Derenburg l Frank Schmidt steht mit verschrenkten Armen vor dem lodernden Ofen. Fester Stand. Gerader Blick. Die markanten Wangenknochen des 54-Jährigen verleihen diesem archaischen Anblick den letzten Feinschliff. Schmidt wartet auf seine Zuhörer. Er ist Handwerker und Entertainer. Vor allem aber Glasmacher. Alle zwei Monate ist er in der Glashütte in Derenburg im Harz für zwei bis drei Wochen zu Gast und führt sechs bis acht Besuchergruppen täglich sein Handwerk vor.

„So, und daraus formen wir uns jetzt eine Fackel“, sagt er wenige Minuten später, mit Ansteckmikro ausgestattet, und schwingt die rotglühende und 1200 Grad heiße Glasmasse an einem langen Metallrohr durch die Luft. Die kleine Kugel, die Schmidt gerade aus dem Schmelzofen genommen hat und die jetzt an der Glasmacher-Pfeife klebt, ist der Kölbel. Der Ausgangspunkt für alles, was irgendwann einmal aus dem Werkstoff entstehen kann.

Doch um Figuren, Vasen und andere Glasobjekte zu beherrschen, „bedarf es vor allem viel, sehr viel Geduld“, sagt Schmidt und deutet auf einen kleinen Glas-Schwan. Zwölf Monate hat er benötigt, um die Figur perfekt zu beherrschen. Schmidt glaubt, dass fehlende Geduld ein Grund dafür ist, dass nur noch wenige junge Menschen das Traditionshandwerk erlernen wollen. Hinzu kommt: Die Arbeit am heißen Schmelzofen ist körperlich anstrengend und erfordert viel Konzentration.

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Und so gibt es deutschlandweit nur noch rund 150 Glasmacher und zwei bis drei Auszubildende jährlich. „Auch wir sind auf der Suche nach einem Auszubildenden oder einer Auszubildenden, aber es bewirbt sich niemand auf diese Stelle“, sagt Marketing-Leiter Ferdinand Benesch. Neben Schmidt arbeiten in der Glasmanufaktur Harzkristall in Derenburg zwei weitere Glasmacher und drei Glasbläser. Sie formen ihr Glas am offenen Feuer, oft mit einem Brenner, während Glasmacher am Ofen arbeiten und eher größere Objekte herstellen.

Nur zwei bis drei Auszubildende jährlich

Und diese Handwerkskunst lockt vor allem in der Weihnachtszeit die Mehrzahl der 250 000 Besucher jährlich in den kleinen Blankenburger Ortsteil Derenburg. „Das Weihnachtsgeschäft geht bei uns meist im Juni los und nimmt im Oktober richtig Fahrt auf“, sagt Benesch. Zwar wird in Derenburg vor allem Leuchtglas produziert, doch den traditionellen Weihnachtsbaumschmuck aus Lauscha können Besucher hier 360 Tage im Jahr bestaunen und kaufen. Allein in diesem Jahr haben sich am zweiten Weihnachstfeiertag neun Besuchergruppen angemeldet. Rund 350 Busgruppen kommen jährlich.

Und die erwartet in Sachsen-Anhalts einziger Glashütte nicht nur jede Menge Weihnachtsschmuck, sondern vor allem eine gigantische Erlebniswelt, deren Kreativangebot in den vergangenen Jahren ausgebaut wurde. Führungen, die Herstellung von Glashänden, Kugeln und Trinkbechern oder mehrtägige Glasmacher-Kurse: Wer das Traditionshandwerk nicht nur kennenlernen, sondern auch selber ausprobieren will, ist in Derenburg gut aufgehoben. „Man hat mit Glas in der Herstellung wenig zu tun, aber hier zu sehen, wie aus einer Masse Glas etwas entsteht, begeistert die Menschen. Oft haben sie nach einer Führung eine ganz andere Sensibilität für das Material“, sagt Benesch. Neben ihrem Alleinstellungsmerkmal in Sachsen-Anhalt profitiert die Glasmanufaktur vor allem vom Tourismus im Harz und den dazugehörigen Dienstleistern in der Umgebung.

Freiberufler in Deutschlands Glashütten

Ob in Hotels in Schierke oder Restaurants in Goslar: Überall findet man das Leuchtglas aus Derenburg. Auch das Abgeordnetencafé im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages in Berlin beherbergt rund 300 in Derenburg produzierte Glaslampen. Die Umsatzzahlen sind dementsprechend „sehr positiv“, sagt Benesch, ohne konkrete Zahlen nennen zu wollen.

Ein kleiner Ausfallschritt nach vorn, dann ragt Schmidt inmitten der hiesigen Werkhalle, seiner Bühne, die Glasmacher-Pfeife in die Luft und bläst einmal kurz hinein. „Und so formen wir unser Glas“, sagt der gebürtige Sachse. Abwechselnd bearbeitet er die flüssige Masse mit verschiedenen Werkzeugen und steckt sie zwischendurch immer wieder in den Ofen, um sie wieder zu erweichen. Gerade hat er aus der Masse, die noch immer an der Pfeife klebt, einen Teller geformt. „Und jetzt müssen wir den gesamten Teller nochmal kräääääääftig aufheizen, bis wieder alles zappelt und wackelt.“ Die rund 30 Zuhörer schauen gespannt zu, wie der Glasmacher die Masse wieder aus dem Ofen nimmt und durch die Luft wirbelt. „Ahhh, Glas, das sich bewegt, lebt, sagen wir.“ Selbstsicher, zuweilen ironisch: Schmidt weiß, wie er sein Publikum ansprechen muss. Immer wieder verlässt er seine Bühne für einen Augenblick, um mit seiner Glasmacher-Pfeife wenige Zentimeter vor den Zuschauern entlangzuspazieren. „Nicht anfassen, das könnte wehtun.“

Was mit den Händen machen

Schmidt weiß, wovon er spricht. Seit 1983 ist er Glasmacher. „Ich wollte damals etwas mit den Händen machen, etwas eigenes erschöpfen und das am liebsten jeden Tag“, erklärt Schmidt seine Berufswahl. „Und hier interagiere ich mit den Besuchern, das ist doch toll.“ Wenn er den Vorharz wieder verlässt, zieht er weiter in die Glasbläserstadt Lauscha, nach Bayern oder wo auch immer sonst seine Dienste benötigt werden. Der 54-Jährige hat das Traditionshandwerk als moderner Freiberufler für sich neu interpretiert. Die Glashütte, das ist seine Bühne. Wenn Schmidt nicht in Derenburg ist, übernehmen die festangestellten Glasmacher die kleine Showeinlage für die Besuchergruppen, produzieren dabei aber immer feste Auftragsarbeit. Authentisch soll es sein - und vor allem individuell.

Ab 1960 wurde das Glasmacher-Handwerk, das mittlerweile seit rund 4000 Jahren existiert, immer mehr mechanisiert. Blasmaschinen sorgten für effizente Produktionsabläufe. Massenware statt Unikate. Dementsprechend pflegen die Glashütten ihr Handwerk und ihre Individualität. Nur so konnten Glasmacher die Traditon bis heute wahren. Seit 2015 ist die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas in Deutschland als immaterielles Kulturerbe anerkannt.

„Zu guter Letzt müssen wir alles schön ausbalancieren“, sagt Schmidt, während die glühende Glasfackel am Metallrohr von links nach rechts geschwenkt wird. „Jaaa, hin und wieder haben wir auch mal eine Krumme dabei, aber das sind eben Einzelstücke.“ Schmidt fängt an zu lächeln und schaut ins Publikum, seine Stimmlage wird leicht arrogant. Ganz langsam, dafür umso lauter sagt er: „Aber was soll ich sagen, die hier ist wieder perfekt geworden.“ Das Publikum lacht.