutiefst christlicher und humaner Satz, den ich bewundert habe. Seither ist er aber vielfach relativiert worden, weil ihn die Mehrheit nicht mittragen will. Oder: Man investiert in der Coronakrise Milliarden in die deutsche Wirtschaft, die mit zu den größten Klimakillern gehört, um die Vormachtstellung Deutschlands zu retten. Aber die Millionen für das Flüchtlingselend und die Ursachenbekämpfung sind dagegen beschämend gering. Das nenne ich halbherzig.

Erfahrung mit Zuwanderung

Gerade im Osten sind viele eher zuwanderungsskeptisch. Manch einer würde das so sicher nicht unterschreiben ...
Westdeutschland hat durch die Gastarbeiter in den 1960er Jahren eine längere Erfahrung mit Zuwanderung, die uns fehlt. Obwohl die Ressentiments gegen Vietnamesen und Mosambikaner in der DDR ebenfalls hoch waren. Das mag manchen Unterschied erklären. Für mich bleibt aber die Frage, wie man sich angesichts der Katastrophe im Lager Moria von ein paar Tausend Flüchtlingen bedroht sehen kann, ohne schamrot zu werden.

Haben Sie eine konkrete Vermutung?
Inzwischen ist das Wort ‚Besitzstandswahrung‘ auch bei uns angekommen. Viele befürchten materielle Nachteile, wenn anderen Menschen großzügig geholfen wird. Und dann gibt es andere, die sagen: Flüchtlinge haben eine andere kulturelle Identität, die nicht zu uns passt. Dann wird gern das ‚christliche Abendland‘ als Kampfbegriff verwendet, gerade auch von Menschen, die gar nicht christlich sind oder die Radikalität der christlichen Nächstenliebe nicht verstanden haben.

Treibt man Menschen nicht in die Arme der AfD, wenn man ihnen nicht zumindest Gehör schenkt?
Ja, wir müssen den Diskurs mit solchen Argumentierern immer wieder suchen. Aber es ist schwer, mit Menschen zu sprechen, die auf Pegida-Demonstrationen mit Kreuzen herumlaufen und gleichzeitig die Kanzlerin am Galgen zeigen. Das ist das Gegenteil von christlich. Mit Hasspredigern kann man kein sachliches Gespräch führen.

Der Konflikt in der Sache bleibt: Kritiker sagen, wenn man alle Menschen aus einem Lager aufnimmt, wird sich dieses schnell wieder füllen und man steht in kurzer Zeit vor demselben Problem.
Hier wird mit dem größeren Argument das kleinere erschlagen. So etwa wie: ‚Hier spendest du für den Tierschutz, und in Afrika verhungern die Kinder.‘ Und die so kritisieren, tun meistens weder für das eine noch für das andere etwas! Für mich als Christ ist jeder kleine Schritt, der hilft, gut – auch ein paar hundert oder ein paar tausend Flüchtlinge, die aufgenommen werden. Glaubhafte Flüchtlingshilfe braucht jedoch mehrere Säulen: Konkrete Hilfe im Notfall wie jetzt; Hilfe vor Ort, etwa in den Lagern, um die Situation der Menschen zu verbessern. Und es braucht das große politische Handeln, um Fluchtursachen zu bekämpfen: Frieden in Gerechtigkeit, für die wir Opfer bringen müssen.

Nur Lippenbekenntnisse

Die rechte Pegida-Bewegung oder aktuell die Corona-Demos kann man als Symptome einer polarisierten Gesellschaft lesen. Was läuft 30 Jahre nach der Wiedervereinigung schief?
Es ist in der Politik immer wieder viel von Werten die Rede, aber sie bleiben häufig nur Lippenbekenntnisse. Wenn die Politik nicht dafür sorgt, dass die sozial Abgehängten eine Chance kriegen, werden diese immer wieder Hasspredigern in die Arme laufen. Wir leben in einer extrem egoistischen Gesellschaft. Der Blick für Schwache geht zu oft verloren – und er ist häufig nicht von Achtung geprägt. Deutschland hat das stärkste Sozialnetz; es spendet Millionen für Hungernde und gibt Millionen für Entwicklungshilfe aus, und doch ist das noch keine gelebte Solidarität. Denn immer reichen wir nur etwas vom Geberpodest herunter: Wir werden dabei nicht ärmer, und die Notleidenden nicht bessergestellt. Die Ungerechtigkeit bleibt, der Hunger bleibt, die Flüchtlingsströme bleiben. Deutschland muss seine Werte viel mehr leben - politisch, gesellschaftlich, kirchlich, familiär.

Ist ein Grund für die wachsende Polarisierung vielleicht auch die Schwäche der Kirchen? Schließlich haben sie den Menschen über Jahrhunderte den moralischen Kompass vorgegeben.
Die Rolle der Institution Kirche hat an Bedeutung verloren, die des Glaubens meiner Überzeugung nach nicht. Kirche als Institution, die auf alle Rücksicht nehmen muß, die sich Christen nennen kann ohnehin viel weniger leisten als der Einzelne, der immer radikaler entscheiden kann. Gott zielt auf den Einzelnen ab, auf das Gewissen, nicht auf die Masse. Institutionen werden Werte immer relativieren, der Einzelne kann da viel konsequenter sein.

Am Ende der DDR hat die Kirche als Institution aber schon eine große Rolle gespielt...
Das stimmt. Am Ende der DDR haben die Kirchen eine Funktion übernommen, die der Staat verweigert hat. Sie waren Orte der offenen Diskussion, ein Schutzdach, sie waren staatskritisch und sie hatten in ihren Gremien bereits demokratische Strukturen - jedenfalls in der Evangelischen Kirche. Das zog gerade viele junge Leute an. Als die Mauer aber offen und die Freiheit auch hier Wirklichkeit geworden war, war all das nicht mehr nötig. Öko-Gruppen gingen zu den Grünen, Menschenrechtsgruppen zu amnesty international, Friedensinitiativen auf die Straße. Die Kirche hatte zeitweise nur eine Stellvertreterfunktion für Demokratie.

Wenn der Einfluss von Kirche schwindet, was kann der Kompass sein?
Es gibt in allen Religionen und auch im deutschen Volksmund die ‚Goldene Regel‘: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Nur unser eigenes Schmerzempfinden kann uns empfindlich machen für das Leid anderer. Nur das eigene Gewissen kann uns zu Handelnden machen. Dass drei Prozent der Ostdeutschen so viel möglich gemacht haben, sollte für die übrige Gesellschaft Ansporn und Hoffnung sein.