Magdeburg l Peter Bruckner denkt gern zurück an die Zeit, als er im September 1965 am Puppentheater Magdeburg anfing. An den Tag erinnert sich Bruckner nicht mehr ganz genau, was etwas verwundern mag, ist er doch mit seinem Erinnerungsvermögen an Menschen und Inszenierungen ein wandelndes Lexikon. Alle zwölf Puppenspieler von einst – allesamt Quereinsteiger – zählt er spontan auf. Zum Beispiel Elisabeth Graul, die damals zum Team gehörte und mit der Bruckner bis zu ihrem Tod 2009 gut befreundet war. Das lag wohl auch an den Biografien: Graul hatte 1962 nach Verbüßung von elf Jahren Haft im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck im Magdeburger Puppentheater eine künstlerische Heimat gefunden. Bruckner litt ebenso unter der Diktatur, er hatte auch in Haft gesessen. Ihm war die Vorbereitung des illegalen Verlassens der DDR vorgeworfen worden. Nach dem Knast war es für ihn schwer, im Berufsleben Fuß zu fassen. Das Abitur hatte er in der Tasche, aber kein Studium. Er suchte einen Job – und das Puppentheater Zwickau einen Mann für alle Fälle. Bruckner gestaltete Schaukästen und Plakate, auch Puppen. Später stand er auf der Bühne, weil ein Puppenspieler händeringend gesucht wurde.

Magdeburg hatte den ersten Theaterneubau

1963 begann für Bruckner also seine Ära Puppentheater. Zwei Jahre Zwickau, dann der Wechsel nach Magdeburg. „Vorsprechen musste ich nicht. Meine Puppenentwürfe haben Gustel Möller gereicht“, erinnert er sich noch sehr genau. Gustel Möller, ein Tausendsassa, war damals Intendant. Er und Jutta Balk waren die Begründer des Hauses in Magdeburg. 1958 hob sich an der Elbe der Vorhang für die erste Inszenierung: „Der gestiefelte Kater“. Insider erinnern sich, dass damals noch Töpfchen für die Kinder mitgebracht werden mussten.

Es war die Zeit, als vor allem in den DDR-Bezirksstädten Puppentheater entstanden. Der Stadtrat in Magdeburg entschied sich damals für einen Neubau – den ersten im Land, der eigens für das Puppenspiel errichtet wurde. „Alle anderen hatten nicht so ein schönes Theater wie wir“, erinnert sich Bruckner. In Zwickau traten Kasper & Co im Saal der Stadtbücherei auf.

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Parteisekretärin auf der Bühne

Als Gegenüber hört man dem 76-Jährigen gern zu, wenn er von seinen Anfängen erzählt, von einer Zeit, als die Spieler nicht nur auf der Bühne standen. „Jeder von uns musste heizen. Dann fing man früh um 5 an, damit es warm war, wenn die Kollegen kamen.“ Auch später, als Steine geklopft wurden für den Anbau, hätten alle mit angepackt.

Peter Bruckner ging 2007 in Rente. 42 Jahre hat er Kinder mit seiner Kunst begeistern können, mehr als 7000 Vorstellungen gegeben. Der Magdeburger war geschätztes „Inventar“. Er hat die Entwicklung des Hauses Jahrzehnte begleitet. Er war dabei, als in den 1960er Jahren die ersten zaghaften Erwachsenen-Inszenierungen ins Leben gerufen wurden, als es erste Festivals gab, als das Haus zu Gastspielen nicht nur ins sozialistische Ausland fuhr.

Es gibt viele Episoden aus dieser Zeit, aber eine erzählt Bruckner besonders gern: Als in München ein Kongress stattfand, war auch ein DDR-Puppentheater geladen. Die Wahl fiel auf Magdeburg. „Aber über die Hälfte der Ensemblemitglieder musste ausgetauscht werden, weil die meisten nicht als vertrauenswürdig und zuverlässig galten“, erzählt Bruckner, der mit seiner Vita auch nicht in den Westen durfte. Dafür musste die Regisseurin einspringen – sie war zugleich Parteisekretärin am Hause.

Um Gastspiele in Bulgarien beneidet

Für die Entwicklung des Puppentheaters wurden die schon früh geknüpften Kontakte zu Theaterhäusern in Osteuropa, den Hochburgen des Puppenspiels, prägend. „Wir wurden damals um unsere Gastspiele in Bulgarien beneidet“, sagt Bruckner. Auch, dass Margareta Niculescu, die damalige Direktorin des Staatlichen Puppentheaters Bukarest und Leiterin von bedeutenden internationalen Festivals, in Magdeburg inszenierte.

„Durch all diese Kontakte hat sich eine eigene Formensprache am Haus entwickelt“, sagt Michael Kempchen. Kempchen, Jahrgang 1958, der 1990 der seinerzeit jüngste Intendant Deutschlands wurde, führte fort, was seine verdienstvolle Vorgängerin Elke Schneider (Intendantin seit 1984) angeschoben hatte: Neues auszuprobieren, innovativ und mutig zu sein. Sie hatte die Sparten durchmischt.

Heute steht das Haus mit seinen Inszenierungen für solche „Wagnisse“. Magdeburger Puppenspiel bedeutet auch Singspiel, Kammeroper und Musical. Die Zuschauer honorieren den Weg mit der Traumauslastungsquote von nahezu 100 Prozent.

Der vor Jahrzehnten begonnene Weg hin zu Neuem ist ausgebaut worden. Schon in den 60ern gab es Live-Musik in den Inszenierungen. Was damals zart ins Spiel gefügt wurde, gehört heute zur Normalität. In den Spielzeiten steckt richtig viel Musik. Mit dem musikalisch starken Ensemble konnten Stücke wie „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ gestemmt werden. Das Haus gastierte vor einem Jahr damit gar am renommierten Berliner Ensemble.

1976 - Theater unter freiem Himmel

1963 kam mit „Harlekin und Columbine“ die erste noch zaghaft angenommene Erwachsenenvorstellung auf die Bühne. Heute ist ein Spielplan ohne Angebote für Erwachsene undenkbar. Mehr als 40 Prozent beträgt der Anteil der „großen“ Besucher.

Und auch hier war Magdeburg Vorreiter: Schon 1976 gab es das erste Theater-Open-Air. Das ist heute hochbeliebt. Karten für die Sommervorstellungen darf man als Bückware bezeichnen. Allerdings: Heute ist es unvorstellbar, dass wie einst fünf Jahre hintereinander nur ein Stück angeboten wird. Überhaupt konnte einst ewig gespielt werden. „Manche Vorstellungen sind über Jahre gelaufen“, erinnert sich Bruckner.

Und der Blick nach Osteuropa? Der wurde unter der Ägide des künstlerischen Leiters Frank Bernhardt geweitet auf Europa in seiner Gänze. Es gehe darum, so sagt Bernhardt, internationale Entwicklungen in Magdeburg zu zeigen und daraus inhaltliche und formale Rückschlüsse auf die eigene Arbeit zu ziehen.

Dass das Haus in den Wirrungen der Wendezeit fast untergegangen wäre, ist heute schwer zu glauben. Bruckner erlebte die Zeit, in der dem Puppentheater laut einem Kulturkonzept keine Überlebenschance eingeräumt wurde. Bürger kämpften für das Überleben des Theaters. Und Elisabeth Graul, die sich als Schriftstellerin einen Namen gemacht hatte, wehrte sich in einem Offenen Brief in der Volksstimme gegen die Abwicklung: Dafür, so schrieb sie, sei man nicht auf die Straße gegangen.

Mehrere Puppentheater der einstigen DDR überlebten nicht. Sechs sind einem großen Theater angegliedert worden, das Erfurter ist in Vereinsträgerschaft. Das Magdeburger Haus aber blieb in städtischer Hand und ist von den ehemals 16 Häusern das einzige selbständige kommunale Puppentheater mit einem eigenen Ensemble.