Volksstimme: Frau Junkermann, morgen ist Reformationstag – 2017 ist dieser erstmals in allen Bundesländern ein staatlicher Feiertag. Fast alle haben frei, Sie nicht. Finden Sie das unfair?
Ilse Junkermann:
Ich habe auch frei und ich feiere gerne Gottesdienst in Wittenberg. Der Anlass ist doch toll!

Das Reformationsjahr und damit eine ganze Luther-Dekade neigen sich dem Ende entgegen. Welche Bilanz ziehen Sie?
Wir haben viele wichtige Erfahrungen gemacht in diesem Jahr. Bei den Kirchentagen haben wir das Format „umsonst und draußen“ ausprobiert, als Christen sind wir rausgegangen auf die öffentlichen Plätze und haben zu unverbindlicher Gemeinschaft eingeladen. Da sind viele Menschen gekommen, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben und sie haben über Glaubens- und Lebensfragen diskutiert.

Insgesamt sind jedoch gerade die Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland schlecht besucht gewesen. Bleibt da Frust zurück?
Natürlich. Viele Ehrenamtliche haben da enorm viel Zeit und Kraft investiert. Wir haben uns ein wenig verschätzt und besonders auf mehr Besucher aus den westlichen Bundesländern gehofft. Aber auch dort gab es unzählige Veranstaltungen, das Thema Reformation war in diesem Jahr überall präsent. Ich bin sehr dankbar, dass das gesamte Festjahr ohne Anschläge und Unglücke geblieben ist.

Das Reformationsjubiläum wurde auch mit reichlich Genussartikeln angekurbelt: Playmobil-Luther, Luther-Nudeln, Luther-Bier. Hat der Reformator diesen Personenkult verdient?
Ja, das denke ich schon. Martin Luther hat große Verantwortung übernommen und für seine Überzeugungen sein Leben riskiert. Das verdient Respekt. Schon zu seinen Lebzeiten gab es einen gewissen Personenkult um Luther. Das hat er selber nicht gemocht. Luther hat selbst gesagt: „Was nennt ihr euch lutherisch, nennt euch evangelisch!“ Die Playmobilfigur mit Schreibfeder und Buch in der Hand statt Waffen hätte ihm womöglich aber sehr gefallen. Sie wurde mehr als eine Million Mal verkauft, unters Volk gebracht, könnte man auch sagen. Er hat dem Volk ja gern aufs Maul geschaut.

Muss ein Luther-Bier sein?
Wenn es hilft, auf das Evangelium aufmerksam zu machen, habe ich da nichts dagegen.

Als Evangelische Kirche haben Sie 2017 auch auf eine neue Verständigung mit den Katholiken gehofft, auf neue ökumenische Impulse. Hat es die gegeben?
Oh ja, bestimmt! Es ist viel Vertrauen gewachsen und es ist eines deutlich geworden: Was uns trennt, bringt uns nicht gegeneinander. Es gibt viel mehr Verbindendes als Trennendes. Wir haben als Christen einen gemeinsamen Auftrag, wir wollen Liebe und Barmherzigkeit predigen und für Menschen am Rande der Gesellschaft und Menschenwürde einstehen.

Warum gelingt es evangelischen und katholischen Christen nicht, gemeinsam Abendmahl zu feiern, wo doch so oft die Gemeinsamkeiten betont werden?
Das liegt am Amtsverständnis und daran, welche Funktion die Kirche hat. Papst Franziskus hat da in der Katholischen Kirche bereits neue Impulse gesetzt. Er ermutigt seine Kirche, zu schauen, was vor Ort für Veränderungen möglich sind. Ich bin zuversichtlich, dass es da vorwärts geht. Allerdings sollte man nicht zu sehr drängen, sonst ist die Gefahr da, Widerstand zu produzieren. Wir freuen uns über die kleinen Schritte, die die katholischen Geschwister gehen.

Vor 500 Jahren waren die Menschen Feuer und Flamme für den neuen Glauben und nahmen sogar Verfolgung und Repression dafür in Kauf. Heute dagegen treten sie im Osten in Scharen aus der Kirche aus. Warum ist es aus der Mode gekommen, Christ zu sein?
Die Reformation hat die Säkularisierung und die Aufklärung mit vorbereitet, indem sie gesagt hat, es kommt auf die Gewissensfreiheit des Menschen an. Jeder muss selbst entscheiden, wie er glaubt oder nicht. Vielleicht gerade die Religionslosigkeit ist der Ort Gottes, hat Bonhoeffer gesagt und das stimmt. Vielleicht ist es nie die Mehrheit, die an Gott glaubt, oder vielleicht ist es nur in Krisenzeiten die Mehrheit, die zu Gott findet. Ich kenne allerdings auch viele Menschen, die kein Mitglied in der Kirche sind und dennoch gerne mitarbeiten und sich zugehörig fühlen: In der Jugendarbeit, in den Chören, in den Schulen. Kirche ist auch dafür da, diesen Raum zu eröffnen.

Der Mitgliederschwund sorgt aber dennoch für tiefgreifende Veränderungen: Die Einnahmen sinken, die Pfarrbereiche werden größer.
Wir sind dabei, umzudenken. Es ist ein großer Transformationsprozess, stärker von der Gemeinde her zu denken. Wir stärken Menschen vor Ort, dass sie selbst Andachten halten können oder experimentieren in der Jugendarbeit. Manche Arbeitszweige können wir nicht aufrecht erhalten, dafür kann aber Neues entstehen. Gleichzeitig kümmern sich in den Dörfern aber auch viele Menschen darum, die Kirche zu erhalten, weil sie ortsprägend ist – sie haben oft gar nichts mit Glauben am Hut.

Müssten Sie sich nicht stärker an Ihrem Gründer Jesus orientieren und vermehrt evangelisieren und für den Glauben werben, anstatt Kirchengebäude zu pflegen?
Da haben Sie recht, das ist unser Auftrag. Wir suchen neue Formen dafür. Das Jubiläum hat uns in diesem Jahr geholfen, einige Dinge zu erproben. Beim Camp der Konfirmanden in Wittenberg haben wir beispielsweise einen Gottesdienst mit 1500 Jugendlichen erlebt, den ausschließlich Freiwillige und junge Erwachsene gestaltet haben – das war den Teenagern viel näher, als wenn da die Bischöfin aufgetreten wäre. In Mitteldeutschland sind in den vergangen Jahren Jugendkirchen entstanden, zum Beispiel in Haldensleben oder Salzwedel. Dort werden Bands gegründet. Die jungen Leute wollen selbst ans Werk – und das geht doch bereits in eine gute und richtige Richtung.