Sorge l Heiko Runge und Uwe Fleischhauer sind Freunde, seit sie in die Lenin-Oberschule Halle-Neustadt eingeschult wurden. Zuerst gute Schüler, lassen ihre Leistungen ab der 4. Klasse stetig nach. Es gibt Zoff zu Hause. Doch die Zensuren werden nicht besser. An gute Schulabschlüsse und an eine erfolgreiche Ausbildung ist in der 10. Klasse kaum noch zu denken. Die 15-Jährigen entschließen sich, „abzuhauen“ – nicht nur die Elternhäuser zu verlassen, sondern gleich die DDR. Am 7. Dezember 1979 schmieden die Jungs einen konkreten Fluchtplan.

Einen Tag später fahren sie mit einem Taxi zum Hauptbahnhof Halle und steigen in den Zug Richtung Harz. Fleischhauer kennt sich dort ein wenig aus und kennt den Grenzverlauf mehr recht als schlecht.

Die Ausweiskontrolle der Transportpolizei kurz vor Nordhausen ist unproblematisch. Die Trapo akzeptiert, dass die beiden Verwandte in Nordhausen besuchen wollen.

Um 11.41 Uhr fahren sie mit der Harzquerbahn weiter nach Benneckenstein. Gut eine Stunde später laufen sie entlang der Schienen. Sie richten sich nach einem Kompass.

Nachdem sie ein Schild mit dem Hinweis „Sperrzone“ links liegen gelassen haben, gehen sie im Nieselregen bis zum Signalzaun. Immer in Angst vor Minen und den Grenzposten. Sie überwinden die Sperre, bemerken aber nicht, dass sie damit Alarm auslösen.

51 Schuss Dauerfeuer

Als sich Uwe und Heiko unweit der Buchenwaldschlucht bewegen, lauert schon einer von sechs alarmierten Doppelposten auf sie. Die Grenzer fordern die Jungs auf, stehenzubleiben und die Hände hochzunehmen. Doch sie laufen gebückt weiter Richtung Grenzzaun. Ein Posten gibt einen Warnschuss ab. Keine Reaktion. Nun schießen die beiden Grenzer gezielt – insgesamt 51 Schuss Dauerfeuer. Fleischhauer wirft sich auf den Boden, Runge wird in den Rücken getroffen. Er stirbt. Als ein Hauptmann der Grenztruppen den Tod feststellt, wirft der 23 Jahre alte Grenzer seine Kalaschnikow weg und sagt unter Tränen wieder und wieder: „Warum sind sie denn nicht stehengeblieben ...“

Das Institut für gerichtliche Medizin in Magdeburg attestiert am 9. Dezember: „Brustkorbdurchschuss mit ausgedehnten Lungenverletzungen.“ An jenem Tag weiß Heikos Mutter noch nicht, dass ihr Sohn erschossen wurde. Am 10. Dezember meldet sie Heiko als vermisst. Zwei Tage später klingeln eine Staatsanwältin und drei Stasi-Leute an ihrer Tür. Sie muss die Leiche identifizieren. Das MfS durchsucht ihre Wohnung und verwanzt sie. Heiko war unter größter Geheimhaltung nach Halle überführt worden. Sterbeort: Halle.

Ihr Sohn sei „bei einer Straftat erschossen“ worden, lautet die offizielle Version. Man lässt die Mutter in dem Glauben, dass sich die Tragödie an einer der vielen Russenkasernen rund um Halle zugetragen hat. Eine Todesanzeige darf nicht erscheinen. Ein „Maßnahmeplan Runge“ wird erarbeitet. Wer Beziehungen zum „Landesverräter“ hat, wird in eine Liste aufgenommen. Der Kreis der Trauergäste wird von der Stasi klein gehalten. Dass Heiko bei einem Fluchtversuch erschossen wurde, erfährt sie erst im Juni 1993 durch die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität. Uwe Fleischhauer wird zu einem Jahr Haft verurteilt und nach acht Monaten entlassen.

Am 29. Mai 1996 verurteilt das Landgericht Magdeburg den Postenführer Jürgen A. zu 14 Monaten Haft, zur Bewährung ausgesetzt. Der zweite Schütze Claus M. wird mit einem Jahr Haft, ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt, bestraft.

ZDF-Dokumentation

Der Autor Thomas Gaevert aus Hasselfelde im Harz dokumentiert den Fall 2015 fürs ZDF unter dem Titel „Tödliche Grenze – Der Schütze und sein Opfer“. Dabei kommen auch Betroffene zu Wort. Inge Runge, Heikos Mutter sagt: „Ich fragte, wie ist das passiert? Und da haben sie nur gesagt: Ihr Junge ist in die Nähe einer militärischen Anlage gekommen und hat einen Unfall erlitten. Das war alles. Ich sagte: Wie ist das möglich? Wenn Sie mehr wissen, sagen Sie es doch. Mehr kann ich nicht sagen und außerdem, hören Sie auf zu heulen. Sie haben vielleicht einen Vaterlandsverräter geboren.“

Uwe Fleischhauer: „Klar habe ich Schuldgefühle gehabt. Habe ich heute noch. Ohne mich wäre er (Heiko Runge) nie auf die Idee gekommen. Vielleicht hätte er anderen Mist gebaut, aber nicht mit der Konsequenz. Man vergisst es nicht. Man versucht es zu vergessen, aber man vergisst es nicht.“

Harald Quart, ehemaliger Grenzsoldat: „Dass sie 19-jährige Bengels einziehen, ihnen eine Knarre in die Hand drücken, das war das größte Verbrechen. Wir haben doch mit 19 Jahren noch keine Lebenserfahrung gehabt. Wir haben teilweise nicht gewusst, was wir machen.“

Eberhardt Otto, Ex-Grenzsoldat: „Das ganze System wurde aufgebaut, um die Leute hier zu behalten und nicht, damit die vom Westen nicht hierher kommen. Das war totaler Irrsinn.“