Ohrsleben l Gerade habe ich den Ort Harbke erreicht, zielstrebig wandere ich in Richtung Lappwaldsee. Da wird mir bewusst, dass ich auf der falschen Seite stehe. Verdammt. Meine digitale Karte hat mir das natürlich nicht verraten. Eine nette Frau weist mich auf einen kleinen Weg hin, „da sehen Sie ein bisschen was“. Okay, besser als nichts. Am Ende eines einsamen Feldweges erkenne ich durch einzelne Baumwipfel den See. Erst jetzt wird mir bewusst, warum alle Harbker sagen, das sei schon ein besonderer Ort. Sowohl für Helmstedter im Westen als auch Harbker im Osten.

Rohstoffe werden gemeinsam genutzt

Hier verlief die innerdeutsche Grenze, heute eine im wahrsten Sinne des Wortes fließende zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Fließend, das war sie im symbolischen Sinne aber eben auch schon damals. Hier befanden sich die Grenzkohle-Tagebaue Helmstedt und Wulfersdorf. Von 1976 bis 1986 wurde gemeinsam Braunkohle gefördert, der Tagebau Wulferdorf wieder geöffnet. Die DDR-Grenztruppen hatten keinen Zutritt, „da gab es nur Wachleute mit Hunden“, erzählt Harbkes Bürgermeister Werner Müller. Rohstoffe gemeinsam nutzen. Das war das erste Mal zu DDR- und BRD-Zeiten, dass das ermöglicht wurde. Das ostdeutsche Braunkohlekombinat hatte ein Abbaugebiet auf westdeutscher Seite, die Kohle-Bergwerke aus Braunschweig eins im Osten. „Das war schon einmalig“, sagt auch Müller.

Und 30 Jahre später schließt sich der Kreis. „Jetzt ziehen wir wieder an einem Strang und richten das Gebiet her“, sagt Müller. Die Gemeinde Harbke und die Stadt Helmstedt wollen hier einen Tourismus-Magneten aufbauen. Wassersport, Bootsanlegeplätze und Badestrände sollen entstehen. Davon haben beide Seiten etwas. So wie damals. Als ich zurück in den Ort wandere, steht Hubert Koster gerade an seinem Gartenzaun und pflegt mit der Harke sein grünes Reich. Wir kommen ins Gespräch, wenige Minuten später bittet mich der ehemalige Gärtner mit den schmalen Augen und der weichen Stimme herein und zeigt mir seinen Garten, der von Magnolien und Palmen umrahmt ist. Ich würde diesem liebevoll geschaffenen Reich gern noch mehr Aufmerksamkeit widmen, aber dafür bleibt keine Zeit. Ich habe ja da noch eine Frage. Ost und West - ist das bei der jungen Generation überhaupt noch ein Thema? „Mein Eindruck ist, dass die 20- bis 30-Jährigen dieses Ost-West-Denken fast abgelegt haben“, sagt er. Auch Hans-Dieter Domagalla, gebürtiger Oebisfelder und 20 Jahre Lokführer in der DDR, sagt: „Die jungen Menschen, die sehen das nicht mehr so.“ 30 Jahre später, „da darf es doch mal so langsam in den Köpfen angekommen sein, dass wir ein Deutschland sind.“

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Nach fünf Jahren zum ersten Mal "drüben"

Fünf Jahre nach der Grenzöffnung war er mit seinem Enkel das erste Mal „drüben“. „Der meinte zu mir: Opa, die Menschen sehen hier genauso aus.“

Ein Tenor, der heute überwiegt. Während ich durch kleine Orte wie Offleben und Hohnsleben wandere, mache ich mir Gedanken zu meiner Generation. Viele Menschen hier in der Börde glauben, dass die „jungen Menschen“ nicht mehr in diesen Schubladen denken. Und doch bin ich durch Orte marschiert, in denen Mopeds bei Jugendlichen als Ost-Kult angesehen werden, wo der „Ossi“ als stolze Bezeichnung dient und Teil der eigenen Identität ist.

Eine neue Generation

Ist das verwerflich? Im Gegenteil, denke ich mir. Ich bin vielen älteren Menschen begegnet, die sich abgehängt, betrogen fühlen. Und ich bin Menschen begegnet, die meine Frage zwar mit Gleichgültigkeit quittiert, im gleichen Moment aber eben auch deutlich gemacht haben, dass da drüben eben da drüben ist. Und, dass das immer so bleiben wird. Jetzt formt sich eine Generation, die wieder zwei Meinungen hat. Entweder existiert das Ost- und West-Denken schlichtweg nicht mehr. Oder der „Osten“ wird als Heimat stolz nach außen getragen. Ich kann mit beiden Optionen sehr gut leben.

Als ich mit diesen klaren Gedanken zufrieden durch Hötensleben wandere, begegne ich Fred Pritzlepper. Ein bekanntes Gesicht in der Region. Mehr als 400 Kfz-Schilder schmücken seine Garage, „das Hobby habe ich zur Wendezeit angefangen. Da haben mir Leute aus dem Westen immer mal eins mitgebracht“, erzählt der 77-Jährige. Perfekte Überleitung, denke ich. Ist denn schon zusammengewachsen, was zusammengehört? „Es dauert noch 20 Jahre, bis das Ost- und Westdenken nicht mehr da ist“, sagt der 77-Jährige. Das wäre ja auch zu schön gewesen. Wie die Harzer diese Fragen beantworten, werde ich morgen herausfinden.

Alle Eindrücke während der Grenzwanderung teilt unsere Autorin auch auf unserem Blog mit.