Aschersleben l So wie andere Menschen Briefmarken oder Münzen sammeln, trägt Gisela Ewe aus Aschersleben Tomatensamen zusammen. An die 600 Tütchen mit der unscheinbaren Saat hütet die 72-Jährige wie ihren Augapfel. Das Archiv hat sie in rund zehn Jahren zusammengetragen. Ein Zufall weckte die Liebe zu den Früchten, die sich hierzulande eigentlich in jedem Schrebergärtchen finden.

„2008 besuchte ich eine Ausstellung. Dort zeigte die Ökostation Neugattersleben eine regelrecht bunte Auswahl an Tomaten“, berichtet die Diplomlandwirtin mit einem Glänzen in den Augen. Rund und längliche, solche in Flaschenform, wuchtige Exemplare oder in Minigrößen lagen dort auf einem Tisch.

Nicht einmal rot waren alle, sondern auch gelb oder gestreift. Fasziniert sei sie damals gewesen. Durch den Wochenendausflug wurde die Lust geweckt, den ursprünglich aus Mittel- bzw. Südamerika stammenden Früchten mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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Italiener entdeckten Potenzial der Tomate

Im Jahr 200 vor Christus hatten die Maya mit deren Kultivierung begonnen. „Xitomatl“ hießen sie bei ihnen. Aha, da liegt also der Ursprung des Namens, der schließlich zu tomatl und dann zur Tomate wurde. Auch die Azteken mischten in der Geschichte mit. Wie den Mayas waren ihnen die kirschgroßen „Kullern“ zu klein. Durch die gezielte Auswahl und Züchtung von Mutationen erreichten sie ihr Ziel. Kein Geringerer als Kolumbus brachte dann 1498 die ersten Tomaten, damals mit gelber Schale, nach Europa. Nur Mutige wagten davon zu naschen. Sie hätten ja giftig sein können. In Italien sah man das Potenzial in den Pflanzen, kultivierte sie und vom Mittelmeer aus traten sie ihren Siegeszug an.

Zurück zu Gisela Ewe. Die Aschersleberin besitzt so etwas wie ein Pflanzengen. Neben dem Abitur – das war nur Anfang der 1960er Jahre möglich – schloss sie eine Lehre zur Saatzuchtfacharbeiterin ab, studierte anschließend in Halle an der Saale Tier- und Pflanzenproduktion. Ihr Wunsch, wissenschaftlich zu arbeiten, erfüllte sich nicht. So war die junge Frau als Anbauberater für Getreide in LPG und VEG unterwegs. Schließlich ein Wechsel zum DDR-Kulturbund, der auch Naturschutzgruppen unter seinem Dach vereinte. Da gab es durchaus Bezugspunkte zum ursprünglichen Beruf. Nach der Wende ein Neuanfang, Gisela Ewe verkaufte bis zum Ruhestand Medizintechnik.

Von Pflanzen konnte sie nie lassen. Der 3000 Quadratmeter große Garten hinterm Haus verlangt nach Pflege, die inzwischen fast ausschließlich in den Händen von Ehemann Helmut liegt, da die „Tomatenkönigin“ durch Multiple Sklerose in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt ist. An Elan fehlt es trotzdem nicht. Im kleinen Gewächshaus und an der Hauswand wuchsen die ersten Tomaten heran. Mit 56 Sorten begann die ungewöhnliche Geschichte. Großspurig verkündete Ewe damals, im folgenden Jahr diese Zahl auf 100 zu steigern.

Saatgut als Urlaubs-Mitbringsel

Freunde und Bekannte halfen, brachten beispielsweise aus dem Urlaub Saatgut mit. Ihre aus der der Ukraine stammende Hausärztin besorgte aus der Heimat einige Tütchen mit Samen. Aus Australien kam ein Brief eines Gartenfreunds, der vom Tick der Aschersleberin gehört hatte. Bei einem Restaurantbesuch war eine Tomate auf dem Teller Ziel ihrer Sammelwut. Die habe sie penibel ausgeschabt. Doch woher den Platz für die Vielfalt nehmen? Der Regionalverband der Kleingärtner stellte einen leerstehenden Kleingarten zur Verfügung. Platz ist dort für 200 Sorten, von denen jeweils zwei Pflanzen heranwachsen. Die Ökologische Sanierungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH Wilsleben begleitet das Vorhaben mit ihren Mitarbeitern. „Ohne diese Unterstützung wäre alles kaum zu schaffen“, versichert Gisela Ewe. Zugleich kommt ein Teil der Ernte den Tafeln zugute.

Und ein Unterstützer sitzt inzwischen mit im Boot: Rolf Bielau. Der Mann arbeitete am Institut für Züchtungsforschung in Quedlinburg, dort wo vor 60 Jahren die fast legendäre „Harzfeuer“, die erste DDR-Hybridtomate, das Licht der Welt erblickte. Friedrich Fabig war deren Vater. Nur der ursprünglich gewählte Name „Prima Vera“ hatte keinen Bestand, weil eine Saatzuchtfirma aus dem Westen Einspruch einlegte. Die Harzfeuer zeichnet sich durch einen leicht säuerlichen Geschmack, bringt zeitig erste Erträge und ist bis heute ideal für den Kleingärtner. Nur gegen Braunfäule zeigt sie wenig Resistenz.

Mittlerweile boomt das Saatgut dieser Sorte, nur die Herkunft sei oft unklar. Bielau zeigt Skepsis, nicht jede Tüte enthalte, was sie verspricht. Mit einem Test wolle man Licht in das Dunkel bringen und im kommenden Jahr die Ergebnisse der Untersuchungen vorstellen.

7. Tomatentag

Bielau und Ewe haben sich in der jüngsten Vergangenheit mit Tomaten aus Mitteldeutschland beschäftigt. In der Anlage am Ortsrand von Aschersleben wachsen viele davon heran und werden beim inzwischen 7. Tomatentag am 1. September vorgestellt. Bielau berichtet: „Die Tomatenzüchtung regionaler Sorten in Thüringen, Sachsen und der preußischen Provinz Sachsen reicht zurück die 1870er Jahre. Anfangs dominierten französische und englische Sorten. Die Bezeichnung Liebesapfel war bis in die 1940er Jahre gängig. Es gab Saatzuchtbetriebe in Erfurt, Eisleben, Aschersleben, Quedlinburg, aber auch kleine Gartenbaubetriebe wie in Pechau bei Magdeburg und später Hobbysorten von einzelnen Privatpersonen sind uns bekannt.“

1879/80 kam die Tomatensorte „Scharlachrote Türkenbund“ von der Erfurter Samenfirma Benary in den Handel. Neue Formen und Sorten entstanden mittels Selektion und Kombination in Saatgutfirmen. 1906 wurde durch die Firma Staib aus Aschersleben die heute noch angebaute Stabtomate „Lukullus“ erstmals gehandelt.

Mehr Infos gibt es auf dem Tomatentag am 1. September von 9 bis 13 Uhr in der Kleingartenanlage „Froser Weg“, Eingang Am Hangelsberg, in Aschersleben.