Magdeburg | Manche Tiere sind zu intelligenten Leistungen fähig, die bislang nur den Menschen zugetraut wurden. Was hebt uns wirklich aus dem Tierreich heraus? Darüber sprach Uwe Seidenfaden mit dem Magdeburger Biologen und emeritierten Hirnforscher Professor Dr. Gerald Wolf.

Herr Professor Wolf, in vielen Schöpfungsgeschichten heißt es, dass Gott vor dem Menschen die Pflanzen und Tiere geschaffen hat. Vom Prinzip her sieht das auch die Wissenschaft (Paläontologie) so. Aber ist der Mensch wirklich der Höhepunkt der Evolution?

Der Mensch hat sich „Homo sapiens“ genannt und meint mit „sapiens“ verständig, klug. Bis heute hat uns darin kein Tier widersprochen, geschweige denn eine Pflanze. Und tatsächlich, in Hinsicht Intelligenz und Machtanspruch sind wir allen anderen Lebewesen himmelhoch überlegen. So hoch, dass wir sie alle – gemäß dem biblischen Auftrag, meint manch einer – zu Untertanen erklärt haben.

Mensch sieht Konsequenzen nicht

Die Domestizierung von Tierarten ermöglichte uns Menschen ein besseres Leben. Das führte zur Massentierhaltung und zu Heimtieren, die verwöhnt werden, während wildlebende Tiere zunehmend ihren Lebensraum verlieren. Wie intelligent ist das denn?

Alles oder fast alles hat eben auch seine Kehrseite, die fürs Erste nicht bedacht wird. Wer schon hatte die künftigen Unfalltoten im Auge, als die ersten Automobile ins Rollen kamen, wer Tschernobyl oder Fukushima, als man begann, die Kernspaltung zur Energiegewinnung zu nutzen? Die Zündung von ein paar Wasserstoffbomben würde ausreichen, den gesamten Planeten zu zerstören.

Oder denken wir an die Konsequenzen einer weltweiten Wohlstandsentwicklung, zum Beispiel daran, wie sich ein ungebremstes Bevölkerungswachstum auf die Natur auswirkt und auf die Menschheit selbst. Zyniker könnten sagen: Wie viel besser sind doch die Tiere, da alle ihre Befähigungen zusammengenommen niemals ausreichten, ein derartiges Konfliktpotenzial zu erzeugen.

Fliegen errechnen beste Ausweichroute

Andererseits bewältigen Tiere, selbst solche mit deutlich kleineren Gehirnen, spezielle Intelligenztests besser als ein durchschnittlich begabter Mensch. Ist das nicht auch erstaunlich?

Tatsächlich. Wie beispielsweise gelingt es Fliegen mit einem Gehirn von nur wenigen Hunderttausend Nervenzellen die beste Ausweichroute zur tödlichen Fliegenklatsche in Bruchteilen von Sekunden zu ermitteln?

Das sind Fragen, die sich auch die Hirnforscher stellen. Viele Wissenschaftler versuchen, hochintelligent wirkende Prinzipien tierischen Verhaltens auf Roboter zu übertragen. Andererseits lässt sich trotz intensiver Forschung bis heute noch nicht einmal das Zusammenwirken weniger Nervenzellen innerhalb unseres Gehirns exakt beschreiben, erst recht nicht das der insgesamt etwa 100 Milliarden. Wir müssen uns mit Prinziplösungen zufriedengeben.

Die Ureinwohner Malaysias nennen Orang-Utans Waldmenschen. Biologen sprechen von Menschenaffen. Doch gewähren wir ihnen kaum mehr Schutz als anderen Tieren. Dabei stehen sie dem Menschen genetisch viel näher als beispielsweise eine Maus, oder?

Was heißt schon „Tier“. Die Palette reicht von der Amöbe bis hin zu den Menschenaffen. Hier wiederum stehen wir den Schimpansen besonders nahe. Umgekehrt sind die Schimpansen mit uns näher verwandt als mit den anderen Menschenaffen, den Orangs also und den Gorillas. Unser Erbgut, die DNA, ist zu 99,5 Prozent identisch. Diese unsere Verwandten einfach als „Tiere“ abzutun, fällt ausgesprochen schwer.

Schutzpflicht statt Menschenrechte

Was halten Sie vom Vorschlag, unseren nächsten Verwandten –Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans – Menschenrechte einzuräumen?

Dagegen sprechen schwerlich abzuweisende juristische Bedenken. Daher wäre ich eher für eine international abgesicherte, hocheffektive Schutzpflicht.

Ein Zeichen von Intelligenz ist die menschliche Sprache. Eine besondere Rolle spielt dabei das sogenannte FoxP2-Gen. Ist es wirklich einmalig im Tierreich?

Das FoxP2-Gen sorgt als sogenannte Transkriptionsfaktor für die An- und Abschaltung von einer Vielzahl anderer Gene, darunter solchen, die für den Spracherwerb des Menschen eine wichtige Rolle spielen. Ist dieses „Sprach-Gen“ durch eine Mutation verändert, kommt es zu schweren Sprachstörungen. Bei Schimpansen scheint FoxP2 in dieser Hinsicht keine Funktion innezuhaben, wohl aber bei anderen Tierarten. Zebrafinken erlernen das Singen ähnlich wie Kleinkinder durch Nachahmung. Man hat herausgefunden, dass Störungen im FoxP2-Gen zu einer starken Vereinfachung ihres Gesanges führen.

Ethische Verpflichtungen sind absurd

Rund die Hälfte der Gene teilen wir Menschen mit Hefebakterien. Man könnte sagen, zur Hälfte sind wir mit Bäckerhefe verwandt. Trotzdem stellt niemand in Frage, ob es ethisch zu verantworten ist, genetische Experimente mit Bäckerhefe durchzuführen. Ist das nicht inkonsequent?

Der größte Teil der Gene wird für ganz grundlegende Aufgaben benötigt: für den Bau der Zellen und die Tausenden und Abertausenden Enzyme, die den äußerst komplexen Stoffwechsel bewerkstelligen. Demgegenüber erscheinen die Erbinformationen, die für den Bau der Gewebe, Organe und selbst den des Gehirns nötig sind, eher nachrangig.

Somit auch die für die Artunterschiede von Mikroben, Pflanzen und Tieren. Ihnen gegenüber uneingeschränkt ethische Verpflichtungen zu hegen, führte zu Absurditäten. Dann müssten wir jeder Mücke, wenn sie uns sticht, ihre Blutmahlzeit gönnen, ja selbst der Anopheles-Mücke, der berüchtigten Malaria-Überträgerin.

Schlussfrage: Werden wir Menschen die Funktionsweise unseres Gehirns jemals so verstehen, dass wir wirklich ganz begreifen, was in unserem Kopf passiert?

Die Architektur dieses hochgradig vernetzten Gebildes, was jeder von uns im Kopf mit sich herumträgt, ist derart verwickelt, dass wir sie nie und nimmer wirklich begreifen können – die Hirnforscher der ganzen Welt und die in aller Zukunft einbegriffen. Immer nur sind Prinziplösungen möglich. Nicht anders ist das mit den Gehirnen von Versuchstieren, zum Beispiel dem von Mäusen, deren Gehirn nur 100 Millionen Nervenzellen enthält. Allerdings gedeiht das Verständnis von Funktionsprinzipien so, dass nervale Störungen besser als früher verstanden werden und damit auch wirksamere Abhilfe möglich wird.