Magdeburg l Fast hübsch sieht er aus, wie er so über den Waldboden stolziert – der „Borkenkäfer Berti“. Mit der Figur auf Aufklebern informiert der Nationalpark Harz seit 2018 junge Besucher über das Wirken des Insekts im Schutzgebiet, sagt Sprecherin Mandy Gebara. Dazu der Spruch: „Ich schaffe Wildnis.“ Der Käfer sei eben nicht nur Baumschädling, sondern baue den Wald langfristig auch zu stabileren Beständen um, sagt Gebara.

Sachsen-Anhalts Waldbesitzerverband, Interessenvertreter von 15.000 Waldbauern außerhalb des Schutzgebiets, findet die Kampagne gar nicht witzig: Mit dem Aufkleber werde ein Schädling verniedlicht, sagte Chef Franz zu Salm-Salm. „Die ökologische Wüste, die sich am Brocken und darüber hinaus entwickelt, wird freudvoll als Wildnis beschrieben.“ Ohnehin taugten die streng geschützten Bestände des Nationalparks als Brutstätte und damit als Ausgangspunkt für die Ausbreitung des Borkenkäfers auch auf Wirtschaftswald.

Der Verband ist so verärgert, dass er sich jetzt in zwei Briefen an Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) gewandt hat. In einem erhebt er wegen des Aufklebers Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Leiter des Nationalparkes Harz und die grüne Umweltministerin Claudia Dalbert. Im zweiten wirft er Haseloff und seinem Kabinett „Agonie gegenüber der größten Katastrophe in Sachsen-Anhalts Wäldern seit dem Zweiten Weltkrieges vor“ und fordert Gespräche.

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Der Aufkleber ist nur aktueller Anlass. Seit Monaten stoßen die Waldbesitzer die Landespolitik immer wieder auf die immensen Waldschäden – aus Sicht des Verbands vergeblich. Eine angekündigte Richtlinie zur Verteilung von 25 Millionen Euro zusätzlicher Bundesmittel für die Wiederaufforstung etwa liege bis heute nicht vor.

Laut Experten sind Sachsen-Anhalts Wälder aktuell in der Tat von den größten Schäden seit Jahrzehnten betroffen. Seit 2017 setzten Stürme, Dürre und schließlich Käfer den Beständen zu. Nach Einschätzung des Dresdner Forst-Professors Andreas Bitter beliefen sich die Schäden 2017/18 auf mehr als 330 Millionen Euro. Allein 2018 fielen laut Umweltministerium 3,4 Millionen Kubikmeter Schadholz an.

Das hat Folgen auch für die Ökobilanz: Laut Waldbesitzerverband stehen inzwischen 15.000 Hektar kahl.

Folgen für CO2-Bindung

Der Wald könne damit eine halbe Million Tonnen CO2 weniger aufnehmen, als dies ohne Schäden der Fall wäre. In diesem Sommer könnte es nun noch schlimmer kommen. Grund ist der Borkenkäfer. Nach dem heißen Sommer 2018 stehen bis zu vier Käfergenerationen in den dürregeschwächten Fichtenbeständen bereit, um sich zu vermehren. Die Folgen sind laut Experten schon jetzt katastrophal: „Ältere Kollegen sagen, dass das Fichtensterben ein nie gekanntes Ausmaß erreicht hat“, berichtet ein Forstmitarbeiter aus dem Harz, der „wegen der politischen Dimension des Themas“ ungenannt bleiben will. „Die Dynamik überrascht alle.“ Ganze Bestände könnten verschwinden, fürchtet er.

Laut Ökologen beschränkt sich der Trend nicht auf Sachsen-Anhalt. Ganz Mitteleuropa sei betroffen, sagte der Würzburger Ökologe Jörg Müller jüngst Journalisten. Dahinter steht der Klimawandel. Er macht nicht nur die Käfer stark, er schwächt etwa durch Dürre auch die Bäume.

Die Staatskanzlei teilte mit, die Briefe des Waldbesitzerverbands würden geprüft. Deren schwierige Situation sei ständiges Thema im Kabinett, sagte ein Sprecher. Aktuell stünden zwei Förderrichtlinien zu Waldumbau und Waldschutz kurz vor dem Abschluss. Reiner Haseloff habe zudem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eingeladen, sich vor Ort ein Bild von den Schäden zu machen. Die Dienstaufsichtsbeschwerden allerdings seien obsolet. Gegen Minister seien diese nicht anwendbar, für den Nationalparkchef sei das Land Niedersachsen zuständig, betonte der Sprecher.

Auch die Industriegewerkschaft IG Bau sieht derweil schnellen Handlungsbedarf. Sie forderte gestern eine „Waldstrategie“, konkret: Aufforstung mit klimarobusten Baumarten und mehr Forstmitarbeiter.