Magdeburg l Es war nicht dieser eine Moment, eher ein Prozess. Aber irgendwann war sie da, die Erkenntnis, sagt Ina Bauer. „Mir wurde klar: Ich will nicht in der Großstadt alt werden, ich will weg aus Hamburg, zurück in die Heimat.“

So ungefähr vor fünf Jahren war das. Jetzt sitzt die 41-Jährige mit ihrer Schwester Kristin auf dem Balkon ihrer Wohnung im altmärkischen Tangermünde. Die beiden Frauen haben sich hier in der Altmark selbständig gemacht. Ina entwirft eigene Möbel und Einrichtungsgegenstände, die die Schwestern in einem Geschäft in der Innenstadt verkaufen. Außerdem bieten die beiden Innenarchitektur-Konzepte für Gebäude an. Das Geschäft ist nicht ganz einfach, doch der Reihe nach:

Hinaus in die weite Welt

Der Blick geht vom Balkon über die ziegelroten Dächer der mittelalterlichen Altstadt hinüber zu einem Schornstein, auf dem Störche ihre Jungen großziehen. Ina blickt zu ihnen. „Ich fühle mich angekommen“, sagt sie dann – zurück zu Hause, wo Familie und Freunde wohnen, und mit einem Job gesegnet, der sie ausfüllt.

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Die freundliche Frau mit dunklem Haar wirkt ein wenig nachdenklich, während sie erzählt. So, als ob der Plan ursprünglich ein anderer gewesen sein könnte, das Leben aber anders entschieden hat. Wie auch immer: Nach dem Abi ging es wie für viele junge Leute in den 90er Jahren erstmal hinaus in die weite Welt. Bauer, aufgewachsen im Städtchen Jerichow auf der anderen Elbseite, ging zum Reisen und Arbeiten für ein Jahr nach Australien. Es folgte ein Studium für Landschaftsarchitektur in Hannover, anschließend der Wechsel nach Hamburg.

Doch die Metropole und ihre große Freiheit machten ihr den Start nicht leicht. Landschaftsarchitekten waren damals – anders als heute – kaum gefragt. Die Sachsen-Anhalterin musste wechselnde Jobs annehmen. Hinzu kamen hohe Mieten. Zum Ansparen fiel kaum etwas ab. Bauer kämpfte sich durch, am Ende bekam sie die erhoffte Festanstellung in ihrem Beruf und baute sich einen Freundeskreis auf. „Trotzdem fuhr ich all die Zeit über alle zwei, drei Wochen nach Hause“, sagt sie. „Die Basis ist einfach hier.“

Trend zur Rückkehr

So wie ihr geht es offenbar immer mehr Landeskindern, die wegen Ausbildung, Job oder Liebe abgewandert sind. Hieß das Ziel über Jahre „nur weg“, gibt es inzwischen einen echten Trend zur Rückkehr in den Osten, so das Ergebnis einer Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde Leipzig.

Ein Grund: die verbesserte Arbeitsmarktsituation in den neuen Ländern. Zugleich sei Rückwanderung „in erster Linie eine Rückwanderung in soziale Netze wie Familie“, sagt Experte Tim Leibert. Sachsen-Anhalt bemüht sich nach Kräften, den Trend zu befördern. Aus nachvollziehbaren Gründen: Die demografische Kurve zeigt steil nach unten, dem Land fehlen Fachkräfte. Die, die einst gingen, sind nicht selten hochqualifiziert, oft haben sie inzwischen Kinder und Familie.

Willkommensagentur für Rückkehrer

Um Schwankende zurückzugewinnen, bietet das Land auf der Webseite eines eigens eingerichten „WelcomeCenters“ umfassende Hilfestellungen an. Vermittelt werden Ansprechpartner für die Stellensuche, die Kinderbetreuung, Umzugshilfen oder die Wohnungssuche. Der Landkreis Harz betreibt gar eine eigene Willkommensagentur für Rückkehrwillige. Auch sie vermittelt als erster Ansprechpartner Kontakte. „Die Anfragen steigen und auch die Zahl der Rückkehrer“, sagt die Verantwortliche Anja Ulrich. In diesem Jahr lädt der Kreis außerdem zum ersten Mal zu einem Rückkehrertag ein.

In den Weihnachtsferien, in denen viele Landeskinder ohnehin bei den Eltern sind, sollen sie sich an Ständen regionaler Unternehmen über Stellen informieren können. Der Landkreis Stendal hat das bereits ausprobiert. Mit überwältigender Resonanz, sagt Sprecher Edgar Kraul. Zur Premiere im vergangenen Jahr präsentierten sich 73 Firmen mit 120 Stellen im Landratsamt – es kamen 1200 Interessenten. „Wir waren räumlich an unseren Grenzen“, sagt Sprecher Kraul.

Einer, der beim Rückkehrertag in Stendal seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, ist Tobias Weigert aus dem 500-Einwohner-Dorf Schinne bei Bismark. Mit der Festanstellung bei der Arneburger Maschinen- und Stahlbau GmbH (AMS) endete für den 34-Jährigen eine regelrechte Odyssee. Nach der Schule zog es den Altmärker als Berufssoldat zunächst zur Luftwaffe der Bundeswehr. In Flensburg und Kiel stationiert, ließ er sich zum Fluggerätmechaniker ausbilden. Nach sechs Jahren hatte Weigert genug vom Dienst. Die Bundeswehr zahlte die Weiterbildung für die Arbeit an Zivilflugzeugen. Weigert lernte bei der inzwischen aufgelösten Air Berlin in Frankfurt/Main, wechselte später zu Condor. „Der Verdienst war super“, erzählt der sportliche junge Mann an diesem Vormittag in einem nüchternen Versammlungsraum seines Betriebs im Arneburger Gewerbegebiet.

Es gibt nur eine Option

Condor ermöglichte ihm sogar eine zusätzliche Weiterbildung zum Maschinenbautechniker. In Frankfurt hatte er Freunde, mit einem Kollegen flog er in den Urlaub nach Las Vegas. Und doch fuhr auch Weigert an den Wochenende regelmäßig nach Hause: „Das ganze Umfeld zog mich zurück“, sagt er. „Ich bin ein Dorfkind, die Großstadt ist eine Katastrophe.“

Als dann auch noch die Schwester mit Mann und Kindern in die Heimat zurückkehrte, stand für den Auswanderer fest: Es gibt nur eine Option – zurück nach Hause. Ganz so leicht war das allerdings nicht. Es fehlte eine passende Stelle. Die Suche übers Arbeitsamt blieb ohne Ergebnis. Am Ende war es ein zufälliges Gespräch von Weigerts Mutter mit dem Chef seines jetzigen Arbeitgebers, das ihn zu der erhofften Stelle führte.

Der Neustart kann schwierig sein

Als im November der Anruf kam, habe er sich riesig gefreut, sagt Weigert. Die Vertragsunterschrift beim Stendaler Rückkehrertag war dann nur noch Formsache. Seit April arbeitet Weigert in der Kundenbetreuung. „Ich will auf jeden Fall bleiben“, sagt er. Weigerts Kollege Tommy Polster – selbst Rückkehrer – hört solche Sätze gern. Die familiengeführte Firmengruppe hat hier in der Altmark ein massives Fachkräfteproblem, erzählt der Tangermünder. Von 18 Ausbildungsstellen, die man besetzen könnte, seien derzeit gerade drei belegt. „Die Auftragsbücher sind voll, wir könnten deutlich mehr machen“, sagt er. Damit der Nachwuchs gar nicht erst weggeht, will die Firma künftig noch stärker um ihn werben, so mit einem Tag der offenen Werktore am 25. Oktober – gemeinsam mit anderen Betrieben wie dem benachbarten Zellstoffwerk.

Ganz so leicht wie Tobias Weigert hatten es die Wohnschwestern in Tangermünde bei ihrem Neustart nicht. Um sich selbständig zu machen, mussten sie einen Businessplan schreiben, die Banken zögerten mit Krediten. Am Anfang mussten erstmal die Eltern aushelfen.

Das zweite Standbein

Allein vom Verkauf in ihrem Geschäft könnten die Schwestern wohl ebenfalls nicht leben. „Es gibt hier viele, die unsere Produkte zu schätzen wissen, aber nicht die Menge, die man bräuchte“, sagt Ina Bauer. Mit dem Problem sind die Wohnschwestern nicht allein. Allein im vergangenen Jahr hätten im eigentlich belebten Tangermünder Zentrum fünf oder sechs Läden zugemacht, erzählen sie.

Und doch haben sich die Schwestern inzwischen etabliert – vor allem über ihr zweites Standbein: die Innenraumarchitektur. Bis in den Raum Wolfsburg sind sie mit ihrer 2017 neu gegründeten Architektur-Firma „formel B“ aktiv. Derzeit entwickeln sie Raumkonzepte für die Tangermünder Kaffeerösterei oder ein Gutshaus in Wittenmoor. Während sie die Öffnungszeiten fürs Geschäft reduziert haben, wird die neue Geschäftssparte künftig zunehmen, sagt Kristin Bauer.

Auch sie übrigens ist der Liebe und Familie wegen nach dem Architekturstudium in Dresden in die Heimat zurückgekehrt. „Bei unserer Arbeit ergänzen wir uns super“, sagt die 35-Jährige. Während Ina den kreativen Part übernehme, kümmere sie sich vor allem ums Geschäft. Das Wichtigste aber: „Wir haben uns“, sagt Kristin Bauer. Man ist nicht allein mit der Selbständigkeit. „Wenn einer eine Krise hat, kann der andere ihn stützen.“

Mit Anfang 40 fragt man sich, was bleibt und ist wichtig im Leben, hakt Ina Bauer ein. Die Schwestern haben ihre Antwort gefunden. „Trotz mancher Schwierigkeiten würde ich das nie eintauschen wollen“, sagt Bauer. Und empfiehlt: „Ich würde jedem raten, es auch zu versuchen.“