Hannover l Januar 2009. Es ist einer dieser Abende, an dem er wieder gekokst und sie sich erneut gefragt hat, wie das Ende dieser Beziehung wohl aussehen wird. Marion S.* hat eine Vorahnung. Doch das mit dem Ehrlichsein, dem Eingeständnis vor sich selbst, ist in stillen Momenten einfach. In der komplizierten Zweisamkeit aber hat ihr Mitgefühl für Andreas N. längst den Selbstschutz unterdrückt. Das schwere Los der Empathie. Es wird nach diesem Abend weiter an Gewicht gewinnen.

Als S.* in der Nacht aufwacht und von der Empore ins Wohnzimmer blickt, sieht sie N. im Wohnzimmer sitzen. Er weint. „Komm, großer schwarzer Vogel, komm jetzt. Das Fenster ist weit offen.“ Das Lied des österreichischen Musikers Ludwig Hirsch, der sich drei Jahre später das Leben nehmen wird, schallt durch die große Maisonette-Wohnung im Südwesten Hannovers. Der passende Rahmen für dunkle Gedanken. „Er war total verzweifelt, tief depressiv, zugekokst, und sagte, dass er nicht mehr zur Arbeit gehen wolle“, erinnert sich S. „Er wiederholte immer wieder, dass er aus dem Fenster springen will.“ Stundenlang sitzt sie neben ihm, spendet Trost – und kann ihn schließlich beruhigen. Die PR-Managerin wartet, bis N. eingeschlafen ist. Sie stürzt aus der Wohnung. Im Auto bricht sie zusammen, weint minutenlang. „In dieser Nacht ist mir zum ersten Mal richtig klargeworden, dass dieser Mann ein viel größeres Problem hat, als mir je bewusst war“, sagt sie heute.

Als Patientin in Hannover kennengelernt

Heute, das ist elf Jahre danach. S. lebt noch immer in Hannover. N. sitzt im Gefängnis und ist weltweit als „Koks-Arzt“ bekannt. Er hat mehreren Frauen beim Sex ohne deren Wissen Kokain verabreicht. Eine 38-jährige Schönebeckerin verstarb an einer Überdosis. Sie fiel am 20. Februar 2018 in der Wohnung des Angeklagten in Halberstadt ins Koma. Die Maschinen wurden sechs Tage später abgestellt. Im Januar 2019 wurde er zu neun Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Fünf Fälle kamen zur Anklage, der von S. gehörte nicht dazu, ihre Aussage kam zu spät. Sie könnte aber noch einmal wichtig werden, wenn N. mit seiner Revision Erfolg hat. Das Urteil wird noch in diesem Jahr erwartet. Strafverteidiger Jens Glaser konnte sich auf Volksstimme-Nachfrage nicht zu dem Fall äußern.

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S. hingegen will genau das tun, was sie vor elf Jahren versäumt hat. Das öffentlich machen, was ihr widerfahren ist. Das Manuskript für ihr Buch ist bereits fertig.

Geschrieben wurde es in einer großen, lichtdurchfluteten Altbau-Wohnung in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Vor der Tür schütteln Kastanienbäume gerade ihre letzten Blätter ab. Frische Schnittblumen zieren den mit Franzbrötchen und Kaffee gedeckten Esstisch. Gemälde an der Wand, Familienbilder auf der Fensterbank, stilvolle Möbel auf dunklem Holzboden. S. legt viel Wert auf Ästhetik, die Wärme ausstrahlt. In der Rolle der Gastgeberin fühlt sie sich wohl. Die heute 49-Jährige hat als PR-Managerin für einen weltweit agierenden Konzern Karriere gemacht.

Fasziniert von der Welt der Stars und Sternch

Produktpräsentationen in Südamerika, große Events in Berlin, Kontakt mit Promis. Die Glitzer-Welt. Eine Welt, die N. ebenso faszinierte wie die selbstbewusste, neue Frau an seiner Seite.

Wie viele seiner anderen Opfer, lernten sich beide im Krankenhaus kennen. Im Spätsommer 2008 entdeckt S. eine abnormal große Beule in der Ellbeuge, einen gutartigen Tumor. Ihr behandelnder Arzt in der Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist Andreas N. Ein Chirurg, der gerade dabei ist, einige Sprossen der Karriereleiter zu überspringen. Viele seiner Forschungsarbeiten haben es in renommierte Wissenschaftsmagazine geschafft, fünf Bücher-Cover tragen seinen Namen, im gleichen Jahr erhält er den Wissenschaftspreis der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC).

S. ist schnell von dem Mediziner begeistert. Wegen seines Know-hows, vor allem aber wegen seiner Fürsorglichkeit. „Sonst ist es in Krankenhäusern ja immer so steril und anonym, aber ihm war es ehrlich wichtig, dass es mir gut geht.“ Sie habe am Anfang nie daran gedacht, dass die Freundlichkeit des jungen Arztes über das normale Maß eines Arzt-Patienten-Verhältnisses hinausgehe. „Ich war einfach nur dankbar, dass er mein Arzt war.“ Ihre Mutter sah das anders. „Wie das halt so ist“, sagt S. und lacht.

Käsekuchen beim ersten Treffen

Den Vorschlag, den netten Arzt doch mal zum Essen einzuladen, nimmt sie an. „Ich erinnere mich noch daran, dass er bei unserem ersten Treffen Käsekuchen mitgebracht hat, weil er wusste, dass ich den mag. Das fand ich einfach liebenswürdig.“ Es entwickelte sich etwas, das S. heute als „Beziehungsanbahnphase“ bezeichnet. „Ich war schon immer vorsichtig und irgendwie wurde mir dann schnell klar, dass da irgendwas nicht stimmt.“ Nach wenigen Monaten fängt N. an, auf Nachrichten erst Tage später zu antworten, „an einigen Wochenenden wusste ich gar nicht, wo er war“.

An den Abenden, an denen er bei ihr ist, ist N. „liebevoll, niedlich, aber auch sehr verletztlich“. So er erzählt er ihr von seiner Kindheit. Vom Vater, der zu den Opfern des großen Skandals der 1980er Jahre gehörte, bei dem Tausende Bluter durch verseuchte Blutkonserven mit HIV infiziert worden. Er erzählt ihr, dass er sich als Junge um den kranken Vater gekümmert hat und deshalb Arzt geworden ist. „Das hat mich berührt“, sagt S.

Irgendwann nimmt sie ihn zu einem ihrer PR-Events nach Berlin mit. „Dort war er schüchtern, verklemmt, aber diese Welt hat ihn fasziniert.“ S. berichtet ihrem Freund von einem bekannten Popstar und dessen Drogenproblemen. „Und da war der Punkt, an dem er auf einmal begann, von Kokain zu reden und ob wir das nicht mal zusammen machen wollen.“

Operationen unter Drogeneinfluss

Beim nächsten Treffen hat der Chirurg die Drogen dabei. S. macht zweimal mit. „Danach habe ich ihm gesagt, dass ich das nicht mehr will.“ Doch da ist es schon zu spät. Egal, ob bei ihm oder bei ihr, „bei jedem Treffen ging es nur noch darum, er wollte ständig koksen“. Schnell sei ihr klargeworden, dass N. ein Drogenproblem hat, „er hat unheimlich viel konsumiert“.

Eines Morgens, es ist gerade 5 Uhr, wird S. vom Wecker ihres Freundes wach. Drei Stunden Schlaf, eine kurze Nacht. „Er war noch total zugekokst und meinte, er muss zur Arbeit“, erinnert sich S. „Ich war so schockiert.“ Auf ihre Frage, ob er ernsthaft in diesem Zustand Operationen durchführen wolle, hätte er geantwortet: „Ach klar, das machen doch alle.“ Auf Volksstimme-Nachfrage erkärte eine MHH-Sprecherin: „Er ist zu keinem Zeitpunkt im Dienst auffällig gewesen.“ Vom Drogenproblem des Arztes hätte man dort nichts gewusst.

Was an der MHH zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Nach Feierabend wird aus dem selbstbewussten Arzt ein von Selbstzweifeln geplagter, drogenabhängiger Mann, der mit seiner Umwelt hadert. S. weiß nicht, was sie tun soll. Sie entscheidet sich dagegen, die Ärztekammer zu informieren. „Er tat mir leid und ich wollte ihm nichts Böses.“ Auch nachdem N. Selbstmord-Gedanken äüßert, bleibt S. bei ihm. „Ich hatte diese innere Zerissenheit in mir. Was, wenn er sich wirklich was antut auf der einen und der Gedanke, dass ich da raus muss, auf der anderen Seite.“

Opfer mit Helfer-Syndrom

Frühjahr 2009. Auch an diesem Abend versucht S. ihren Freund wieder dazu zu bewegen, sich Hilfe zu suchen. „Aber er hat immer abgewinkt, meinte, er hat kein Drogenproblem.“ Beide haben Sex. S. bemerkt ein Taubheitsgefühl im Intimbereich, fühlt sich euphorisiert. „Dann habe ich peu à peu realisiert, was er da gerade gemacht hat.“ Als sie N. fragt, ob er ihr gerade Kokain zuzgeführt hat, fängt der Arzt an zu lachen. „Er fand sich toll dabei, hat mich ausgelacht. Ich habe mich vergewaltigt gefühlt.“ Macht. Ein Gefühl, das N. als Arzt kennt. „In zwischenmenschlichen Beziehungen war er aber klein, jemand, den man irgendwie bemitleidet hat“, sagt S. „Ich glaube, in diesem Moment hat er sich groß gefühlt.“

Wenn S. davon spricht, wie schockiert sie gewesen sei, legt sie kurz ihre Hand aufs Dekolleté und schaut ihr Gegenüber mit weit geöffneten, hilflosen Augen an. S. war nicht blind vor Liebe, wie es das Hollywood-Drehbuch jetzt anmerken würde. Eher gutmütig. „Das Helfer-Syndrom, das hatte ich irgendwie schon immer in mir.“ Und so ist N. nach diesem Abend noch einmal bei ihr in der Wohnung, will unbedingt mit ihr schlafen – und wird übergriffig. „Da habe ich ihn rausgeworfen.“ Kurze Zeit später muss sie für mehrere Monate beruflich ins Ausland. N. dreht durch, wird eifersüchtig, spricht von großen, gut gebauten Männern, die sie auf der Reise kennenlernen werde. S. distanziert sich mehr und mehr von ihm, erst als sie droht, zur Polizei zu gehen, hört er auf, ihr zu schreiben. Es bleibt eine Drohung, wenn auch eine, die wirkt. Jahre später schreibt er ihr nochmal via Facebook. „Aber das wurde dann wieder so schnell so spooky, dass ich nicht geantwortet habe.“

Eine Google-Suche mit Folgen

Dezember 2018. S. hat gerade einen neuen Mann kennengelernt. Ein Arzt. Beim Abendessen mit ihrer besten Freundin fragt die, was eigentlich aus diesem anderen Typen von damals geworden ist. „Wie das halt so ist, habe ich dann einfach seinen Namen gegoogelt und auf einmal bin ich in Schockstarre verfallen.“ Sie sieht die weltweiten Schlagzeilen im Netz. „Ich konnte es nicht glauben. Bis zu diesem Tag, zehn Jahre später, hatte ich nie daran gedacht, dass er das bei mehreren Frauen gemacht hat“, sagt sie. Noch am gleichen Abend ruft sie bei der Staatsanwaltschaft an. Ihre Aussage wird wenige Wochen später aufgenommen. In den nächsten Monaten entsteht die Idee, ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben. „Irgendwie auch, um das selbst zu verarbeiten“, sagt S. „Ich hätte zur Polizei gehen müssen. Vielleicht wäre die Frau dann noch am Leben.“

Das Buch, für das S. gerade einen Verlag sucht, ist auch eine Form der Wiedergutmachung. Es geht nicht um Geld. Dafür ist die Altbau-Wohnung im teuren Stadtteil zu groß. „Ich möchte vor allem Single-Frauen sagen ‚Hey, schaut genauer hin, seid nicht leichtgläubig.‘“

* Der Name ist der Redaktion bekannt.