Magdeburg l Mit ihrem Lebensglück sind die Menschen in Sachsen-Anhalt neuerdings recht zufrieden. Das ergaben gleich zwei Umfragen in diesem Jahr. Für den Magdeburger Soziologen Prof. Jan Delhey kommt das wenig überraschend.

Volksstimme: Prof. Delhey, die Allensbach-Studie „Glücksatlas“ vergleicht jährlich deutsche Regionen. 2018 landete Sachsen-Anhalt fast am Ende auf Platz 18, ein Jahr später Platz 17 und nun auf Platz 6 als glücklichste Ostdeutsche. Das GMS-Institut fand im September heraus, dass 85 Prozent der Sachsen-Anhalter „sehr gern“ oder „gern“ im Land leben. Was ist passiert?
Jan Delhey: Grundsätzlich ist die Lücke in der Lebenszufriedenheit zwischen Ost und West über die Jahre immer kleiner geworden. Man hat damit gerechnet, dass sie bald ganz verschwindet. Das scheint in den letzten ein, zwei Jahren der Fall zu sein. Denn auch die Unterschiede zwischen den Regionen werden immer geringer.

Die Arbeitslosigkeit im Osten ging zurück, der Verdienst wurde besser. Liegt es daran?
Richtig ist, dass es in den Jahren eine kontinuierliche Verbesserung der Lebensbedingungen gegeben hat. Man muss sich ja zum Beispiel nur das Stadtbild von Magdeburg anschauen. Und was man nicht vergessen darf: Zwar sind die Einkommen noch etwas niedriger, aber die Lebenshaltungskosten sind auch deutlich geringer. Gerade was das Wohnen betrifft, sind die Kosten in vielen westdeutschen Regionen geradezu explodiert. Die Quadratmeterzahlen, die Menschen hier zum Wohnen zur Verfügung haben, sind im Vergleich zum Westen relativ großzügig. Und das Gefühl, Platz zu haben, trägt ungemein zum Wohlbefinden bei.

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In Sachsen-Anhalt gibt es proportional viele ältere Menschen. Sind die nicht einfach nur glücklich, weil sie die Umbruchphase der vergangenen 30 Jahre hinter sich haben und endlich Rentner sind?
Ja, das würde ich gar nicht von der Hand weisen. Generell sprechen wir in der Lebenszufriedenheitsforschung im Bezug auf das Alter der Menschen von einer U-Kurve des Glücks. Die ist bei jungen Menschen hoch, weil sie noch wenig Zwängen unterworfen sind. Alles ist möglich im Leben. In der Mitte des Lebens sinkt die Lebenszufriedenheit dann, weil man sich auf einmal um Dinge kümmern muss wie die ökonomische Sicherheit der Familie, Hausbau und vieles mehr. Im Alter nimmt das gefühlte Glück dann wieder zu. Und sicher ist es so, dass Ostdeutsche, die jetzt das Rentenalter erreichen, dies noch mehr mit einem Gefühl von Sicherheit verbinden.

Es verwundert, dass die Sachsen-Anhalter ausgerechnet im Corona-Jahr so glücklich sind. Zwar hat auch die „Glücksatlas“-Studie coronabedingte Negativausschläge festgestellt – zum Beispiel bei Frauen wegen der Haushaltsmehrbelastung. Aber richtig tiefe Einschnitte gibt es nicht. Warum nicht?
Aus der Forschung wissen wir: Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit ist eine relativ stabile Geschichte. Die schwankt vor allem mit drastischen persönlichen Lebensveränderungen. Aber selbst negative Ereignisse werden überwunden. Wir passen uns an. Corona ist nun weniger eine persönliche, sondern vielmehr eine kollektive Erfahrung. Das Gesundheitssystem ist noch nicht überlastet. Wirtschaftliche Auswirkungen werden ganz gut abgefangen und treffen auch nicht alle. Das alles hat uns geschützt und dazu beigetragen, dass die Corona-Krise nicht dramatisch negativ durchschlägt auf die persönliche Lebenszufriedenheit. Für die meisten war Corona bisher nur eine leichte Einschränkung. Anders wäre es, wenn das nun drei Jahre so weitergehen würde.

Wächst das Wohlbefinden in der Krise, wenn man das Gefühl hat, sie zu bewältigen?
Also, wenn‘s einem schon gut geht, braucht man nicht noch eine Krise, damit‘s einem besser geht. Sicher gibt es Personen, die gestärkt aus einer Krise hervorgehen. Aber mir scheint es, dieses Bewältigungs-Narrativ ist mehr ein Tröster, um die Leute bei der Stange zu halten. Krisen brauchen wir nicht wirklich.

Viele Menschen befinden sich aktuell zu Hause in einer Isolation, die auf Dauer ihr Gemüt belastet. Können Sie als Glücksexperte Empfehlungen geben, wie man unter diesen Umständen die gute Laune nicht verliert?
Mein Fachgebiet ist eher die Makro-Soziologie, bei der zum Beispiel große Länder verglichen werden. Aber ein Psychologe würde wohl empfehlen, möglichst viel rauszugehen, Spaziergänge zu unternehmen. Selbst in der kalten Jahreszeit: Lieber dick einpacken und draußen sein, als nur in den eigenen vier Wänden zu hocken. Wir haben über soziale Medien heute viel mehr Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten. Das sollte unbedingt auch von älteren Menschen genutzt werden. Für mich ist der Gebrauch dieser Medien ein wichtiger Grund dafür, warum viele recht gut durch die Corona-Krise kommen.

Also sind die viel gescholtenen sozialen Medien wie WhatsApp oder Facebook doch Glücksbringer?
Zumindest sieht man in solcher Krisenzeit wie jetzt mal ihren positiven Nutzen. Wir sprechen in der Forschung von der wichtigen Bedeutung des Sozialkapitals. Wer viel Sozialkapital hat, also sich auch mit Bekannten außerhalb der Familie im Austausch befindet, lebt zufriedener. Und wenn diese Kontakte auch über soziale Medien erhalten bleiben – zum Beispiel über den Austausch von Bildern – ist das gut. Wenn man sich vorstellt, das gäbe es gar nicht, und wir würden alle bis auf wenige Telefonate ohne Kontakte in der Wohnung sitzen, da wäre man schon stärker versauert.

Das Weihnachtsfest liegt hinter uns. Zwar war das Einkaufen etwas eingeschränkt, aber Geschenke machen doch sicherlich glücklich, oder?
Am meisten ist dem Wohlbefinden förderlich, andere zu beschenken. Klar freut sich jeder, wenn er selber beschenkt wird, vor allem, wenn es etwas Überraschendes ist oder ein großer Wunsch erfüllt wird. Nur das Problem an neuen schönen Dingen ist, dass wir uns so schnell an sie gewöhnen. Der Mensch ist halt so gebaut, dass er von etwas Neuem in drei Monaten nicht mehr genauso begeistert ist wie am ersten Tag. Aber was die Forschung in jedem Fall herausgefunden hat, ist: Schenken oder auch Spenden macht glücklich. Danach fühlt man sich besser.